Beethoven im französischen

Schützengraben.

 

 

   ** Die "Chicago Daily Mail" veröffentlichte vor einigen Wochen eine Reihe von Skizzen vom Leben in den französischen Schützengräben. Bemerkenswert für uns ist das Geständnis, welch wunderbaren Einfluß der "Boche Beethoven" auf die französischen Soldaten ausübte. Der Erzähler der "Chicago Daily Mail" berichtet:

   Nach mehrmonatigem Granatenhagel war es bei Verdun auf einige Tage ruhiger geworden. Zwar nicht ganz still, denn immer noch heulten die Granaten auf die Gräben, aber der große Sturm hatte sich gelegt. Gegen die fürchterlichen Tage im Frühling konnte man fast von einer Idylle sprechen. Die Poilus vor Verdun atmeten auf, und wie leuchtende Blumen auf dem Brachfeld sproßte auch die unverwüstliche Frohlaune der Soldaten in den Gräben auf. Die französische Regierung, die es sich zum anerkennenswerten Bestreben gemacht hat, den Leuten in ihren Gräben und Unterständen in den Ruhepausen Kurzweil zu verschaffen, begann wieder damit, Künstler und Künstlerinnen nach Verdun zu schicken. In unmittelbarer Nähe des nächsten deutschen Grabens, kaum tausend Meter von den deutschen Stellungen entfernt, befindet sich ein unterirdischer geräumiger Saal, zehn Meter tief unter der Erde, den man "Trocadero" getauft hat. Es können in ihm fast 800 Personen untergebracht werden: Sitzbänke und einige Reihen Klappsessel sind ebenfalls vorhanden. Die letzteren hat man aus dem überflüssigen Stadttheater von Verdun entfernt und für die Offiziere hierher gebracht. In diesem "Trocadero", dessen Inneres recht behaglich ausgestattet und von dem Spezialzeichner des "Figaro illustré" geschmackvoll ausgemalt wurde, fanden selbst zurzeit der schwersten Kämpfe — allerdings lag das "Tracodero" damals nicht so nahe an der Front, weil sich die deutschen Linien erst später so dicht herangeschoben hatten —,

hier Vorstellungen statt. Es gab abwechselnd Kino, Variété und Theater. Berühmte Chantansänger wechselten mit den ersten Kräften der Oper und des Schauspiels ab. Der Tenorist Dalmoros, der Schauspieler Guitry, Madame Calvé u. a. gaben Gastspiele. Max Linder, der Liebling der Kinomuse, präsentierte sich als Korporal eines französischen Linien-Infanterie-Regimentes und trug einige ausgelassene Begebenheiten aus seinem Filmkünstlerdasein vor. An einem der letzten Tage des März, als die schweren Kämpfe um Vaux tobten, rezitierte Sarah Bernhard in diesem Kunsttempel Verse aus Racines "Phädra". Dumpf klang das Rollen Tausender von Kanonen in die Verse hinein und gab den erschütternden Worten Racines einen ergreifenden Unterton. Den tiefsten Eindruck aber erzielte ein keines Orchester, das sich aus Soldatenrock tragenden Mitgliedern der Grande Opera, der Opera Comique und des Concert Colonne gebildet hatte. Man spielt zuerst einiges von Gonnod, Debussy, Puccini, Leoncavallo und Tschaikowsky, hin und wieder auch einiges von englischen Komponisten, die Poilus klatschten Beifall. Dann durchklangen überirdische Töne den Raum. Es war, als ob der Friedensengel über alle Köpfe schwebte. Das Orchester spielte Beethovens Adagio aus der Sonate Pathétique. Mancher Poilus nahm seine Mütze, zerknüllte sie in der Hand und wischte sich damit eine Träne aus den Augen, das war die Stimme des Himmels und des Friedens! Kein Poilus klatschte Beifall, als das Adagio endete . .. es war wie in der Kirche. Viele schluchzten. . . . Das Programm hatte allerdings aus dem Rheinländer Beethoven in einer Erläuterung einen — Holländer gemacht!! (Altonaer Nachrichten, 26.10.1916)