MAX LINDER, der Clown seiner Ehe

von FRIEDRICH PORGES

 

 

Mancher Menschen Bestimmung scheint diese zu sein: daß sie ihrem Beruf auch im Privatleben zu dienen verdammt sind. Wobei es sich zeigt, daß der Tüchtigste, wenn es gilt, sein Berufstalent im Revier des Erlebens anzuwenden, kläglich versagt. Die besten Kopfrechner. Finanzgenies, die gigantische Transaktionen mit Leichtigkeit zur Durchführung bringen, erweisen sich als lächerliche Stümper, wenn das Leben selbst ihnen eine Rechenaufgabe stellt und sie dazu beruft, Schicksalstransaktionen auszuführen. Dichter, deren Phantasie keine Grenzen kennt, haben nicht den geringsten Einfall, wenn sie sich einem Problem des eigenen Lebens gegenüberfinden. Gefeierte Tragöden und Komödianten werden zu lächerlichen Dilettanten, wenn sie — ohne Souffleur und ohne daß sie das kommende Stichwort kennen — im Leben eine entscheidende Rolle zu Spielen haben.

   Max Linder, der Komiker, der vom Zirkus herkam, und später am Varieté eine gern gesehene und erfolgreiche “Nummer” bedeutete, ist an der Aufgabe gescheitert, die ihm das Leben stellte. Es verlangte von ihm, was das Metier seit jeher von ihm forderte und was ihm auf den Brettern und vor dem Objektiv des Filmaufnahmeapparates stets so gilt gelang: zu lächeln, unentwegt zu lächeln. Frohsinn zu mimen und heitere Miene zum bösesten Spiel zu machen. Die Maske der Heiterkeit und der Seelenruhe auch dann zu tragen, wenn in dieser Seele Stürme toben, wenn Zwiespalt sie zu zerreißen droht, und wenn Lebenslüge in ihr nistet, die wie Gift wirkt.

   Dieser Komödiant von Beruf war zum Komödianten auf der Bühne des eigenen Daseins ausersehen. Dieser Clown aus dein Zirkus sollte den ewig lachenden, für das Grinsen geschminkten Mund zeigen, während er in der Enge eines ihm aufgezwungenen Schicksals Höllenqualen litt.

   Anfangs erwies er sich eigentlich als ein gar nicht so schlechter Komödiant auch des Lebens. Es gelang ihm, viele Monate hindurch alltäglich die Maske des Frohsinns auf sein Antlitz zu schminken, und das, was er sprach, in heiteres Kostüm zu kleiden. Allmählich erst ließen die Kräfte nach. Allmählich erst versagte das im Brotberuf so erprobte Talent. Allmählich erst erlahmte die lächelnde Grimasse, ward zum starren Klischee, und erschlaffte schließlich in den Mundwinkeln, daß sie herabzuhängen sich anschickten, und daß aus dem fröhlichen Antlitz das traurige wurde.

   Eine Zeitlang spielte Max Linder die Rolle gut: den Clown seiner Ehe.

   Max Linder war zur Fröhlichkeit, zur Maske der Glücksempfindung, zur zärtlichen Grimasse verurteilt in der Manege einer unerträglichen Ehe. Die junge Frau, die sich ihm an den Hals geworfen und die der Fünfzigjährige nahm, weil seine Sinne, zur Weißglut entfacht, nach Flammenausbruch verlangten, dieses junge Weib machte den Komiker zu ihrem Clown, der um jeden Preis das Lächeln des Glücks auf seinen Lippen zu tragen, der die Heiterkeit eines ruhigen, von Seligkeit erfüllten Gemüts zu mimen hatte.

   Ein paar Tage lang habe ich diesen Mann beobachtet, wie er an der Seite der schönen, aber kühlen und temperamentlosen Frau Komödie spielte, wie er sichtlich mit Anstrengung und Widerwillen — denn es war Monate nach der Eheschließung, als die Rolle zu tragen Max Linder schon sehr schwer wurde — Zärtlichkeit und Besorgtheit um die Frau heuchelte, die ihm ein Leben der Last bereitete, wie er ängstlich, fast einem verprügelten, vor Strafe bangendem Kinde gleich, bemüht war, ihr Mißtrauen, ihren Zweifel an seiner Liebe, ihren leicht herauszufordernden Vorwurf nicht zu provozieren. Und wie er ihr immer mit einem Lächeln begegnete und stets um sie beschäftigt war. Wenn es kalt wurde im Filmatelier, ihr den Mantel um die Schultern legte. Wenn die Temperatur stieg, ihn wieder abnahm. Immer von neuem aufmerksame Fragen an sie richtete, die ihrem Befinden galten. (Frau Linder war schwanger in jenen Tagen.) Und wie die zärtliche Grimasse haltlos in sich zusammenfiel, wenn der Clown seiner Ehe für Augenblicke dem Sichtkreis der Frau entkam.

   Ich habe es damals ganz genau beobachten können: um wieviel leichter es Linder fiel, die ihm übertragene komische Rolle in dem Film „Clown aus Liebe" zu spielen, denn die des “heiteren, glücklichen Ehemannes”.

   An einem Abend ward im “Vita"- Atelier eine Trickaufnahme ausgeführt. Der Artist Eywo hatte in der Maske und in dem Kostüm Linders (als sein „artistischer" Vertreter), mit einem Fahrrad über die Treppen eines Hotelstiegenhauses hinabzusausen. Das Kunststück war schwierig, es mußte einige Male wiederholt werden. Linder und der französische Regisseur leiteten die Szene. Max Linder, der gerne mehr mitgetan hätte, mußte jedoch, nicht kostümiert und ungeschminkt, die andere Rolle spielen: den liebenden Gatten. Denn die junge Frau, die Max Linder so selten aus den Augen ließ, war wie bei anderen, auch bei dieser Aufnahme anwesend. Und Linder überbot sich an gemimter Zuvorkommenheit. Er ließ Stühle neben der Kamera aufstellen und saß dort an der Seite seiner Frau, ergeben und sittsam wie der frömmste Philister. Ergeben in sein Schicksal...

   Und noch einmal in jenen Wiener Wochen begab sich Symptomatisches: Linder ging in den Löwenkäfig. Mit einer Furchtlosigkeit, mit einer Entschlossenheit, die an absichtliche Tollkühnheit grenzte, betrat er die im Filmatelier als Teil der erbauten Zirkusdekoraton aufgestellte vergitterte Manege. Er handhabte die Peitsche gegen den Löwen wie ein Dompteur. Und es schien, als ob die Bestie eingeschüchtert gewesen wäre von einem Temperament, das sich aus innerer Verzweiflung löste... Als ob der König der Bestien Respekt empfunden hätte vor solch despektierlicher Gleichgültigkeit eines Menschen im Angesicht des drohenden Gebisses eines Raubtieres. Oder war es instinktives Mitleid, das die Bestie, die man zu Mätzchen in der Manege zwang, mit dem geknechteten Clown wider Willen empfand?...

   Das alles geschah in der Zeit, da Max Linder erstmals entschlossen war. Die Rolle, die ihm das Schicksal geschrieben und übertragen hatte, zurückzuschicken. Gewissermaßen zurück an den “Bestimmungs"-Ort. Die Rolle mit dem Leben wegzuwerfen. Der Selbstmordversuch, den Linder im Einverständnis mit seiner, stets zu Lebensmüdigkeit neigenden und mit Selbstmordsdrohungen rasch zur Hand gewesenen Frau in der Hietzinger Villa bei Wien vollführte, war eklatanter Beweis dafür, daß Linder sich damals schon nicht mehr stark genug fühlte, die Rolle des Clowns in seiner Ehe weiterzuspielen.

   Nach mißlungener Tat war Max Linder völlig der Berufsarbeit hingegeben. Er suchte Vergessen darin. Und wenn er sich auch seit damals mit dem Leben nie mehr recht zu versöhnen wußte, und weder an Ehren noch an Reichtum Freude fand, so schien die Arbeit am Film doch immer noch so etwas wie Lebenstemperament in ihm zu entfachen.

   Und darum schloß er denn auch nach Beendigung einer Reise, die er in Begleitung seiner Frau machte, und während deren Dauer er wieder dazu verurteilt gewesen, Komödie zu spielen, neue Engagementsverträge für den Film ab. Er wollte den Eheurlaub nützen, die Ferien, in denen er von der Last der Verpflichtung, die Rolle des zärtlich-treuen Gatten zu mimen, befreit war. Vielleicht hoffte er auch, daß die Frau einen Teil ihrer eifersüchtigen Liebe auf das inzwischen zur Welt gekommene Kind übertragen würde.

   Aber auch in dieser Hoffnung ward Linder enttäuscht. Die Qual begann von Neuem. Die Frau verlangte nicht nach dem Kind, nur nach dem Mann, den sie in exzentrischer, schwer egoistischer Weise liebte. Linder mußte selbst die Frau aus der Schweiz holen, und die Ehe und damit die Manege wieder aufrichten, in der er als Clown engagiert war.

   Das Spiel konnte von Neuem beginnen. Max Linder aber fühlte sich endgültig unfähig als Komödiant des Lebens. Und löste den Vertrag.

   Warum er nicht, noch in der Zeit des Alleinseins Selbstmord verübte? Warum er die Frau wieder zu sich nahm und doch noch eine Zeitlang das Spiel mitmachte? Auf zwei Fragen eine Antwort: Max Linder war immer ein sehr pflichtgetreuer Berufskomödiant. Und diese Pflichttreue übertrug sich auch auf sein Leben. Er wollte den Kontrakt nicht brechen, wollte sich pflichtgemäß wieder zum Dienst melden und wenigstens versuchen, ob er der Rolle noch gewachsen sei. Und erst als er einsah, daß es nicht ging, machte er ein Ende. Und warum er die Frau mit sich nahm? Vielleicht deshalb, damit sie nicht an seinerstatt einen anderen Komödianten engagieren könne, der zum Clown einer Ehe und des Lebens ebensowenig Talent zeigen würde, wie der berühmte, bedeutende, geniale Komiker des Films und der Bühne, Max Linder ...! (Die Bühne, 12.11.1925)