Auch ein Totentanz. Er hieß Max Linder. Wer kennt ihn nicht? Wer hätte nichts von ihm gehört? Ihn nicht gesehen? Unterhielt er doch vorzüglich seine Zuschauer und verwandelte oft die Kinotheaterbühne in ein lustiges Tollhaus. Man mußte ihn gesehen haben. Sein Name prangte vielversprechend auf allen Kinoplakaten. “Max” tut dies, “Max” tut jenes. Max konnte alles, Max machte alles. Und das Publikum jubelte ihm zu. - Der Krieg hatte plötzlich auch damit aufgeräumt. Die Films feindlicher Staaten verschwanden von der Bildfläche, und Max Linder spielte für eine Pariser Firma. Dafür stellte er sich als deutscher Reservist pünktlich zur Fahne und fiel alsbald im Sturm von Lüttich. Seine Geschichte ist aber noch nicht aus. Als ich einmal abends durch ein Vorstadtviertel kam, entdeckte ich zufällig an einem kleinen Kinotheater das altvertraute Plakat wieder: “Max soll heiraten!” Unter den photographischen Aufnahmen fand ich richtig den seligen Linder, ganz verschüchtert und in komischer Pose in den Händen einer riesigen, handfesten Köchin. Ich betrat den dunklen Raum und ließ die Bilderfolge an mir vorübergleiten. Und ein wunderliches Mitgefühl bemächtigte sich meiner. Da sitze ich mit vielen anderen und freue mich mit ihnen darüber, wie sich der Held dieses Stückes abmüht, einen heiteren Erfolg zu erzielen. Und seit zweieinhalb Jahren schon ist er tot, hat seine Heldenpflicht auf dem Schlachtfeld getan und kann nicht zur Ruhe kommen. Der Geist unserer Zeit, der ewig vergnügungshungrige, sensationslüsterne, gönnt selbst seinem toten Krieger nicht den Frieden, der ihm gebührt. Er muß sein elendes Schattendasein weiterspielen, wie ein Gespenst über die Leinwand huschen und – Ironie des Schicksals! - die Harmlosen zum Lachen reizen. Armer Max Linder! Die Menschen von heute fragen nicht viel danach, ob hinter dem Schemen auf der Leinwand noch das frische Leben pulsiert, das ihm Bewegungsfreiheit und Gestaltungsrecht zuerkennt. Die Menschen wollen nun einmal vergnügt sein. Was kümmert sie der Tote? Der Schatten an der Wand, der wesenlose, vermag ebenso gut die Vorstellung auszufüllen. Und der arme Max Linder spielt seinen Totentanz, grotesk und schauerlich zugleich; er spielt, weil er muß. Möge ihm bald Ruhe auf der Erde werden, wie dem verfallenden Körper unter der Erde. (Arbeiter-Zeitung, 11.7.1917)