Filmkomik.

Von Max Linder zu Charlie Chaplin.

 

   Unter den ausgezeichneten deutschen Filmschauspielern ist kein einziger Filmkomiker von Weltruf. Man sieht dünne und dicke Spaßmacher, lange und kurze Wurstel, Schwiegermütterliebhaber und Pechvögel – aber über den mehr oder minder derben Ulk, über die Unterhaltung anspruchsloser Kindergemüter hinaus gelangt die Wirkung all der oft schweißtriefenden Bemühungen nicht und niemand lächelt noch, nachdem er ausgelacht, kein Zuschauer fühlt auch etwas oberhalb des Zwerchfells. Gewiß sind auch auf den deutschen Bühnen die bedeutenden komischen Begabungen selten, doch weder Pallenberg, noch die Senders, weder Gülstorff noch die Werbezirk sind Filmsterne geworden. Der Einwand, es sei für sie eben nicht das entsprechende Stück geschrieben worden, ist nicht stichhältig, denn die genannten Komiker und manche andere, sind auf dem Theater so selbstschöpferisch, in ihren Einfällen so vielfältig, daß sie sich, sollte man annehmen dürfen, bloß vor dem Kurbelkasten zu stellen brauchten und sein, die sie sind, um die stärksten Lachwirkungen und die nachhaltigste Lachlust zu erwecken. Der Fall Pallenbergs, des Wort- und Silbenspielers, erklärt sich am leichtesten; er macht Komik zwischen Zunge, Gaumen und Zähnen, die Senders beispielsweise müßte eine komische Alte auch im Film sein, über die alle Welt lachen und verständnisinnig lächeln könnte; aber dazu hätte sie nicht für einzelne Rollen verpflichtet werden dürfen, sondern auf den Film einfach losgelassen werden müssen. Man hätte mehr den bedeutendsten Schauspielern die entdecken und von ihrer, ihnen selbst unbekannten Bedeutung für den Film besessen machen müssen, die in den Rollenkreis ihres Theaterrufes ewig dieselben zu bleichen, bis zu ihrer Pensionierung, sich vorgenommen hatten. Das Theater mumifiziert solche Stars, der Film belebt sie mit jeder neuen Aufgabe, so sehr sie auch immer dieselbe sein mag, sie sehen sich selbst von allen Seiten und können so gar nicht einseitig werden, auch wenn sie sich in ihrer eigenen Wesensart spezialisieren. Allein die Filmkomik verlangt einen Dichter als Darsteller – und dies ist der eigentliche Grund, warum es unter unseren vielen komischen Bühnengrößen nicht einen einzigen großen Filmkomiker gibt. Es genügt nicht beim Film, die komische Figur eines Buches mit mimischen Mitteln in Bewegung zu setzen, der für den Film “geborene” Filmkomiker muß seine eigenen Schwächen und alle anderen menschlichen Schwächen dazu kennen, muß mehr Menschenkenner sein als ein Liebhaber und Charakterspieler, darüber hinaus aber noch eine Persönlichkeit mit einer Lebensphilosophie, die ihn als Zuschauer neben das Leben stellt.

   Verlegenheitskomik allein genügt ja auch uns nicht mehr. Man sehe sich heute einen Max Linder-Film an, ihn den einstigen Liebling zweier Welten. Er hat sich selbst das Buch zu seiner neuesten Rolle verfaßt, er holt aus sich alle seine Liebenswürdigkeit und Eleganz heraus in Schwips, Katzenjammer, im Pech, in seiner unglücklichen Liebe, auf der Flucht vor der Polizei, im Käfig mit wilden Tieren, er ist sozusagen in der unangenehmsten Situation gut aufgelegt – und dennoch rollt der Film beinahe leer. Man lacht über drastische Situationen, nicht eigentlich oder ganz wenig über Max Linder. Es fällt das Wort “Salonkomiker”, während ein Filmkomiker doch so recht ein – Freiluftkomiker sein müßte. Wie benimmt man sich gegen die Welt mal da, mal dort in der Welt – das ist die Frage, die ein Filmkomiker auf eine Art zu lösen hat, über die man lachen muß, obwohl man sich sagt: der Arme! Ja, gerade weil man sich “der Arme!” sagt und zugleich darüber heiter beglückt ist, daß ein Mensch als denkendes Subjekt doch dem Objekt schließlich überlegen bleibt und in seiner bewußten kühlen Überlegenheit allem, das ihm in die heißen, menschenunwürdigen Situationen gebracht hat, gar nicht böse ist, weil er nicht nur einen helleren Kopf hat als alle die zuerst Klügeren, auch ein besseres Herz: Das macht Charlie Chaplin und seinen Welterfolgt.

   Von Max Linder zu Charlie Chaplin – diesen Weg hat die Filmkomik bisher zurückgelegt. Von der gegenständlichen Situationskomik zur menschlichen Tragikomik. Daß die erste aus Frankreich, die andere aus Amerika kam und die Welt, die ganze Welt, alle Menschen eroberte, das ist ein Beweis mehr dafür, daß man in Frankreich das Wesen des Kinos und des Films zuerst erkannte, in Amerika aber neuestens das Kinopublikum nicht mehr als eine Schar anspruchsloser, naiver Kinder betrachtet, vielmehr weiß, das der Mensch von der Leinwand zu vollsinnigen Menschen spricht.

   Die Zahl, der Kreis der Leute, die das Kino besuchen, hat sich im Laufe der letzten Jahre stark vergrößert und erweitert – Das Kinopublikum ist besser geworden. Der Film wird nicht mehr allein für schaulustige Augen abgerollt, nicht bloß für leicht zu rührende Herzen. Zu den Sinnen und Herzen hat sich auch der Geist gesellt der seine Ansprüche geltend macht. Die deutschen Filmkomiker streben noch immer Max Linder nach. Fred Heller. (Brünner Tagesbote, 21.11.1922)