Max Linder in Wien

 

   Man war darauf gefaßt, daß Max Linder nicht wie ein Durchschnittsreisender in Wien-West ankommen werde. Man war dessen sogar sicher. Linder durfte einfach nicht wie ein sonstiger Sterblicher aus seinem Wagenabteil steigen. Es mußte etwas ganz Außergewöhnliches, etwas “Ausgefallenes” geschehen. Linder, der lustige Linder, der Hexenmeister des Lachens. Er mußte zumindest von einem Waggondach herabklettern, oder am Puffer der Lokomotive einherreiten, oder aus dem Gepäckswagen ausgeladen werden. Man war auf alles gefaßt, auch auf das Sonderbarste.

 

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   Blumen, Lampions, Fähnchen. Enthusiastinnen, Backfische, Kinofanatiker. Filmoperateure, Photographen, Autographensammler. Erwartungsvolle, Neugierige, Hälserecker. Hochrufer, Bravoschreier, Ellbogendränger. Die Komparserie des Empfanges hatte Monumentalfilmausmaß. Man war gespannt, man war aufgeregt, man wogte in- und durcheinander. Mädchen standen eng ineinander verhakt, billige Talgkerzen tropften aus den bunten Lampions auf teure Pelze, und die Bahnsteigkarten gingen wie die frischen Semmeln ab.

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   Die Menge wälzt sich dem langsam einfahrenden Orientexpreß entgegen. Allen voran ein Enthusiast mit einem riesigen Blumenstrauß. Linder ist an keinem Coupéfenster zu sehen. Der Blumenstraußbewaffnete macht fortwährend Luftsprünge, um in die Abteile zu blicken. Endlich scheint er Lindern entdeckt zu haben. Ein mittelgroßer Herr will eben die Waggontreppe herabsteigen. Der Blumenbesitzer stürzt sich auf ihn: “Max Linder, willkommen in Wien!” Doch der lehnt kühl ab: “Ich sein keine Monsieur Ländähr, er sein in der Zug, ich sein er nicht ...” Enttäuschung auf dem Gesichte des Grünzeugüberreichers, auf allen übrigen Gesichtern. Der Strom wogt weiter. Eine Stimme aus dem Publikum: “Dar Linder Maxl sitzt sicher am Puffer von letzten Wogn; schauts nur hinteri.” Ja, man war auf alle gefaßt …

   Doktor Brand von der “Vita”, der Linder abholen kam, erfährt endlich die Wahrheit, löst das Rätsel. Der Volksinstinkt hat beiläufig das Richtige getroffen: Max Linder ist im letzten der Pullmannwagen. Wartet mit seiner entzückenden jungen Frau geduldig, bis die Träger seine Koffer holen kommen. Man holt zuerst ihn aus dem Wagen. Ein brausendes Hoch empfängt ihn. Er ist sichtlich überrascht. Im Nu hat seine junge Gattin die Arme voll Blumen. Aber vom Waggon herunter darf er nicht; er muß zuerst den Photographen standhalten. Blitzlicht, “Attention … Si'il vous plait …”

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   Linder lächelt. Und alles lächelt, kann sich eines Lächelns nicht erwehren. Der Herrscher des Lachens hat unwiderstehliche Gewalt über die Lachmuskeln aller seiner Nebenmenschen. Nicht sein Minenspiel allein verfügt über diese Macht. Gewiß, sein hübsches, scharfgeschnittenes Gesicht ist ungemein sympathisch. Aber seine Nase ist der Komiker seiner Gesichtszüge, der präzise Index allen Lacherfolges. Seine Nase ist lustig, man weiß es, ist überzeugt davon, wenn sich diese kleine, scharfe, kapriziös nach aufwärts gespitzte Nase, ohne jegliche weitere Grimasse zum Lachen schürzen wird, wird alles mitlachen. Jählings, plötzlich, ungewollt und unwillkürlich. Linders Nase birgt das Geheimnis seiner suggestiven Lacherfolge.

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   Linder ist klein und zierlich. Seine Stimme hat angenehmen Timbre und seine Bewegungen haben nichts von der Quecksilbrigkeit seines Spiels. Ohne Dandy zu sein, präsentiert er sich sorgfältigst nach dem Geschmack der letzten Mode gekleidet. Seine blutjunge Gattin überragt ihn fast um Haupteslänge. Dem Größenverhältnis nach für französische Begriffe gewiß ein seltsames Paar.

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   Ein Menschenstrom begleitet Linder zum Ausgang, eine Menschenmenge erwartet ihn vor dem Bahnhof. Wieder Hochrufe, Lampionschwenken. Blitzlichtstreifen flammen auf. Autographensammler bahnen sich mühsam den Weg zu ihm, erreichen ihn endlich. Verknitterte Notizbücher werden ihm zur Unterschrift gereicht. Linder unterschreibt alles, auch das Notizbüchel eines Knirpses, der plötzlich vor ihm, wie aus dem Boden entsprossen, auftaucht. Er muß geradezu durch die Beine der Erwachsenen gekrochen sein. Mit krampfhaft emporgereckten Aermchen hält er Lindern das Büchel unter die Nase. Max nimmt gutmütig das Schmierheftel aus dem unendlich schmutzigen Fäustchen und kritzelt seinen Namen.

Friedrich Oppenheimer.

(Neues 8 Uhr Blatt, 1.12.1923)