Max Linder.

Versuch zu einem Porträt.

 


 

    Wer an den Darstellungen des Theaters und des Kinematographen vergleichende Kritik übt, darf sich dabei nicht, wie es leider so häufig geschieht, eines Wertmaßstabs bedienen, der vom Theater hergeholt ist. Die Durchführung der Kritik auf diese Weise zeitigt selbstverständlich Urteile, deren Anerkennung und Geltendwerden nicht nur im Interesse des Kinematographen unerwünscht, sondern auch unberechtigt wären. Aber die Einsichtsvolleren, die über diese Frage nachgedacht haben, wissen es bereits, daß eine in ihren Mitteln und Wirkungen neue Schauspielkunst nicht nach den Gesetzen der alten Theaterkunst beurteilt werden darf, wenn man ihrem Wert gerecht werden will. Denn das ist ja der höchste Vorzug des Kinematographen: daß er ein dem Wesen, der Essenz nach neues Schauspiel vorführt, von dem sich vorher der findigste Theaterdirektor nichts träumen lassen konnte. Die technischen Unterschiede, die sich zwischen einer Bühnenaufführung und der Vorführung auf der Leinwand ergeben, sind nur sehr gering und unerheblich im Vergleich zu den wichtigen und grundlegenden künstlerischen Differenzen, die sich infolge der neuen kinematographischen Perspektiven für den Schauspieler eröffnen.

    Welche sind nun diese Perspektiven und auf welche Weise sind sie zustande gekommen? Ja, es ist wichtig, in diesem Falle auf die Entstehung, auf das Historisch-Geistige der Entwicklung hinzuweisen. Denn in diesem Anfangsstadium war der Kinematograph eine Defektkunst. Ging doch die Absicht der an seinen Anfängen Beteiligten dahin, ihn trotz seiner andersartigen Organisiertheit zu einem Rivalen des Theaters zu erheben. Diese Absicht widersprach aber jeder Entwicklungsmöglichkeit. Die Wirkung des Theaters war immer die Wirkung des lebendig gewordenen Dichterwortes. Die Geste, das Spiel, die Erscheinung des Schauspielers waren auch nur integrierende Bestandteile seiner Sprechweise und durch das gesprochene Wort bestimmt und bedingt, ohne dieses zweck- und sinnlos. Denken wir uns selbst ein von den heftigsten Leidenschaften erfülltes Theaterstück, z.B. ein Drama von Hebbel, Hauptmann oder Ibsen in der vollendetsten Aufführung, mit dem restlos durchdachten und motivierten Spiel aller Mitwirkenden, aber ohne den Dialog, so könnte die Wirkung einer solchen Aufführung nur eine verwirrende sein. Der Mangel der Sprache war also für den Kinematographen ein Defekt, der ausgeglichen werden mußte. Man umschrieb und ersetzte also das Wort durch die Geste, nur hat sich dabei die Bedeutung dieser verschoben. Während sie auf dem Theater nur vom Wort abhängig war, indem sie aus ihm hervorwuchs und ihm seinen bestimmteren, augenfälligeren Akzent gab, wurde sie im Kinematographen unabhängig und selbständig, nicht mehr ein Mittel zur Verstärkung und Hervorhebung der Sprachwirkung, sondern ein gut verständliches und in jeder Richtung nüanzierbares Symbol zur Darstellung aller menschlichen Erregungen, Zustände und Konflikte. Die Anforderungen, die hier an den Schauspieler gestellt wurden, waren daher grundsätzlich verschieden von den Theateranforderungen. Selbst gute und erprobte Mimiker versagten oft auf der Leinwand, weil sie wohl imstande waren, die eigene Rede mit der richtigen Mimik und Gesten zu begleiten und eins werden zu lassen, nicht aber den selbsttätigen Rhythmus des Gebärdenspiels zu beherrschen, der allein das Weiterschreiten jeder kinematographischen Handlung ermöglicht. Der Kinematograph brauchte also seine eigenen Schauspieler, solche, die jenseits der Sprache standen, ja, ich möchte fast behaupten, solche die gar nicht sprechen konnten. Nur aus diesem Defekt heraus konnten sie so Hervorragendes leisten und das war auch ihr höchster Vorzug. Das Theater, auf dem nur gespielt, nicht gesprochen werden konnte, riß förmlich alle Schauspieler an sich, denen die Sprache ein lästiger Zwang war, weil sie Künstler jenseits der Sprache waren. Von einem dieser Künstler, der seine Rolle in hundertfacher Veränderung und Abwechslung vor dem entzückten Publikum aller Länder schon seit Jahren spielt, soll im folgenden die Rede sein.

    Herr Max Linder. Man muß wohl Herr sagen, noch richtiger würde wohl Baron sein, obwohl er so berühmt ist, daß jeder Schulbub nur von dem Max Linder spricht. Aber sein Betragen ist wirklich stets so herrenhaft und kavaliermäßig, daß man nur mit der größten Höflichkeit von ihm sprechen darf. Herrenhaft soll natürlich nicht herrisch heißen, denn das ist er ja niemals, dazu ist er ja viel zu liebenswürdig und viel zu gewandt, als daß er das notwendig hätte. Ihm soll aber noch ein anderer Vorzug nachgerühmt werden. Liebenswürdigkeit und richtiger Takt in allen Lebenslagen sind zwar bei allen Menschen sehr schätzenswert, und wer diese so vorbildlich von der Leinwand predigt, dem kann man schon dafür nicht genug Dank wissen. Sein Verdienst ist es aber, einen Typus geschaffen zu haben, der bis dahin noch nicht existiert hat und uns doch vom Anfang an als ein guter Bekannter seit langem schon erschienen ist. Und was besonders geheimnisvoll ist: einen Max Linder hat es früher ja gar nicht gegeben. Jetzt begegnet man aber Dutzenden von ihnen. Man begegnet ihnen auf der Straße, im Restaurant, im Theater, und alle haben sie dieses mokante und doch verbindliche Lächeln, diesen schlenkernden sorglosen Gang und dieses merkwürdige Auftreten, das ihnen den Anschein gibt, als ob sie gar nicht sie selbst wären, sondern immer nur eine Rolle spielten. Natürlich hat es solche Menschen auch früher gegeben und ich will gar nicht behaupten, daß alle ihn imitieren. Aber er hat doch zur Hervorhebung und zur stärkeren Betonung dieses Typus beigetragen, jedenfalls aber dazu, daß man ihn als solchen bemerkt. Und das allein beweist schon sein Künstlertum. So ist auch die starke Wirkung, die dieser unvergleichliche Humorist und Spaßmacher bei jedem Auftreten immer von neuem erzielt, teilweise auch daraus zu erklären, daß sie ebenso die Wirkung einer hervorragenden schauspielerischen Persönlichkeit ist, als auch ihr im gleichen Maße die Disposition der Zuschauer entgegenkommt, welche in Max Linder einen Teil des Ideals ihrer Generation verwirklicht sehen. Er wußte den sympathischsten und großzügigsten Eigenschaften des zur Herrschaft gelangenden Amerikanertums die Kinobühne zu erobern und sicherte sich so den Dank einer Zeit, als deren typischster Vertreter er nicht übersehen werden kann.

    Wenn man sich, soweit man sich erinnern kann, das lange, endlose Repertoire Linders zu vergegenwärtigen sucht, so muß einem vor allem die Wertlosigkeit und Ungereimtheit des dargestellten Sujets auffallen. Der künstlerische Wert und Sinn dieser Szenen wäre auch gleich null und noch weniger, wenn sie nicht von Max Linder gespielt würden. So ist er ein markanter Typus des Kinoschauspielers, einer, der nicht nur aus dem Sprechunvermögen heraus Großes leistet, sondern der bei diesem Bemühen so weit gelangt ist, daß hinter der Bedeutung seines Spiels die Bedeutung der dargestellten Szene vollkommen zurücktritt, weil sie eben nur die eine Bedeutung haben darf, die, daß Max Linder sie spielt. Ein jedes Mehr wäre hier ein Weniger. Auch die Gleichartigkeit und Aehnlichkeit der dargestellten Szenen ist kein Mangel und langweilt auch nie, weil in ihnen das Leben einer seltenen schauspielerischen Individualität pulsiert. Die schauspielerische Elastizität Max Linders ist ganz besonders erstaunlich. Aus einer Handbewegung, aus einer gewollten und stets unnachahmlich gelungenen Ungeschicklichkeit geht oft mehr hervor als aus raffinierten und tiefen gedanklichen Erwägungen. In der Art, wie er sich eine Zigarre anzündet, liegt oft mehr Geist als man unserer ideenarmen Zeit zutrauen dürfte und die Verwirrung, die die Tatsache, daß er raucht - er stößt vielleicht mit der Zigarre an einen Neubau an, der dann natürlich zusammenstürzt, man wundert sich, daß die Trümmer noch existieren - anzurichten imstande ist, scheint mir nicht nur auf die Wertlosigkeit der Kinowelt einem solchen Vorgang gegenüber hinzudeuten, sondern vielmehr die falsche, geschäftliche Wertschätzung zu verulken, die so oft in der wirklichen Welt herrscht, die es gar nicht auf der Leinwand gibt. Darum ist es zu bedauern, daß wir uns am Abend vor die Leinwand drängen müssen, um uns über die mißlungenen Versuche eines falschen Ehrgeizes von ihm trösten zu lassen, auf daß er uns erklärt, wie nebensächlich, wie bedeutungslos das ist, daß das Leben höchstens ein Kinoschauspiel wert ist, ein Kinoschauspiel, wie Max Linder es spielt. O daß wir doch alle so frei, so leicht und ungehemmt wie er sein könnten! (Erste Internationale Film-Zeitung, 9.11.1912)