Um das Testament Max Linders

Die Ehetragödie des Filmkomikers.


 

   Der Prozeß um das Testament des bedeutenden französischen Filmkomikers Max Linder, der am 1. November 1925 zusammen mit seiner jungen, kaum zwanzigjährigen Gattin in einem Hotel in Paris tot aufgefunden wurde, hat vor dem Pariser Zivilgericht begonnen. Linder hatte kurz vor seinem Tode ein Testament verfaßt, worin er die Erziehung seiner damals einjährigen Tochter seinem Bruder übertrug. Begründet hatte er diesen Wunsch damit, daß seine Tochter zu einer Frau ohne Tadel erzogen werden müsse, mit “allen jenen Eigenschaften, die ihrer Mutter gefehlt” hätten. Die Großmutter der Kleinen, Frau Peters, klagt nun aber auf Annullierung dieses für ihre Tochter beleidigenden Testaments mit der Begründung, daß Max Linder bei seiner Abfassung wahnsinnig gewesen sei.

   Die Prozeßverhandlungen entrollten ein erschütterndes Bild von der Ehe Max Linders mit seiner jungen Gattin. Linder hatte seine Frau 1923 in Chamonix kennengelernt. Er entführte die damals Siebzehnjährige und heiratete sie trotz einem Altersunterschied von über 23 Jahren. Gleich nach der Hochzeit zeigte sich Linder von krankhafter Eifersucht. Seine junge Frau klagte nach kaum einem Jahr auf Ehescheidung, zog aber aus Furcht vor einem Drama ihre Klage wieder zurück. Frau Linder selbst hat ebenfalls ein Testament hinterlassen, worin sie erklärt, daß sie in ständiger Angst, ermordet zu werden, gelebt habe. Max Linder aber hat noch wenige Minuten vor seinem Freitod einen Brief geschrieben, worin er seine Frau als “ein Monstrum von Perversität” bezeichnet, die “unbedingt vom Erdboden verschwinden müsse”.

   Mehrere Zeugen berichteten von den täglichen Eifersuchtsszenen, die Max Linder seiner Gattin machte. Mehrfach habe er sie mit dem Revolver bedroht, wenn “sie ihm nicht sofort vor die Füße krieche und um Verzeihung flehe”.

   Besonderen Eindruck machte das Gutachten eines Schweizer Professors, den Max Linder wenige Wochen vor seinem Tod konsultiert hatte. “Wenn Max Linder Schweizer Staatsangehöriger gewesen wäre”, erklärte der Psychiater vor Gericht, “hätte ich keinen Augenblick gezögert, ihn in ein Irrenhaus einsperren zu lassen.” Das Leben der jungen Frau, die er unter ständigem Terror hielt, habe an Schrecken alles Denkbare überstiegen. Linder habe in krankhaftem Verfolgungswahn in der Klinik jedermann verdächtigt, den Pförtner, die Aerzte und sogar den Anstaltsgeistlichen. Jede Nacht habe er Mehl vor die Tür seiner Frau gestreut, um nur ja sicher zu gehen, daß sie keinen Besuch empfange.

   Zum Schluß der Sitzung begann der Rechtsanwalt Masse sein Plaidoyer für die Klägerin. Die Verhandlung wird in acht Tagen fortgesetzt werden. Der Abgeordnete Paul-Boncour wird dabei die Verteidigung Max Linders übernehmen. (Deutsche Zeitung Bohemia, 26.4.1931)