Pioniere der Filmkunst

Reiseplauderei von Emil Perlmann

I.

Pariser Visiten.

 

    Wenn später einmal die Geschichte der Kinematographie geschrieben werden sollte, so wird man als wichtige Marksteine auf dem aufsteigenden Wege, den die kinematographische Industrie in so wenigen Jahren genommen hat, mit ehrender Hochachtung die Firmen nennen, die sich auf dem Gebiete dieser jungen Branche einen Weltruf geschaffen haben.

    Die französischen Filmfabrikanten haben, wenn man der Wahrheit die Ehre geben will, nicht wenig zu dieser Entwicklung beigetragen, und es gab eine Zeit, in der die Fabrikanten Frankreichs zum grossen Teile den internationalen Filmmarkt kontrollierten und nicht unbedeutend beeinflussten.

    Wie viele wertvolle technische Neuerungen in der Fabrikation der Apparate und in der Projektion selbst, wie viele wichtige und hochinteressante Erfindungen, betreffend die Herstellung der Rohmaterialien usw. nahmen ferner von Paris aus ihren Weg nach Deutschland und den anderen Ländern ?

    Ich glaube daher unseren Lesern mit dieser Reiseplauderei eine in vieler Hinsicht interessante Lektüre zu bieten.

    Die karg bemessene Zeit meines Sommerurlaubes gestattete mir nur die zwei grössten Firmen der Kinematographie, Pathé Frères und L. Gaumont & Cie., die mit den Brüdern Lumière in Lyon die Pioniere der Filmkunst genannt werden dürfen, zu besuchen. Eine ausführliche Schilderung des Gesehenen in einem kurzen Aufsatze zu geben, ist nicht möglich. Ich beschränke mich daher darauf, lediglich mit einigen Worten und Ziffern den Lesern des "Kinematograph" ein ungefähres Bild von den riesenhaften Betrieben der beiden Welthäuser vorzuführen

Besuch bei Pathé Frères.

    Der grösste Teil der Pathéschen Fabrikation geschieht in Vincennes, einem dicht an der Pariser Stadtgrenze gelegenen, ca. 60 000 Einwohner zählenden, von schönen, geraden, baumbepflanzten Avenuen und Strassen durchzogenen Vororte. Die liebenswürdige Aufnahme, die mir von seiten der Herren Pathé Frères zuteil wurde, liess mich sofort erkennen, dass der "Kinematograph" ein alter und gern gesehener Freund im Hause ist. Nachdem die übliche Begrüssungs- und Willkommen-Zeremonie zu Ende war, stellte mir Herr Jacquemin, der umsichtige Leiter der kaufmännischen Abteilung, in zuvorkommender Weise einen seiner Beamten, Herrn Uttwiller, Expert für internationale Korrespondenz, als Führer zur Verfügung. Und nun begann der Rundgang durch die endlosen Betriebsräume der Fabrik, der einen ganzen Tag in Anspruch nahm. In sauberen, hellen und luftigen Räumen ist hier ein gewaltiges Heer von Arbeitern beiderlei Geschlechts beschäftigt. Wir durchschritten die diversen Werkstätten, in denen die Aufnahme- und Projektions-Apparate hergestellt werden. Ueber hundert in weisse Kittel gekleidete Feinmechaniker hämmern, feilen und sägen und vollführen ein fast hypnotisierendes Geräusch, in das sich der tiefdaehnende Bass der ewig surrenden, gewaltigen Transistoren mischt. Nebenan befinden sich die Räume zur Entwicklung und zum Trocknen der Negative. Ein nicht unbeträchtlicher Platz im Pathéschen Fabrikgebäude, zu dem aus begreiflichen Gründen nur wenig Auserwählte - nicht einmal das Personal der Firma - Zutritt haben, ist für die Herstellung des Rohmaterials, der Films, reserviert. Bei den Schreiner- und Tischlerwerkstätten vorbei, gelangen wir in den Decoupier- und Koloriersaal, in dem an langen, pultähnlichen Tischen 450 in weisse Arbeitsblusen gehüllte Mädchen emsig über die Arbeit gebeugt sitzen.

    Der interessanteste Teil des Pathéschen Betriebes ist entschieden das Aufnahme-Theater. Ein fast 30m im Quadrat messender, heller, mit Oberlicht reichlich versehener, in der Höhe eines ersten Stockwerks erbauter Raum dient der Firma zur Aufnahme der Sujets. Hier haben sie alle einmal gestanden, die Filmsterne, wie Max Linder, Prince, Mistinguett, Robinne, Polaire etc., die "védettes" des Variétés und der Schauspielbühne, selbst die einzige, grosse, die "göttliche" Sarah Bernhardt trat vor den kurbelnden Operateur. Der ungeheure Raum bot im Moment unseres Besuches ein hochoriginelles Bild. Man glaubte ein Dutzend Theaterbühnen vor und um sich zu sehen. Meistens Interieurs. Hier ein eleganter, stilisierter Salon, dort ein Schlafzimmer mit dem idealen, komfortablen "lit au mileau", ohne welches eine richtige französische Komödie schon gar nicht denkbar ist, daneben der Schankraum eines Restaurants sechster Ordnung, einer Pariser Apachen-Kaschemme, weiter hinten eine den Treppenlauf zwischen zwei Etagen darstellende Dekoration etc. Vor jeder dieser Szenerien steht auf hohem Stative ein Aufnahme-Apparat, zum Drehen bereit. Ein Schwarm von kostümierten Filmkünstlern eilt geschäftig hin und her, die grellbunt geschminkten Gesichter und die fahlfarbenen Perücken der unerbittlichen Strenge des Sonnenlichts preisgebend. Alle Ränge, alle Genres sind vertreten. Von der Comparserie, über "Chlor und keine" bis zu den ersten Chargen. Man glaubt sich inmitten einer Karnevalsredoute, auf einem Faschingsball der Münchener Blumensäle zu befinden. Ritter aus dem Mittelalter. Damen im Kostüm der Grisetten Henry Murgers. Bauern aus der Zeit Ludwig XIV., Marquisen à la Pompadour, Napoleonische Gardisten plaudern und lachen mit befrackten Kavalieren "dernier cri". Vor einer Strassendekoration, die, meiner Schätzung nach, dem Vilette-Viertel mit seinen kleinen, krummen Gässchen entnommen ist, bilden Apachen und Dirnen eine Gruppe, in deren Mitte ein junger Mann, Monokel im Auge, den linken Frackschoss abgerissen, den rechten Fuss mit einem Schuh bekleidet, den anderen Schuh in der Hand haltend, seinen distinguierten Zuhörern den neuesten Theaterwitz erzählt. In der Mitte des gewaltigen Saales, umringt von dem buntkostümierten Völkchen der Filmschauspieler und der Maschinisten, sehen wir den Gebieter des Ganzen, den Oberregisseur der Firma Pathé Frères, Herrn Capellani, im eifrigen Gespräch mit seinen Operateuren, denen er eben noch die letzten Instruktionen für die Aufnahme einer Szene erteilt. Herr Capellani ist eine schöne, imposante Erscheinung, ein starker, wohlgepflegter blonder Vollbart umrahmt sein Antlitz, in dem Wohlwollen und Intelligenz gleichmässig zum Ausdruck gelangen. Seine Kompetenz in Regiedingen ist über jeden Zweifel erhaben und ihm ist zum nicht geringen Teile der Erfolg des Films vor dem Publikum zu verdanken. Während wir uns so den Betrachtungen über die Person des Oberregisseurs hingeben, schlagen plötzlich zornerfüllte Rufe einer Männerstimme an unser Ohr: "Marie! Sapristi! Wo steckt sie denn schon wieder? Marie! Meine Pfeife! Marie! Marie! Marie! Himmelsaperlot....!" Der Ruf erschallt von links. Instinktiv wenden wir das Haupt nach dieser Richtung und befinden uns vor einem kleinen, mit Möbelstücken und Büchern, Globen und physikalischen Instrumenten überfüllten Zimmer. Das Studierzimmer eines Gelehrten. In der Mitte, hinter einem mit Bänden, Zeitungen und Papieren bedeckten Tische steht ein Mann in den sechziger Jahren, in der Kleidung der Wissenschaftler des vorigen Jahrhunderts. Ein langer schwarzer Gehrock umschliesst seinen Körper. Vatermörder, Halsbinde und Brille vervollständigen das Kostüm. Nervös hastig in den vor ihm liegenden Papieren wühlend, wendet er von Zeit zu Zeit den Blick fragend nach der Stubentür, die wahrscheinlich nach irgend einem anderen Zimmer der Wohnung führt. Seine Stimme schwillt bis zum ungebärdigen Wutschrei an und ein kräftiger Faustschlag auf den Tisch setzt ein kategorisches Ausrufungszeichen ans Ende des Satzes. Aber schon schreit hinter uns eine kreischende Weiberkehle: "Nun ja, was ist denn los? Hier bin ich; nur nicht so schreien, mein Gott!" Es ist Marie, die langgesuchte. Ein Typus im Genre der Pfarrersköchinnen. Wir beginnen zu verstehen. Ein Professor, der seine geliebte Tabakspfeife nicht finden kann, zerstreut, wie eben die Herren sind, und ergrimmt nach seiner Dienstmagd ruft, die natürlich, wie eben alle Dienstmädchen, nie da ist, wenn man sie braucht. "Der alte Herr," flüstert mir mein Cicerone ins Ohr, "ist noch ziemlich jung. Es ist der bekannte Schauspieler Krauss, und was er jetzt mimt, ist eine Szene aus dem berühmten Werke von Jean Richepin "La Glu". Natürlich, jetzt ward's auch mir klar. Ein wenig rechts von uns kurbelte der Operateur die ganze Szene, assistiert von dem unermüdlichen Capellani.

    Die Firma Pathé Frères besitzt noch ein zweites Aufnahmetheater, ebenfalls in Vincennes gelegen, nur einige hundert Meter von der Fabrik entfernt, in dem die "Société des Auteurs Cinématographiques" ihre Aufnahmen macht resp. von Pathé Frères machen lässt. Auf dem Wege dahin warfen wir einen flüchtigen Blick in den Maschinenraum der Fabrik. Drei mächtige Dynamos versorgen die Bureaus und Arbeitsräume der Firma mit dem nötigen elektrischen Strom. Schrille, langanhaltende Pfeiftöne zerrissen die Luft. Und die grosse Fabrikuhr im Hofe verkündete mit zwölf wuchtigen Schlägen die Mittagspause. Ein endloser dunkler Menschenstrom ergoss sich plötzlich aus den weit geöffneten Toren der Gebäude.

    Auch der Fabrik in Joinville bei Nogent, an der Marne, wohin man (von Vincennes aus) nach ca. halbstündiger Bahnfahrt gelangt, statteten wir einen Besuch ab.

    Hier wieder derselbe imponierende Anblick, dieselbe Ordnung und Sauberkeit, dieselbe Emsigkeit in der Arbeit. Die Ateliers in Joinville, die der Leitung des Herrn Dosse unterstellt sind, dienen in der Hauptsache der Herstellung der Positive. Hier werden auch die farbigen Films fertig gemacht. Erst wenn man die 400 Malerinnen an der Arbeit gesehen, bekommt man einen Begriff, von der mühseligen, anstrengenden Kolorierarbeit, die die Vorführung der farbenprächtigen Filmbilder ermöglicht.

    Die Firma Pathé Frères, die 65 über die ganze Welt verbreitete Filialen unterhält, beschäftigt allein in ihren Fabriken und Bureaus 6000 Angestellte und Arbeiter. Dieses Heer erzeugt die stattliche Länge von 40 Millionen Meter pro Woche zur Ausgabe. Dass der jährliche Umsatz der Firma Pathé Frères ein ganz kolossaler ist, darf dann natürlich nicht wundernehmen, trotzdem dürfte manch einer staunen, wenn ich sagen werde, dass derselbe die schwindelnde Höhe von 58 Millionen Franken erreicht.

    Die Pariser Räume der Firma Pathé Frères okkupieren ein ganzes, riesenhaftes Gebäude im Zentrum der Stadt, dicht an der grossen Börse. In den Parterreräumen findet der Detailverkauf der phono- und kinematographischen Apparate und der Films statt, während in den oberen Etagen sich die Bureaus der Direktion, der Verwaltung, der Expedition usw. befinden.

    Ich habe von meinem Besuch im Hause Pathé Frères in Paris einen unschätzbaren Eindruck empfangen, der mir unvergesslich bleiben wird. (Der Kinematograph, 12.11.1913)