Max Linder,

der verfolgteste Mensch der Erde,

rettet sich in den Wintergarten.

 

 

    Im Himmel herrschte eine große Verlegenheit.

    Der heilige Petrus hatte den Auftrag empfangen, denjenigen unter den lebenden Menschen ausfindig zu machen, der schon auf Erden der größten Pein und Verfolgung ausgesetzt wäre. Denn man hatte in einer guten Stunde beschlossen, dieses unglückliche Wesen durch eine bedeutende, durch eine himmlische Wohltat zu belohnen und zu versöhnen. So saß denn der Pförtner auf seinem dreibeinigen Schusterschemel an der Himmelspforte, kraulte sich sehr verlegen hinter den Ohren und blinzelte mißmutig auf ein umfangreiches Heft herab, das zerknittert in seinem Schoß lag.

    'Nein,' brummte der heilig Petrus und schlug endlich mit der Faust auf das raschelnde Papier, 'aus dieser statistischen Liste kann ich unmöglich klug werden. Diese moderne Wissenschaft ist eine wahrhaft heillose Erfindung. Meiner Seel', es wird mir nichts anderes übrig bleiben, als daß ich mich wieder an meinen vielgeplagten kleinen Engel wende, den ich häufig zu allerlei delikaten Detektiv-Diensten heruntersende. Tatsächlich, ich weiß mir nicht anders zu helfen.'

    Damit wischte er sich mit seinem roten Taschentuch den Schweiß von der kahlen Stirn und zog schallend den Klingelzug an der Pforte, so daß es laut durch den Himmel schrillte. Und siehe da, sofort stellte sich ein schmächtiges, halbwüchsiges Engelbübchen vor ihm ein, das zierlich um die nackten Schultern das Badelier einer roten Glanzbrieftasche geschlungen trug. Das war aber gerade das Symbol seiner Würde. Denn auch dort oben steht man bereits im Zeichen des Verkehrs.

    'Höre,' murrte der Pförtner, wobei er seinem Vertrauensmann einen wohlwollenden Klaps versetzte; und dann unterrichtete er ihn, worum es sich handele.

    Jetzt rieb sich auch der kleine Engel in einiger Verlegenheit die Nase. Aber sobald er merkte, wie sein Chef zu einem neuen Puff ausholte, rief er diensteifrig: 'Bitte sogleich - bitte sofort,' schwang sich auf das himmlische Zweirad und schoß in rasendem Tempo zur erde hernieder.

    Surr - surr.

    Er führ durch ein japanisches Dorf. Denn jenes Reich, das vom Sohne des Himmels beherrscht wird, liegt den seligen Gefilden am nächsten. An der Wand eines elenden Teehauses, das gänzlich aus buntem Papier erbaut war, sah der Dahinstürmende ein auffallendes Plakat kleben. Was war da zu sehen? Aus einer bis an den Rand mit Teer gefüllten Tonne sah man das Haupt eines Herrn mit einem Zylinder herausragen. Der Zylinder brannte, die Tonne flackerte gleichfalls, und die nackten Füße des Herrn, die unbedeckt aus dem unteren Teil der Tonne hervorragten, wurden gerade von ein paar japanischen Wölfen benagt.

    'Pfui,' sagte der himmlische Postjunge, 'das ist ja gräßlich. Das ist wahrhaft fürchterlich. Schnell vorbei.'

    Mit doppelter Kraft trat er die Pedale. Und in weniger als einer Minute sauste er bereits durch eine kleine Stadt Sibiriens, die gerade von russischen Sträflingen aus dem Schnee geschaufelt werden mußte. An der Lehmwand eines Wirtshauses, das einem eingetretenen Maulwurfshügel nicht unähnlich sah, klebte wiederum ein Plakat.

    'Allmächtiger,' erschrak der kleine Engel, 'was erblicke ich? Das ist ja wieder derselbe Herr! Aber diesmal ist er von den Hörnern eines wütenden Stieres aufgespießt, und eine tobsüchtige Megäre hat dem Tier zu allem Unglück noch den Schweif in Brand gesteckt. Großer Gott, das kann ja gar kein gutes Ende nehmen.'

    Zitternd vor Mitleid sprang der nackte kleine Junge von seinem Rad, pflanzte sich vor dem Plakat auf und begann mühsam zu buchstabieren:

    'Max Linder' stellte er endlich fest. 'Max Linder heißt dieser gepeinigte Kavalier? So jung noch? Und trotz all seines gräßlichen Malheurs immer elegant im Cutaway [sic.] und Zylinder. Dieser Spur muß ich nachgehen. Ganz sicher, jener Elegant, der in Japan in einem Teerfaß brennt und in Sibirien bereits wieder von einem Stier gespießt wird, er scheint das von mir gesuchte Individuum zu sein. Wo haust denn der Pechmensch?'

    Von neuem reihte er die Buchstaben an einander, und als er notdürftig die fremden Silben zusammengestellt hatte, da schien es ihm, als ob er endlich die richtige Adresse gefunden hätte. Paris las er, und darunter die Firma 'Pathé frères'.

    'Merkwürdig,' dachte das Bübchen, während es sich wieder auf sein Rad schwang, 'in der Lichtstadt des guten Königs ereignen sich jetzt solche Greueltaten? Das ist ja schlimmer wie die fleißigste Guillotine. Wenn ich diesen Max Linder noch lebend antreffe, was ich stark bezweifle, so ist er jedenfalls der beklagenswerteste Hiob, der je geatmet hat. Wie freue ich mich, daß ich einen solch Zerschundenen und vom Schicksal Getretenen erlösen soll.'

    Surr, surr - puff, puff. Ueber einen Wolkenstreif huschte das Rad weiter, bis es nach einer kleinen Viertelstunde mitten auf dem Platz de la Concorde zur Ruhe kam.

    Aber was war das? Der kleine Engel schwankte und mußte sich vor Entsetzen an sein Rad klammern, das er eben an eine der brennenden Laternen gefesselt hatte. Hilf Himmel, der Mann im Cutaway und Zylinder, der Kavalier mit dem winzigen eleganten schwarzen Schnurrbärtchen, den blitzenden Augen und den auffallend weißen Zähnen, kurzum der moderne Hiob, den er unterwegs fortwährend im Bilde angestaunt hatte, sah er ihn nicht in diesem Moment tatsächlich vorüberstürmen und anscheinend wiederum an einer schmachvollen Wende seines Schicksals?

    'Hilf Himmel,' stammelte der Boy des heiligen Petrus betäubt. 'Sie ergreifen ihn, sie morden ihn, sie schießen ihn nieder! Allmächtiger, und dabei hält er ein so süßes blondes Geschöpfchen im Arm!'

    Und was sich dann ereignete, war alles Raserei und Verwirrung. Ueber die Marmorstufen eines prächtigen Hotels stürzt der Herr im Zylinder, der ein ohnmächtiges Mägdelein in den Armen trägt. Dicht an seine Fersen heftet sich ein vornehmer weißhaariger Mann, umgeben von einer golonierten Dienerschar, während ein paar geifernde Bernhardiner dem Flüchtling gegen die Schulter springen.

    Hier ein Biß, dort ein Biß - das Blut beginnt zu fließen - -

    'Hilfe - Hilfe! Das Auto, um Gottes willen das Auto!'

    Da faucht es auch schon. 'Mit einer übermenschlichen Anstrengung schwingt sich der Elegant mit seiner süßen Last hinein. Eine weiße Dampfwolke quillt auf und gedankenschnell braust und rattert das Gefährt davon. Schon glaubt das nackte Knäblein, das vor Angst die höchste Kuppe der Laterne erklettert hat, um von dort seinen Schützling zu verfolgen, daß der Gehetzte gerettet sei. Da - fürchterlich, fürchterlich - es ist wahr, dieser gepeinigten Kreatur leuchtet kein goldener Stern. Der Chauffeur muß in seiner Aufregung und Spannung den rechten Weg verfehlt haben, ein grausiges Zischen erhebt sich, in hohem Bogen stürzt das Auto mit seiner Last in den aufspritzenden Strom der Seine und wird im nächsten Moment von den brüllenden Wogen verschlungen.

    'Zu spät', schluchzt der kleine Engel, der sich windesschnell durch die Luft zu der Stätte des Unglücks geschwungen hat, 'zu spät. Max Linder ist ertrunken. Kein Wunder kann ihn mehr erretten. O weh, o weh, ich kam vergebens.'

    Doch noch ist das Wort nicht verhallt, da schießt ein grün bemooster Baumstamm auf dem Strome vorbei und - ist es glaublich, ist es wirklich möglich? - an seiner Spitze sitzt der Herr im Cutaway und Zylinder, der das runde Holz wie ein Reittier lenkt und zügelt, während seine Auserwählte hinter ihm hockt und ihn mit beiden Armen umschlingt.

    Gerettet!

    Nein, was jetzt geschieht, das vermag der sanfte Himmelbewohner, der doch an Ruhe und Gelassenheit gewohnt ist, nicht mehr zu begreifen. Was ist Hiob gegen diesen überwältigenden Pechvogel Max Linder? Gegen ihn ist der Patriarch ein Anfänger, ein blutiger Dilettant, der sich das Lehrgeld wiedergeben lassen muß.

    Seht ihr, jetzt gleitet der Baumstamm über das Wehr herunter. Zwei zuckende Körper werden über das Rad einer Papiermühle getrieben, dann verschwinden sie unter Schaum und Schwall in einem Abzugskanal, bis sie endlich auf ein Rieselfeld geworfen werden, wo ein mitleidiger Kärrner die Betäubten auf seinen Rumpelwagen bettet. Ein müder Gaul, ein wahres Gerippe von einem Pferd, zieht die beiden Vernichteten nach einem niedrigen Gebäude, vor dem ein paar offene Gasflammen flackern.

    Die Morgue.

    Dort, zwischen hingestreckten Gestalten, die sämtlich mit einem weißen Linnen bedeckt sind, unter dem sich die Konturen nur undeutlich abheben, dorthin wird auch das unglückliche Paar gelagert. Händeringend verharrt der kleine Engel daneben und es gewährt ihm nur einen schwächlichen Trost, daß sich auch der alte, vornehme Herr engestellt hat, vor dem das Liebespaar vor kurzer Zeit über die Marmortreppe flüchtete.

    O, zu spät, zu spät: Jetzt bereitet der alte Kavalier die Hände zum Segen über die Ruhenden aus. Aber um Gotteswillen, was wird das? Träumt oder wacht das Bübchen? In demselben Moment richtet sich das hübsche schwarze Gesicht Max Linders auf, ein pfiffiges Grinsen überfliegt seine lebhaften Züge, und mit einem Satz springt der Kavalier im Cutaway und Zylinder auf, um seine ebenfalls sehr muntere Braut zu umarmen. Da hält sich der Abgesandte nicht länger. Halb betäubt vor Verwunderung nestelt er aus seiner roten Brieftasche ein Billet hervor, zupft den Widerauferstandenen am Rock und überreicht ihm mit einer tiefen Verbeugung das Papier.

    'Monsieur Max Linder?'

    'Derselbe, mein Herr. Und wie ich hinzufügen darf, der in allen Weltteilen bekannteste Filmdarsteller. Eine Attraktion ersten Ranges. Ein Mimiker von unberechenbarer Gewalt und Deutlichkeit.'

    'Dann habe ich an Sie eine Auftrag auszurichten.' sagt der Bote. 'Wir sind von Ihren mannigfachen Leiden, die Sie mit so engelhafter Geduld ertragen, derart erschüttert, daß wir Ihnen zum Entgelt eine lange Ruhepause voll traumlosen Glückes antragen.'

    Jedoch der Elegant schwenkt mit unnachahmlicher Grazie seinen Zylinder, und während wieder jener spitzbübische Zug sein hübsches Antlitz überflog, brachte er windschnell hervor:

    'Ruhe? Zu gütig; aber ich muß leider dankend ablehnen. Denn sehen Sie, verehrter Kleiner, dort hinter Ihnen wartet bereits der Photograph, der, sobald ich mich in trockene Kleider geworfen, meine Abreise nach Berlin im lebenden Bild festhalten wird. Meine Erholung besteht darin, daß ich für einige Zeit nicht nur vor dem schweigsamen Kasten meine unerhörlichen Leiden erleben werde. All die vielen Millionen, die mich kennen, werden mich zu dem berühmten Berliner Wintergarten, erlöst von der stummen Schattengestalt, in die ich bisher gebannt war, als einen lebenden, redenden und handelnden Menschen beurteilen können. Wie mein Sketch heißt, Teuerster? Ein phänomenaler Scherz: 'Aus Liebe zum Hühneraugen-Operateur.' Originell, nicht wahr? Wer lacht da? Und jetzt, verehrter junger Herr. - ich habe mich sehr gefreut, Ihre verehrte Bekanntschaft zu machen. Aber Sie sehen keine Minute Zeit. François, den Mantel, und Sie, Chauffeur, neunzig Meilen Stundengeschwindigkeit nach Berlin. - Bon soir.' (Berliner Tageblatt, 3.12.1912)