Der Selbstmord Max Linders

Das Ende einer Künstlerlauf-

bahn.

 

 

a. Paris, 2.11. (Eigenbericht.)   

  Der bekannte Filmschauspieler Max Linder und seine Frau wurden, wie schon gestern kurz berichtet, in einem Pariser Hotel, wo sie vorübergehend Wohnung genommen hatten, mit durchschnittenen Pulsadern aufgefunden. Während Frau Linder schon tot war, wurde ihr Mann in eine Klinik gebracht, wo er kurz nach seiner Einlieferung ebenfalls seiner Verletzung erlag. Nach den zurückgelassenen Briefen der beiden Ehegatten soll es sich um einen gemeinsamen Selbstmord handeln. Der vierzigjährige Linder, der vor zwei Jahren ein 20 Jahre jüngeres Mädchen heiratete, soll bereits vor einigen Monaten starke Anzeichen von Neurasthenie gezeigt haben. Linder hatte bekanntlich schon einmal in Wien einen Selbstmordversuch gemeinsam mit seiner Frau, der Tochter eines französischen Industriellen, verübt. Auch diesmal nahmen die beiden vor der Ausführung der Tat Veronal zu sich und spritzen sich eine große Dosis Morphium ein. Es bestehen jedoch Zweifel, ob Frau Linder ihrem Manne freiwillig in den Tod folgte, oder ob er sie nicht vorher durch Schlafmittel betäubt hat. Ein 18 Monate altes Töchterchen befindet sich in Glion in der Schweiz, wo Frau Linder längere Zeit von ihrem Gatten getrennt lebte. Die Freunde Linders sprechen von einer krankhaften Eifersucht, die die Ursache des Selbstmordes gewesen sein soll, während man andererseits im Hotel am Vorabend des Dramas eine heftige Auseinandersetzung bemerkt haben will, wobei Frau Linder ihrem Manne schwere Vorwürfe wegen eines Besuches bei einer anderen Frau machte. Von den zahlreichen Abschiedsbriefen sollen einige bereits vor einigen Monaten datiert sein. Jedenfalls können finanzielle Gründe Linder nicht zu seinem Entschluß veranlaßt haben, da er selbst kürzlich in 45 Tagen eine Million Franken verdiente und auch sonst in geordneten finanziellen Verhältnissen lebte.

   Der Selbstmord des französischen Filmschauspielers Max Linder wird nicht nur in Paris und Frankreich, sondern in der ganzen Welt Aufsehen erregen. Linder war der erste Filmschauspieler überhaupt, der internationalen Ruf errang, was besonders darauf zurückzuführen ist, daß vor 15 Jahren die ganze Welt mit französischen Filmen überschwemmt wurde. So wurde dieser kleinere Vorläufer Chaplins, hinter dem er in bezug auf Talent und Leistung weit zurückstand, eine der bekanntesten Erscheinungen in allen Ländern, die der „Kintopp“ damals schon erobert hatte. In seinen komischen und grotesken Rollen hatte er damals noch keinen ebenbürtigen Nebenbuhler, und so konnte er neben seiner Allerweltsbekanntheit auch phantastisch hohe Gagen einheimsen. Einige Jahre vor dem Kriege trat er persönlich im „Wintergarten“ in Berlin in einem Sketsch auf und das Publikum strömte in Massen herbei, um den Vielbewunderten zu sehen. Kriegs- und Nachkriegszeit verbannten die französischen Filme und mit ihnen Max Linder aus Deutschland. Sein Auftreten war schon fast vergessen, und erst die Nachricht von seinem tragischen Tode ruft den Namen Linder wieder ins Gedächtnis. Aeußerlich ein eleganter und „schöner“ Mann, übte er in seiner Glanzzeit große Anziehungskraft auf die Frauenwelt aus. In Paris war er zeitweise der am meisten umschwärmte Zeitgenosse. In dieser Hinsicht erinnert sein Schicksal an dasjenige Harry Waldens, des einst gefeierten Lieblings der Berliner Bühnenwelt. (Deutsche allgemeine Zeitung, 2.11.1925)