Filmzirkus.

Von Friedrich Porges.

 

 

    Max Linder vollendet gegenwärtig im Atelier der Wiener "Vita"-Filmindustrie-A.-G. die große Filmkomödie "Clown aus Liebe". In dem im Atelier erbauten Riesenzirkus wurden drei Wochen lang interessante Aufnahmen gemacht. Die künstlerische Leitung hat der französische Filmingenieur Violet inne.

    Es gibt eine Romantik, die unsterblich ist. Obgleich moderne Aufmachung, technische Vervollkommnung, weltstädtischer Schliff sie zu verdrängen, in die Archive überwundener Epochen, in die Müllkiste der Kolportageliteratur zu verbannen sucht. Sie läßt sich nicht verbergen, nicht verjagen, nicht verringern. Sie blüht aus dem Urgrund einer Empfindung, die wachgerufen ist, sobald eine gewisse Atmosphäre fühlbar wird, sobald das Auge die Rüstwerkzeuge sieht, sobald die Phantasie durch die bizarren äußeren Eindrücke angeregt erscheint. Zirkusromantik!! Es hat einmal zu meinen innigsten Wünschen gehört, ein paar Monate lang einen Wanderzirkus auf seinen Kreuz- und Querfahrten zu begleiten. Ich wußte nur nicht recht, in welcher Eigenschaft. Zum Clown fehlt der Humor, die Gelenkigkeit, für den Beruf des Dompteurs bringt man wohl die Erfahrung im Umgang mit Zeitgenossen mit, doch gebricht es an Geduld (vielleicht auch an der der Bestien), das Trapez - so hoch hinaus will man doch nicht, außerdem beinhaltet es eine allzu schwankende Existenz; auf Zirkuspferden fest im Sattel sitzen zu wollen, ist auch bloß frommer Wunsch. Bleibt nur der Posten des Presse- und Reklamechefs. Der aber ist mit dem dummen August besetzt, der die handgeschriebenen Plakate an die Holzwände und Mauern der Ortschaft heftet, in der einem hochansehnlichen Publico sich zu präsentieren der Zirkusdirektor die Ehre hat...

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    Draußen am Rosenhügel im neuen [] Filmatelier der "Vita" hat man einen veritablen Zirkus zwischen die Paraden der Ständerlampen und unter das mit hundert Weißlichtspendern behangene weite Gewölbe gestellt. Einen Zirkus mit Manege, mit amphitheatralisch angeordneten Sitzreihen, mit vielen Logen und den typischen schwarzvorhang-verhüllten Manegeeingängen. Ja sogar mit einem Stall für zwölf Pferde dahinter. Und zur Hauptattraktionsnummer: mit einem Löwenkäfig, einem vergitterten Korridor und hohen, die Manege umfassenden Rundgittern aus Stahl. Den Zirkusraum haben die Bauleute des Ateliers errichtet. Das Inventar lieferte Hagenbeck. Das starre und das lebendige. Die Schaustückrequisiten und die Artisten. Den Löwenzwinger und den Löwen. Das Trapez und das dazugehörige Künstlerpaar. Den Manegeteppich und die Parterreakrobaten. Die Pferde und ihren Dresseur. Die Peitsche - und fast hätte ich auch gesagt: ihren Knall. Die Resonanz der Dressur. Alles, alles geliefert. Die Routine. Die Zirkusseele. Die Romantik.

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    Zirkusromantik im Filmatelier etabliert. Dem Objektiv der Aufnahmeapparate dargeboten. Festfreudiger Dressurfrack, goldglitzernde Dompteuruniform straffgespannte Tüll- und seidenbesetzte Trikots, karierte Clownhosen, Federbusch und Glanzgehänge auf Pferdeköpfen, farbenfrohe Dienerlivreen... Photographierte Romantik: in Schwarz-Weiß-Manier. Licht und Schatten eingefangen, weil dem Filmbild die Farbe fehlt. Um den Prunk betrogene Flitterwelt.

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    Der Herr P., der Mann, auf dessen Wink zwölf Pferde sich auf die Hinterbeine stellen, ist ungehalten. Weil man den Schauspieler, der den Zirkusdirektor spielt, mit einem lustigen Frack, Lackreitstiefeln und Zylinderhut kostümiert hat. "So einen Zirkusdirektor gibt es doch nicht mehr!" sagt er. "Das war früher einmal. Heute ist der Direktor Kaufmann, Industrieller... In der Manege leitet ein mit Smoking angetaner Regisseur die Darbietungen...  Der Direktor läßt sich dort nicht blicken..." Er ist ein Feind der Romantik, der Herr Pferdedresseur. Er will den Zirkus durchaus als nüchtern geleitetes Geschäftsunternehmen mit notwendig artistischem Einschlag aufgefaßt wissen. Industrialisierung der Romantik.

 

 

Karrikatur Kleine Volks-Zeitung, 1.2.1924

[Quelle: Kleine Volks-Zeitung, 1.2.1924]

 

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    Wenn dagegen der Löwenbändiger H. aus seiner Vergangenheit erzählt, ist der Zauber erweckt. Das Kühnromantische des Handwerks offenbart sich. (Man darf bloß den wenig temperierten Unterton nicht hören. Und an dem schnoddrigen Deutsch des Dompteurs nicht Anstoß nehmen.) Sein Faible ist das Dressieren von Löwen und Tigern. Es ist ihm Bedürfnis, nicht Beruf. Er rühmt sich ganz hervorragender Erfolge.

    "Der Blick, die aufrechte Haltung, der wuchtige Hieb, wenn er nötig wird, sind die Requisiten des Dompteurs. Das Tier muß den Herrn fühlen. Es darf keinen Augenblick lang eine Schwäche des Dompteurs gewahr werden. Der Dompteur, der einmal im Zwinger vor den Bestien durch eine Unvorsichtigkeit, ein Straucheln über ein Hindernis zu Fall gekommen, ist von da in ständiger Gefahr. Den dressierten Bestien darf man schon ein gewisses Vertrauen entgegenbringen, aber nicht zuviel. Die Tiere sind falsch. Haben verhaltenen Groll gegen den Dompteur in sich aufgespeichert, der sich eines Tages entladen kann".

    Herr H. dressiert die Raubtiere übrigens nur, bis die "Nummer" klappt. In der Manege führt seine Frau die Löwen vor, die im Zwinger voll Unerschrockenheit und kaltblütig ist, außerhalb ihres Berufes jedoch den Eindruck einer blond-gutmütigen Frau vermittelt, die Mutter eines vierjährigen Knaben ist, der am liebsten mit den Löwen "Fangen" spielen möchte. Der ganze Papa. Die erste Frau des Dompteurs H. ist in Leipzig von vier Löwen zerrissen worden. "Für einen kurzen Augenblick hat die Frau die Beherrschung verloren," erzählt er darüber, "ein Löwe war störrisch geworden, besprang die Frau, die drei anderen sofort nach. Ich war gleich zur Stelle. Und habe eine Eisenstange an den wütenden Bestien krumm geschlagen. Einem der Löwen hab' ich das Nasenbein zertrümmert. Schießen wollte ich nicht. Denn die Frau war für jeden Fall verloren. Wozu die Tiere töten ... Ich habe hernach Abend für Abend mit den Tieren gearbeitet. Sie waren wieder zahm und folgsam..." Max Linder, dem Filmschauspieler, gibt er Ratschläge, bevor dieser den Löwenkäfig betritt. "Nur das Tier nicht aus den Augen verlieren. Und sich ganz furchtlos zeigen..." Linder benimmt sich den Löwen gegenüber wirklich ungemein tapfer. Zwei Aufnahmen gelingen tadellos. Aber in einer Szene hat der Pseudodompteur Angst zu mimen. Und dieser Augenblick wird kritisch. Mit knapper Mühe gelingt es dem Berufsdompteur, den Löwen "Prinz" von Linder abzulenken. Als am zweiten Tag die Aufnahme wiederholt werden soll, ist der Löwe unruhig. Der Dompteur erklärt: "Prinz ist nervös!" Und zuckt die Achseln. Man muß den kommenden Tag abwarten. Er lehnt die Verantwortung ab. Löwen sind ungebärdige Filmstars. Bei den zweibeinigen hilft gütliches Zureden doch manchmal. Bei diesen vierbeinigen ist auch das fruchtlos.

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    Und das Publikum: Vier Fünftel von den fünfzehnhundert Zuschauern, die Parkett und Logen bevölkern, sind bezahlte Komparsen. Der Rest geladene Gäste. Aber seltsam vermischt sich der Ausdruck des Interesses an den Zirkusdarbietungen. Die unbezahlten Zuseher applaudieren und äußern ihre Begeisterung, als würden sie bezahlt dafür. Und die anderen, die bezahlten, sind eingefangen vom Vergnügen über das Dargebotene, geben sich mit solch köstlichem Behagen dem Genuß hin, als hätten sie für das Entree Zahlung geleistet. Das ewig Romantische zieht sie alle an. Auch wenn die Manege inmitten eines Filmateliers placiert und die Romantik auf Bildfeldgröße eingeengt ist..." (Film-Kurier Nr.73, 25.3.1924)