Erwin Solder:                      Glanz und Elend

                                       der Filmstars

Die Schicksale von

Filmschauspielern,

die einst berühmt waren, heute aber fast vergessen sind

Nachdruck verboten

8. Fortsetzung

Max Linder oder der Mann auf der Kugel                                                    

 

 

   Madame Leveille hatte ihren guten Tag. Endlich hat sie es durchgesetzt, daß ihr Nettester einen gebildeten Beruf ergreifen darf. Gabriel ist dem Schicksal entgangen, in väterlicher Tischlerei gesteckt zu werden, und soll eine höhere Schule besuchen.

   Gabriel ist sehr stolz, denn er hat einen unbesiegliche Abscheu gegen schmutzige Hände, und der Geruch von Tischlerleim bringt ihn einer Ohnmacht nahe. Er will Beamter werden und eine hübsche, kleidsame Uniform spazierenführen. Die Freundinnen der Madame Leveille sind von dem klugen Knaben entzückt, und vor der Tür sind sie sich einig, daß es mit Gabriel ein schlechtes Ende nehmen wird. Er will zu hoch hinaus.

   Es geht auch schief, denn eines Tages erklärt Gabriel seinen Eltern, er habe es sich überlegt. Ein Beamter sei ein Mann in einem abgetragenen Kontorrock und einer kleinen Pension. Jetzt erst ist er sich über sein Ideal klar geworden, er will Schneider werden.

   Madame Leveille ist entsetzt. Schneider? Warum nicht Besenbinder? Aber Gabriel erzählt mit glänzenden Augen von den Schaufenstern der großen Modekünstler, mit ihren herrlichen Anzügen und wunderbaren Krawatten. Das sei sein Schicksal. Papa Leveille macht der sehr aufgeregten Familiendramatik ein Ende, indem er erklärt, eine Lehrstelle für Gabriel suchen zu wollen.

   Er braucht nicht lange zu suchen. Denn eines Tages ist der hoffnungsvolle Sprößling verschwunden, und ein paar zurückgelassene Zeilen ersuchen die Eltern, sich nicht um ihn zu kümmern. Er will sein Leben in seine eigene Hand nehmen. Und mit einem gewissen, bescheidenen Stolz fügt er hinzu, daß er sich entschlossen habe, Künstler zu werden. Zirkuskünstler.

   Gabriel ist ein merkwürdiger Mensch. Er ist sehr energisch und steht mit seinen beiden Beinen fest auf der Erde. Aber die Erde ist eine Kugel, und er rutscht allzu leicht ab. Und dann ist er unsicher und verliert die Uebersicht.

   Eines Tages hat er den Zirkus Medano besucht und eine Raubtierdressur gesehen. Er ist von der roten, goldverschnürten Uniform des Dompteurs benommen, von seiner kurzen Peitsche und seinem majestätischen Auftreten. Er bewundert die Clowns und die Akrobaten, die ganz andere Menschen sind als die Nachbarschaft. In seinem Stübchen versucht er allmählich ihre Künste nachzuahmen und bringt es zu einer gewissen Fertigkeit.

   Eines Tages geht er zu dem Direktor und bittet, als Lehrling ausgenommen zu werden. Der Direktor wirft einen verächtlichen Blick auf den schmächtigen jungen Mann und zeigt auf die Tür. Gabriel geht und übt weiter. Als der Zirkus seine Zelte abbricht und nach Marseille übersiedelt, fährt er nach und stellt sich von neuem vor.

   Diesmal ist die Ablehnung gröber. Zirkusleute haben keine guten Manieren, und mit einem schmerzlichen Lächeln sieht Gabriel vom Boden auf und geht nachdenklich in seinen Gasthof zurück. Nur eins steht für ihn fest: als verlorener Sohn kehrt er nicht nach Hause zurück, zumal er sich nicht ganz sicher über die Aufnahme ist. Er wird sich in Marseille eine Stellung suchen.

   Aber auch in Marseille hat man auf Mr. Gabriel Leveille nicht gewartet. Er würde als Schreiber oder Verkäufer glücklich sein, bei jeder durchreisenden Schauspielertruppe spricht er vor. Es ist immer vergeblich, den Kaufleuten sieht er zu leichtfertig und den Artisten zu bürgerlich aus. Er schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten mühselig durch, bis ihm eines Tages bei einer Wandertruppe das Glück lächelt.

   Der Direktor, ein hagerer, ausgetrockneter Mann mit einer wehmütigen Stimme hört ihn aufmerksam an: "Sie können ernstlich," fragt er interessiert, "mit fünf übereinandergestellten Stühlen vom Tisch herunterfallen? Ich spiele eine Komödie, wo mir das als Einlage passen würde, verstehen Sie?"

   Gabriel führt seine Künste sofort vor. Er kann einen einwandfreien Salto mortale aus dem Stand drehen, er kommt im Sprung auf die Hände zu stehen und läuft die Bühne entlang, er stürzt von einer Stuhlpyramide, zieht den Nacken ein und fällt auf die richtige Stelle. Dann tritt er an die Rampe und schmettert ein Chanson.

   Er wird engagiert und stürzt sich begeistert in seine neuen Aufgaben. Zumeist spielt er den dummen Liebhaber, der die Prügel bekommt und zum Fenster hinausgeworfen wird. Das Publikum klatscht begeistert, wenn er im Hechtsprung über drei nebeneinandergestellte Stühle "abgeht". Jahrelang durchwandert er ganz Frankreich, bald in guten, bald in schlechten Engagements. Eines Tages spielt seine Truppe in einer Pariser Vorstadt, die Geschäfte gehen gut, Gabriel kann es sich leisten, am Nachmittag im Café zu sitzen. Da erzählt ihm eine Kollegin freudestrahlend, daß sie am nächsten Tag filmt.

 

 

   Er zuckt verächtlich die Achseln. Filmen: das ist tief unter seiner Würde, obschon er in aufrichtigen Momenten seine Würde nicht hoch einschätzt. Aber vorsichtigerweise erkundigt er sich nach dem Honorar.

   "Zehn Franken” antwortet sie und sieht ihn triumphierend an.

   Jetzt wird er doch nachdenklich. Wenn man solche Beträge verdienen kann — kurzum, er schreibt sich die Adresse auf und stellt sich vor.

   Der gutgewachsene junge Mann mit dem hübschen Gesicht und dem flotten Bärtchen gefällt. Man ist im Jahre 1906 noch nicht so anspruchsvoll in den Filmgesellschaften. Der Regisseur klopft ihm zufrieden auf die Schulter.

   "Sie sollten mich einmal im Zylinder sehen,” sagt Gabriel großartig. Der Regisseur hat nichts dagegen. Am nächsten Morgen erscheint er in höchster Eleganz. Ein spiegelblanker Zylinder sitzt schief aus dem sorgfältig gescheitelten Haar, der kleine Schnurrbart steht kokett in dem hübschen Gesicht, und der tadellos anliegende Gehrock macht seine Erscheinung noch schlanker. Und die dunklen lustigen Augen müssen sich in das Herz des Publikums lachen.

   Er darf in einer einaktigen Groteske auftreten, etwas mit zerbrochenen Stühlen, Hechtsprüngen, tausend Verlegenheiten und endlichem Sieg am Busen der Braut. Natürlich immer im modernen Gehrock und tadellosem Zylinder. Es ist die erste "Max" Komödie, die beispiellosen Erfolg hat und sofort in etwas geänderter Aufmachung noch einmal gedreht wird. Das Publikum lacht bereits, wenn der lustige junge Mann aus der Leinwand erscheint, mit den mutwilligen Augen und dem koketten Bärtchen. "Max als Bräutigam", "Max macht alles", "Max als Liebesbote", "Max in der Kaserne" — kurzum Max in allen Höhen und Tiefen des Lebens. Max wird ein Symbol, das sich auch ins bürgerliche Leben ausbreitet: als Max Linder ist Gabriel der erste Filmstar.

   Es geht schnell aufwärts. Die Konkurrenz engagiert ihn nach Mailand und zahlt ihm monatlich dreitausend Franken, aber ein halbes Jahr später holt ihn Pathé Frères nach Paris zurück, und er erhält die höchste Gage, die einem Schauspieler in der Welt gezahlt wird: 10 000 Franken im Monat. Sein Lebensideal ist erreicht, er darf sich so elegant kleiden, wie es das teuerste Modejournal verlangt — er muß es sogar, es ist sein metier. Sein hübsches, etwas banales Gesicht lacht von allen Plakatsäulen, alle Mädchen träumen von einem Freund wie Max. Er fühlt sich ganz sicher in seinem Ruhm, so sicher, daß er wieder ein bisschen ausgleitet und aus seiner eigentlichen Wirkungssphäre hin austritt.

   Er schließt Varietéverträge ab, zu fantastischen Bedingungen. Kurz vor dem Kriege tritt er in Berlin auf, im Wintergarten. Seine Gage beträgt 30 000 Mark für den Monat. Die Nummer ist sehr hübsch. Man sieht Max zunächst im Film: er fährt in einem Luftballon über Berlin und hält mitten über der Stadt. Dann verdunkelt sich die Leinwand, der Vorhang geht hoch: Dachziegel und Schutt poltern auf die Bühne herunter. Plötzlich wird ein Seil ausgeworfen, und herunter gleitet, vom Beifall umbraust, Max Linder. Dann folgt ein Sketsch "Max als Hühneraugen operateur", dessen burleske Komik viel blasser ist als im Film. Auch die strahlende Eleganz Linders schrumpft im Rampenlicht zu einer Schaufensterfigur zusammen. Aber die Enttäuschung wirkt sich nicht aus, denn plötzlich verschlingt ein blutiger Strudel Bühne, Gesellschaft und Heiterkeit: der Weltkrieg bricht aus. Linder wird eingezogen. Mehrmals meldet man seinen Tod, verfrüht, denn er kämpft tapfer an der Front, in den Argonnen, an der Somme. Inzwischen dankt Frankreich als Filmland ab, und die Zentrale des Filmhumors wird Hollywood.

   Als Max 1918 wieder nach Paris zurückkehrt, kann er die neue Situation nicht verstehen. Er schließt mit Pathé ab, aber der Erfolg der neuen amerikanischen Komiker macht ihn unsicher. Und statt sich auf seinem Heimatboden neu durchzusetzen, läßt er sich nach Amerika engagieren.

   Man macht in Hollywood abendfüllende Filme mit ihm. Plötzlich zeigt es sich, das, Max mehr kann, als über Stühle springen und sich aus einem Gewitter von krachenden Möbeln retten. "Sieben Jahre Pech" wird ein großer Erfolg, eine Parodie auf Fairbanks "Drei Musketiere" macht in Amerika volle Häuser. Aber Max steht nicht mehr im Brennpunkt des öffentlichen Interesses, er ist ein erfolgreicher Star unter sehr vielen andern. Das macht ihn unsicher, er steht nicht mehr fest auf der Erde und kurz entschlossen kehrt er 1922 nach Paris zurück.

   Er tritt wieder bei Pathé Frères ein. Aber der Erfolg enttäuscht. Inzwischen ist der europäische Film über Elegant und Schwerennötertum hinausgewachsen. Linder gerät in eine schwere Nervenkrisis, er begreift die Welt nicht mehr. In dieser Situation lernt er eine junge, bildhübsche Schweizerin kennen, Helene Peters, die sich in den unwiderstehlichen Charmeur verliebt hat. Sie ist achtzehn, er sechsundvierzig. Aber er hat sein Alter über seine Rollen vergessen, die ihn immer jugendfrisch, beweglich, siegesbewußt zeigen. Mit dem Hintergrund eines berühmten Namens, eines beträchtlichen Vermögens hält er ganz formell um Helene an. Die Mutter weist ihn kühl ab: eine Kientoppgröße paßt schlecht in ihre Familie, Max antwortet mit einer Geste aus seinen Filmen: er entführt die Geliebte an die blauen Gestade des Mittelmeeres. Leider ist Helene minderjährig und in Paris flammt plötzlich ein Skandal auf, für den sich die Polizei interessiert. Doch die energische Mama ist schneller als die Detektive: unerwartet taucht sie in Besu Rivagez auf, wäscht dem verliebten Komiker den Kopf und gibt beiden ihren Segen.

   Die romantische Episode hat seinen Namen neu vergoldet, hat seine Unwiderstehlichkeit bewiesen. Seine Filme haben großen Zulauf, er ist wieder der Held der Boulevards. Aber seine Gedanken weichen nicht von seiner jungen Frau. Sie ist bildhübsch, liebenswürdig und noch nicht einmal zwanzig. Jedes freundliche Wort an einen andern macht ihn nervös, jeder Blick steht unter heimlicher Kontrolle. Er weiß sich endlich keinen andern Rat und verläßt mit ihr Paris, um allen Versuchungen zu entgehen. Die junge Frau begreift sein Mißtrauen nicht und schwört ihn mit Tränen im Auge, daß sie nur ihn liebt und an keinen andern Mann denkt. Er bricht zusammen, gelobt Besserung, führt eine dramatische Reueszene auf — aber nach einer Woche ist alles wie vor her. Ruhelos wandern sie durch Europa. Er filmt in Wien: und die Galanterie der Wiener Kavaliere bringt ihn zur Verzweiflung. Er hat jeden Halt verloren und gleitet ins Nichts ab. Eines Tages erscheint er nicht im Atelier: man dringt in das Hotelzimmer ein und findet die Gatten im tiefen Schlaf. Sie haben sich mit Veronal vergiftet. Auch die kleine Frau hat keinen andern Ausweg aus diesem Irrgarten gefunden, in dem Verdacht, Mißtrauen und Verzweiflung alle Wege versperren.

   Man ist zu früh gekommen, die beiden werden gerettet. Dem Leben neu geschenkt, strahlt er vor Glück, denn jetzt ist er Helenes sicher. Wenn sie bereit war, mit ihm in den Tod zu gehen, wird sie ihn auch im Leben nicht verlassen. Sie kehren noch Paris zurück, in eine reizende Idylle mit einem blauen, wolkenlosen Himmel darüber. Ein Töchterchen wird ihm geboren, der Horizont ist rosig wie nie. Aber in den bösen Nächten, in denen er vor Nervenschmerzen nicht schlafen kann, dringt ein Stachel in sein Bewußtsein: es ist unmöglich, daß diese reizende junge Frau einen alternden kranken Mann lieben kann. Jedes Wort taucht vor seinem Geist auf und verwandelt sich zu einer Anklage, jede freundliche Gebärde wird zu einem Schuldbeweis. Die junge Frau weint haltlos über dem Bett ihres Kindes: sie kann nur immer wieder schwören, daß sie ihn allein liebt, daß sie keinen andern Mann kennt — aber Worte können ihm nicht mehr helfen.

   — und eines Tages findet man die beiden tot im Bett, auf dem Tischchen liegen die leeren Veronalröhren. Dies mal sind sie vorsichtiger gewesen und haben sich vorher die Pulsader ausgeschnitten. Sein Herz schlägt noch ein wenig, aber nach vier Stunden ist er auch tot, ohne das Bewußtsein erlangt zu haben.

   Nunmehr tritt die Göttin der Gerechtigkeit auf die Bühne. Da er seine Frau überlebt hat, ist sein Testament rechtsgültig — oder gilt das ihre? Die Hinterlassenschaft beträgt über eine Million und damit sind alle Voraussetzungen für einen Prozeß gegeben, der jahrelang zwischen den Erben der Peters und der Linders geführt wird. Und nun berührt eine kleine Alltagstragödie die Weltgeschichte, denn die Namen der Anwälte, die die feindlichen Parteien vertreten, sind Paul Boncour und Millerand. (Altonaer Nachrichten, 6.3.1936)