Max Linder,

der berühmteste Kinoschauspieler der

Welt im Wintergarten.

 

 

 

    Was bannt die Menge vor den flimmenden Film? Was drängt jeden Tag mit magischer Gewalt ungezählte Millionen in den dunklen Zuschauerraum des Kinematografen-Theaters? Es muß doch in der zauberhaften, neuen Kunst etwas stecken, was dem tiefsten Sehnen der Menschheit unserer Tage entgegenkommt und ihr im belebten Bilde gewährt, was die Wirklichkeit den allermeisten versagt. Unaufhaltsam ist der Siegeslauf des Kinos, es kennt nicht die Grenzen, welche die Länder und Völker trennen nicht die Abgründe, die zwischen den einzelnen Bevölkerungsschichten klaffen, der Film, der technisch vollendete Film, erfreut alle ohne Unterschied. In das einsamste, weltentlegendste Dorf trägt er etwas von dem lauten, bewegten Treiben der Weltstadt, dem Aermsten verschönt er das Dasein, dem Reichsten weiß er einen neuen Reiz zu bieten, dem Klügsten etwas neues zu lehren.

    In einer kurzen Spanne von Jahren hat das Kino seinen Siegeszug rund um die Welt vollendet und überall seine Herrschaft fest gegründet. Wir alle - nicht bloß wir Alten - wissen uns gar wohl zu erinnern, wie uns der Wintergarten zuerst die Bekanntschaft von Mr. Biograph vermittelte und wie er dann jeden neuen Fortschritt dieses wunderbaren Wesens den Berlinern und Besuchern Berlins vor Augen führt. Er brachte das Tonbild d.h. das sprechende Lichtbild, er brachte das farbige Kinobild, und jetzt bringt er - - doch, da müssen wir ein bißchen ausholen.

    Unnötig zu sagen, das Caruso weltberühmt ist, daß es Wachtel war, daß es jederzeit Sänger und Schauspieler gab, deren Name im Munde aller Leute war, deren Ruhm über beide Hemisphären strahlte. So wenigstens ist die fable convenue, ein kurzes Nachdenken aber zerstört diese Fabel. Kein Bühnenkünstler wird, wie man so gern glauben machen und wie er selbst so gern glauben möchte, der ganzen Welt bekannt. Es sind immer nur die großen und größten Städte und noch nicht einmal die aller Kontinente, die ihn kennen lernen und in ihnen ist es wieder nur eine dünne Oberschicht, die sich den Genuß bereiten kann, ihn zu sehen und zu hören. Auch die hehre, ob allem Irdischen schwebende Kunst ist gehemmt und gebunden durch räumliche und nationale Schranken. Das Dichterwort, welches das eine Volk rührt und erhebt, erfreut und ergötzt, findet beim anderen kein Gehör mehr und prallt eindruckslos zurück.

    Das Kino hat diesen Zustand geändert. Grundsätzlich wendet es sich an alle Menschen, an alle Stände und seine Ausdrucksmittel gestatten ihm überall und auf alle zu wirken. Welch' ungeheures "Auditorium" hat ein Kinokünstler, welch' unermeßliche Scharen von Zuhörern hängen in gespannter Aufmerksamkeit an seinem vervielfältigten Ich. Nie tritt er von der Bühne, verlöschen in Europa die letzten Lampen der Kinobühne, dann flammen sie in Amerika auf, spielen die wundersamen Darstellungen des Lichtbildes, die uns den Abend unterhielten, durch unsere Träume, dann erfreuen sich unsere Antipoden daran. Ein Film, der einmal irgendwo Beifall gefunden hat, findet immer an allen Orten Beifall, und der Künstler, der ihm sein Leben einhauchte, wird überall und zu jeder Stunde bejubelt, nicht nacheinander, sondern nebeneinander.

    Es muß ein eigenes Gefühl sein, so ins Große und im Großen wirken zu können, und wenn es einer empfindet, so ist es Max Linder, den der Wintergarten für ein Gastspiel gewonnen hat. Die Pathé-Films, auf denen er wirkt, stellen märchenhafte Werte dar, kraft der ihm eigenen Darstellungskunst, kraft des siegreichen Humors, über den er gebietet. Man hat berechnet, daß täglich 13 Millionen Menschen in der ganzen Welt über ihn lachen, vielleicht ist diese Zahl zu hoch, vielleicht zu niedrig gegriffen, auf ein paar Hunderttausend kommt es ja dabei nicht an, soviel ist sicher, daß kein Künstler existiert, der so viel Menschen aller Rassen und Sprachen fröhliche Stunden geschenkt hat. Das ist gewiß ein großes Wort, aber ein wahres, und die Pathé-Gesellschaft, die jede Woche für rund 50 000 Mark Linder-Films verkauft, die mit diesen Zelluloidstreifchen den Globus einwickelt, weiß warum sie diesem noch so jungen Mann fürstliche Honorare zahlt. Die Welt, die Linder kennt, weiß, warum sie ihn mit Gold überschüttet und ihm zu einem Einkommen verhilft, das in den letzten drei Jahren auf eine runde Million Francs angegeben wird.

    Wir alle wissen es, die wir schon so oft im behaglichen Vorausgeschmack des Genusses lachten, wenn das Kinoprogramm Max Linder in der Hauptrolle irgend einer Burleske ankündigte und die wir im Film doch nur den "Abglanz des Lebens", um das Goethe-Wort zu gebrauchen, nicht das Leben selber hatten. Nicht das sprudelnde, quecksilberne, von tausend Sprühteufeln erfüllte Leben, das sich in der Person Linders verkörpert. Und jetzt wird das Bild zum Körper, der Schein zur Wirklichkeit und wir sehen den Künstler in Person. Wir sehen ihn in einem Sketch, der auf diese agile, unendlich gewandte Person zugeschnitten ist und dem Talente des Künstlers Gelegenheit gibt, sich zu entfalten und in allen Facetten zu brillieren. Da ist kein Griesgram, der vor dieser Drolerie, vor diesem bald eleganten, bald grotesken und doch immer geschmackvollem Humor nicht kapitulieren muß.

    Man spricht den Franzosen oft ein geringeres komisches Talent, eine geringere Beanlagung für das humoristische Genre zu, als etwa den germanischen Nationen, den Deutschen und Engländern. Freunde dieser Theorie dürften enttäuscht sein, wenn sie Herrn Max Linder als Beweis dafür in Anspruch nähmen. Dieser Herr ist nämlich ein Monsieur, ist trotz seines urdeutschen Namens ein Vollblutfranzose, aus der Gegend von Bordeaux, und was kann französischer sein, als ein Südfranzose. Wie kam nun dieses starke, eigenartige, wie für das Kino geschaffene Talent dazu, sich diesem auch zu widmen? Man wird doch nicht von vornherein Kinodarsteller, oder man wurde es wenigstens früher noch nicht. Nun, es ist die alte Geschichte, um seinen eigentlichen Beruf zu finden, muß man vorher einen anderen verfehlt haben. Linder ging gar so weit in der Irre nicht. Schauspieler wollte er von klein auf werden, und wenn die Eltern, brave Bürgerleute, auch sauer dazusahen, so setzte er es doch durch, auf eine Theaterschule geschickt zu werden, wo er einen zweijährigen Kursus absolvierte. Dann tat er das, was in Frankreich jeder junge Mann tut, der vorwärts kommen, sich durchsetzen, reich und berühmt werden will, er ging nach der ville lumière, nach der "Lichtstadt" Paris. Daß die Kapitole es für ihn einmal im doppelten Sinne werden würde, hat er, als sie ihm zunächst Enttäuschung über Enttäuschung brachte, wohl nicht gedacht. Nicht im Fluge, wie er es sich ausgemalt hatte und wie seine Eltern zuletzt zu glauben geneigt gewesen waren, eroberte er sich Publikum und Presse, die Theater rissen sich durchaus nicht um ihn und er war froh, daß er an einem kleinen Theater gegen eine winzige Gage unbedeutende Rollen spielen durfte. Guter Rat war teuer, die enttäuschten Eltern hatten ihre Hand von ihm abgezogen und nun galt es gegen das Verhungern anzukämpfen. Aus Not wurde er Kinoschauspieler. Aber es erging ihm, wie jenem, der auszog eine Eselin zu suchen und ein Königreich fand. Gleich den ersten Film, dem er seine Persönlichkeit lieh, machte er zu einem Schlager ersten Ranges. Die Abenteuer des jungen Lebemannes, den er darauf zauberte, wurde von ihm mit einer so unwiderstehlichen Komik durchtränkt, daß das Gelächter darüber in der ganzen Welt widerhallte. Zwanzig Francs hatte der junge, unbekannte Mime für seine unerwartete Musterleistung erhalten, aber bald steigerten sich seine Einkünfte ins Große, denn die Filmgesellschaft wußte die neue Kraft zu schützen und festzuhalten - mit goldenen Banden.

    Max Linder ist, das ist eine Tatsache, an der niemand rüttelt, der erste Filmschauspieler, der erste Filmkomiker der Welt. Es wäre aber weit gefehlt, anzunehmen, daß er den Kranz ohne Mühe, ohne die ernsteste Arbeit erlangt habe. Er hat sich durchaus nicht nur die Mühe geben brauchen, geboren zu werden, um dann die Künstlerschaft zu erlangen, die er heute besitzt. Gewiß seine vis comica ist ein Geschenk der gütigen Natur, die Gabe auf die Lachmuskeln, souverän auf die Stimmung der Menschen zu wirken, ist angeboren, nicht zu erlernen, aber wohl will die übermenschliche Gewandtheit, die unglaubliche Fixigkeit erworben sein, die ihn befähigt, seine mannigfaltigen Rollen zu beherschen. Jede Fertigkeit, über die Menschen in der Wirklichkeit verfügen, muß er soweit innehaben, daß er sie im Lichtbilde glaubhaft als ihm eigen zeigen kann. Was die ausschweifendste Phantasie von ihm fordert, er muß es möglich machen, jedes Abenteuer muß und wenn es noch so toll ausgedacht ist, in ihm einen Helden finden, der es glaubwürdig, ja natürlich macht. Linder bringt alles fertig. Er reitet und springt, schwimmt und tanzt, klettert, kämpft (allen Ernstes) mit Stieren, wie der beste Espada, kurz er ist ein Tausendsassa. Vor allem ist er aber ein wahrer, echter Humorist, ein Komiker von Gottes Gnaden und sicher werden es Tausende dem Wintergarten danken, daß er ihnen Gelegenheit gab, den großen Künstler auf der Bühne und nicht nur auf der Leinwand zu sehen. (Berliner Börsen-Zeitung, 3.12.1912)