Max Linder

 

 

   Der Filmkünstler Max Linder, den seine Bewunderer den französischen Chaplin nannten, hat, wie unser Pariser Korrespondent uns schreibt, in einem Anfall schwerer Neurasthenie seine junge Frau und sich selbst getötet. Beide wurden am Sonnabend in einem Hotel der Avenue Kleber mit durchschnittenen Pulsadern aufgefunden. Sie lebten noch, waren aber ohne Besinnung. In einer Klinik der Rue Piccini, nach der sie gebracht wurden, starb erst die Frau um 5 Uhr nachmittags, dann um 12 Uhr in der Nacht zum Sonntag Max Linder. Diese Tragödie, die in der Welt des Films tiefste Teilnahme erweckt, ist der Abschluß eines Liebesromans. Max Linder hatte vor drei Jahren in Chamonix ein schönes junges Mädchen, Marguerite Peters, kennengelernt, in das er sich verliebte. Er war 20 Jahre älter als die junge Schönheit, aber er war berühmt und blendend durch gute Laune und Kraft. Die Geschichte der Entführung stand damals in allen Zeitungen. Im Sommer 1923 ward die Einwilligung der Eltern zur Ehe erreicht, und am 2. August 1923 wurde Max Linder mit seiner Braut in der Kirche St. Honoré d'Eylau getraut. Ganz Paris nahm an dem Fest seines Lieblings teil. Sieben Monate später folgte in Wien der erste Selbstmordversuch. Das Paar hatte Veronal genommen und wurde nur mit Mühe vom Tode errettet. Seither wußten die Freunde Max Linders, daß ein trauriges Ende dieses anscheinend vom Glück begünstigten Mannes nicht mehr allzu fern sei. Max Linder hatte sich an narkotische Mittel gewöhnt und seine junge Frau dazu gebracht, sich mit ihm zu betäuben. Der Mann, der auf der Leinwand durch seine komische Erscheinung und seine Späße Legionen Menschen zum Lachen brachte, war in seinem privaten Leben traurig, mutlos, ein gebrochener Mensch. Seine Stimmung wandelte zwischen Eifersuchtsanfällen und tiefster Melancholie. Er reiste durch die Welt, nach Hollywood, nach der Schweiz, nach Oesterreich. Er arbeitete fieberhaft und hatte in der Tasche Verträge, die Millionen wert waren; seinen Vertrauten aber sagte er, daß er wisse, es sei mit ihm zu Ende, und wenn es soweit sei, würde er nicht allein aus der Welt gehen. Max Linder hatte eine Tochter, ein Kind, das noch nicht zwei Jahre alt ist, und das in Glion von einer Pflegerin betraut wurde, während die Eltern auf Reisen weilten. Für dieses Kind ließ Max Linder sich in einem Pariser Vorort eine Villa bauen, die schön und kostbar werden sollte. Er selbst hatte die Pläne mit den Architekten besprochen. Bis das Haus fertig wurde, wohnte er im Hotel. Vor acht Tagen aber sagte er zu einem Freunde: “Ich werde dieses schöne Haus niemals betreten.” In der letzten Zeit soll Streit zwischen den Ehelauten entstanden sein. Am Freitag vor Mitternacht kam das Paar von einem Ausgang zurück. Linder gab Auftrag, am nächsten Morgen niemand zuzulassen. Aber am Sonnabend kam, von einer Ahnung getrieben, die Schwiegermutter Linders, Madame Peters, und erzwang sich den Eingang ins Zimmer. Die Tür mußte durch einen Schlosser geöffnet werden. Auf dem Bett lagen in Nachtkleidung, röchelnd und mit Blut befleckt, Max Linder und die schöne Marguerite, zwischen ihnen das blutige Rasiermesser. Niemals wird festzustellen sein, ob die junge Frau freiwillig in den Tod gegangen ist, oder ob der unglückliche Linder sie betäubt und getötet hat.

   Die künstlerische Laufbahn Linders ist bekannt. Er hieß eigentlich Gabriele Levielle, trat zuerst in einem Variété auf und entdeckte 1905 seine Begabung für das Kino. Linder schrieb seine Szenen selbst oder ließ sie von befreundeten Mitarbeitern nach seinen Ideen aufzeichnen. Immer stand er im Mittelpunkt komischer Abenteuer, bei denen meist seine elegante Erscheinung in komischem Widerspruch zu seinen Erlebnissen stand. Seine Beliebtheit war grenzenlos. Seine Einnahmen gingen schon seit Jahren in die Millionen. Ein Film mit “Max” war eine sichere Sensation. Jetzt hat auch der Film seines Lebens mit einer Sensation geendet. Aber über diese Sensation wird keiner der Bewunderer Max Linders lachen. Auf den Boulevards wird jetzt ein Film gezeigt, der den sensationellen Titel hat “Der weinende Clown”. Dieser Film ist nicht von Max Linder, aber sein Titel könnte über der Geschichte seines Lebens stehen. Paul Block (Berliner Tageblatt, 2.11.1925)