Der tragische Max.

Von unserem Pariser Korrespondenten

Iwan Goll.

 

 

   Es soll nicht selten vorkommen, daß die unwiderstehlichsten und besten Komiker die unglücklichsten Menschen der Erde sind. Ein Besuch in der Loge der drei berühmten Clowns Bratellini im Cirque Médrano bestärkte sich in diesem Glauben, denn ich traf an jenem Abend drei sorgenvolle Familienväter an, die über die Krankheit eines Kindes und die europäische Gesamtlage sehr bekümmert waren. Die Fratellini sind als geistreiche Männer und gute Bürger geschätzt — obwohl sie allabendlich im Zirkusring nichts Anderes tun als sich bestehlen und über den Haufen schießen.

   Wer aber hätte je einem Max Linder einen neurasthenischen Tod vorausgesagt, einen verzweifelten Selbstmord, wie ihn sich nur ein anständiger Dichter zu leisten versteht? Er wurde am Vorabend von Allerseelen in seinem Zimmer im Hotel Balmoral siechend neben seiner Frau aufgefunden: beide hatten die linke Schlagader durchschnitten und sich mittels massiver Dosen von Veronal und Morphium gegen Schmerz immun gemacht.

   Max Linder hatte sich zwar in letzter Zeit sehr pessimistisch über sein Leben beklagt, das ihm Weltruhm, Millionen ohne Ende, und zuletzt ein entzückendes Weib von zwanzig Jahren geschenkt hatte. Aber keiner seiner Freunde glaubte an den tiefen Ernst seiner Gefühle. Und sein junges Weib vollends? Das war vor zwei Jahren eine abenteuerliche Geschichte gewesen: er hatte das 18jährige Fräulein Peters in Chamonix kennen gelernt, und die Journale hatten plötzlich eine abenteuerliche Geschichte von Verführung und Flucht erfunden, wie in einem regelrechten Film von Max Linder, der gerade in der Zeit lanciert wurde: "Soyez ma femme!" Max Linder aber spielte ihnen damals einen schlechten Streich, denn es kam zu einer regelrechten Ehe und einem schönen Kind von jetzt einem Jahr. Er liebte seine Frau. Liebte sie ihn?

   Max Linder übt Selbstmord! Max Linder, der erste Weltkomiker des Films, den wir noch als Jungen bewunderten, als es nur auf den Kirchweihen in Zelten “Kinematrographen” gab, alle Jahre einmal im Mai. Damals war Max Linder der weltmännischste Europäer, im Cutaway, die Nelke im Knopfloch, mit dem achtstrahligen Zylinder und einem Blumenstrauß in der Hand, den er nicht wußte, wem schenken oder den er sich ins Gesicht schleudern ließ.

   Was ist er uns heute? Der Vergleich mit Charlie Chaplin drängt sich auf. Max Linder ist nur ein dummer August des Films gewesen. Er war sentimental und hatte Kuhaugen, so schön wie blöd. Er war ein passiver Komiker, das Opfer der Situationen, mit denen er weiter nichts anzufangen wußte, als die Augen darüber zu rollen. Er war der Diener des Objekts und übertrug nichts Eigenpersönliches auf das Leben. Und das ist es, was ihn von Charlie unterscheidet, der erst an der Tücke des Objekts gescheit wird, und mit diesem spielt wie der Herrgott mit seinen Geschöpfen. Max Linder unterliegt dem Leben. Chaplin schafft solches aus nichts. Max Linder? Lächeln ist Tünche, Oberfläche, mit nichts darunter. Charlie? Lächeln ist geheimnisvoller als das der Gioconda, tiefer als jedes Wasser. Es ist ernster und oft schauerlicher als eine chinesische Maske. Charlie? Lächeln ist das Größte, was das 20. Jahrhundert bisher hervorgebracht hat: es spiegelt unser ganzes Leben wieder.

   Aber die Leute, die an sein Totenbett getreten sind, berichten, Max Linders totes Antlitz sei furchtbar ernst gewesen. Das macht uns stutzen. Haben wir uns alle in ihm geirrt? War mehr an ihm, als er uns ahnen ließ? Wenn wir je wissen könnten, warum er gestorben ist! Die einen sagen, aus Eifersucht auf seine zu schöne und zu junge Frau, die große gesellschaftliche Erfolge hatte. Aber sie starb freiwillig mit ihm.

   Verzweifelte er an seiner Kunst? Ließ ihn Chaplins Sonne nicht mehr ruhen? Die Amerikaner hatten einst große Stücke auf ihn gesetzt, ihn nach Los Angeles auf einer "goldenen Brücke" hinübergeholt. Er drehte dort drei Films: "Max fährt nach Amerika", "Max läßt sich scheiden" und "Max und sein Taxi." Dann wurde er krank, kam nach Frankreich zurück, kehrte aber später nochmals nach Hollywood zurück, wo er seine Parodie auf Dumas' Roman "L'Etroit Mousquetaire" (statt Les trois Mousquetaire) filmte, in der er übrigens theoretisch-künstlerische Recherchen zu machen anstrebte, die nicht glückten. Immerhin, sein Stern schien zu sinken.

   Einem Freund sagte er unlängst: Ich erschrecke, wenn ich in den Spiegel schaue. Bald kann die dickste Schminke nichts mehr gegen meine Falten. Ich werde alt. Ich bin nichts mehr!

   Also doch. Max verstand keinen Ernst. Nun liegt er in der Klinik Piccini, auf Zimmer 47. Seine Frau auf Zimmer 46. Warum nicht "im Tode vereint"? Neben ihm ein Strauß Parmaveilchcn. Neben ihr eine rosa Nelke. Er ist ernst. Sie lächelt. Allerseelen in Paris. (Hamburger Anzeiger, 9.11.1925)