* Kinoschau. “Einlaß! Einlaß!” verkündet der uniformierte Jüngling und die im Vorraum angesammelte Menge strömt in den Saal des Kinotheaters, dessen Plätze teilweise schon besetzt sind. Sesselklappern, Sprechen, Lachen, Rufen. Dann Flüstern: es ist bis auf einige Lichter dunkel geworden. Hierauf große Stille: der Apparat surrt, die Leinwand erhellt sich, die Vorstellung beginnt. “Die Damen werden ersucht, die Hüte abzunehmen!” Die Stammgäste haben es schon getan. Andere folgen, einige Damen zögern und fügen sich erst den weniger höflich gestellten Aufforderungen der Rückwärtssitzenden. Hinter einer Verschalung ertönen Instrumente. Ein flotter Walzer. Erste Programmnummer: “Die Rocky Mountains.” Drei Viertel des Publikums haben keine blasse Ahnung, wo in der weiten Welt die Rocky Mountains gelegen sein mögen. Es interessiert sie auch gar nicht, es ist doch immer dasselbe: Gebirge, Wasserfälle, Schluchten, Wälder, die im Walzertempo vorübertanzen. Nummer eins ist abgekurbelt. Licht, Aufatmen, Pause. Zweite Nummer: “Die Toten schweigen!” Drama in drei Akten. Ah! Asta Nielsen, die große Asta mit den echten Tränen und der falschen Tragik! Zehn Minuten und alles steht im Banne schrecklichster Begebenheiten. Liebe, Eifersucht, Tücke, Edelmut scheffelweise. Die interessantesten Szenen begleitet das Publikum mit geflüsterten Bemerkungen “Das ist die Linda von Weißenfels, dort die Schlanke, die ihn vergiften will!” - “Warum will sie ihn denn vergiften?” - “Wirst sehen, jetzt wird er sie erschießen und sich dann dem Gericht stellen!” - “Wer denn, der Egon?” - “Aber nein, der Helmut!” Wenn die Not am größten ist, erscheinen auf der Leinwand verschiedene schriftliche Mitteilungen von oft beträchtlicher Länge. Sie werden halblaut heruntergelesen und verschwinden, ehe man sie zu Ende gelesen hat. Der dritte Akt bringt den Höhepunkt des Dramas. Die Musik weint, das Publikum weint, nur wenige lachen. Irgendwo kommt es zu einem Streit: “Sie frecher Kerl, wenn Sie noch einmal meine Frau belästigen, hau' ich Ihnen eine herunter!” - “Was, Sö woll'n mir ane oberhau'n, Sö g'seichter Haring?” - “Pst, Ruhe! Schmeißt sie hinaus!” - “Um Gottes willen! (Unterdrückte Angstrufe.) Sie hat sich aus dem Bodenfenster gestürzt.” Die Gräfin von Saldern und der Egon erschießen sich. Das Drama ist zu Ende. Nächste Nummer: Max Linder und die großen Stiefel. Lustspiel.” Ah! Max Linder! Der berühmte Max Linder!

 

 

Berliner Kino-Typen

Berliner Kino-Typen aus dem Elite-Theater Brunnenstraße (Inh.: Woehling)

[Quelle: "Erste Internationale Film-Zeitung", 1.7.1911]

 

Den Namen kennen sie alle, aber wo sein Träger in der Welt existieren mag, weiß niemand. Das ist Ruhm. Er verdient ihn auch. Wie Asta Nielsen in Verzweiflung, so arbeitet Max Linder in Lustigkeit. Die Musik bemüht sich, durch einen flotten Cakewalk. Max Linder und die großen Stiefel zu unterstützen. Die früher weinten, lachen; die früher lachten, weinen jetzt. Das Lustspiel ist abgeschnurrt. Nun kommt die Wochenschau. Sämtliche jungen Damen fangen an zu gähnen, während die Herren in ihrer Begleitung ernste Erklärermienen aufsetzen. Es erscheinen unter andauernder Musik umgestürzte Lokomotiven, brennende Margarinfabriken, dazwischen allerlei Feierlichkeiten. Berlin: Pickelhauben, Federbüsche, Stechschritt, Heil dir im Siegeskranz, Wilhelm Rex. - Frankreich: Poincaré auf Reisen. Viel Zylinder, viel Jungfrauen. Allons enfants! - Italien: Ein Scherzbild: Wo ist der Viktor Emanuel? Die meisten finden ihn nicht, nur einige wenige entdecken ihn unter dem rechten Ellbogen eines Ministers. Zum Schluß Oesterreich: Eine Einweihung. Die Musik spielt einen schläfrig-feierlichen Choral. Geistliche, Geistliche und noch Geistliche. Auf Wiedersehen. Ende. Das Publikum geht nach Hause. Es hat keine Beschwerden. (Arbeiter Zeitung, 11.1.1914)