Betrachtungen über Kinobilder.

 


    Das Kinotheater ist für viele eine Stätte der Erholung und des Vergnügens geworden und es nicht nur, wie man vielfach behauptet, das "Theater des kleinen Mannes", sondern es gehen Personen aller Stände in ein Kinotheater, das wirklich gute, künstlerische Bilder vorführt und zwar in einer geeigneten Programmreihe. Es ist natürlich schwer, den Geschmack eines jeden einzelnen zu treffen und zu befriedigen, aber es liegt doch auch viel an der Leitung, Auswahl und Zusammenstellung des Programms, um für jeden etwas Interessantes zu finden.

    Einige kleine Winke und Betrachtungen über das "Programm" und die "Kinobilder" möchte ich hier wiedergeben, die zu erfüllen ohne besondere Schwierigkeiten möglich sind.

    Zunächst das Programm.

    Es ist eine bekannte Tatsache, dass das Publikum zurzeit für längere, dramatische Bilder schwärmt und zwar sollen sich diese am liebsten in den sogenannten besseren Kreisen abspielen. Demgemäss werden denn solche grösseren Dramen auch in grossem Masse zur Aufführung gebracht. Die Aufführung des grösseren Bildes muss, wie es schon vielfach geschieht, so erfolgen, dass es bei jedesmaligem Hauptwechsel des Publikums auf dem Spielplan war, also, wenn z.B. der Anfang des Theaters auf etwa 5 Uhr angesetzt ist, würde das grössere Drama um ca. 6 oder 7 Uhr und dann wieder um 9 Uhr zu erscheinen haben.

    Neben den grösseren Hauptdramen sorge man für kleinere dramatische Szenen und tragikomische Bilder, denen man zweckmässig abwechselnd ein Landschaftsbild und ein gutes humoristisches Bild einfügt. Die Landschaftsbilder und gewisse bekannte Gegenden (Gebirge, Flüsse, Wasserfälle, Schluchten, Städte usw.) finden stets grossen Beifall.

    So habe ich z.B. kürzlich Kinobilder von den "Niagarafällen" sowie von "Berchtesgaden" gesehen (in Naturfarbenausführung), die geradezu als hervorragend bezeichnet werden müssen und die den Beifall des Publikums fanden.

    Wenn die Reihenfolge dieser Bilderarten richtig zusammengesetzt ist, so wird ein Programm gewonnen, das für jeden etwas bietet und allen Anforderungen gerecht wird.

    Ueber die Art und Ausführung der Kinobilder sei folgendes erwähnt:

 

    Man kann die Art der Bilder einteilen in

    a) Dramen;

    b) Tragikomische Szenen;

    c) Komische (humoristische) Bilder;

    d) Historische Bilder (Bilder aus alter Zeit, antike Bilder, Burgenbilder, Ritterdramen usw.);

    e) Landschaftsbilder (Städte, Gebirge, Flüsse, Wasserfälle, Schluchten, Wälder, Wasser- und Seebilder usw.);

    f) Wissenschaftliche Bilder;

    g) Bilder vom Tage (Wochenübersicht);

    h) Modebilder, Sportbilder und sonstige Bilder.

 

    Zu a): Dramen. Der Strömung der Zeit entsprechend sollen sich fast alle Dramen in dem sogenannten gesellschaftlichen Leben abspielen, d.h. sie sollen Erlebnisse aus den feineren Kreisen wiedergeben. Das ist ein eigentümlicher Standpunkt; als wenn sich nicht auch wirkliche dramatische Bilder gerade aus dem bürgerlichen und dem einfachen Leben (es brauchen ja keine Bilder aus dem niederen Leben zu sein) darstellen liessen, z.B. sah ich einmal ein herrliches Bild aus dem Fischerleben (Entführung der Tochter) mit herrlichen See- und Strandbildern.

    Die "gesellschaftlichen Dramen" sollen, unter Berücksichtigung der Zensur, in den Bildern keine Szenen enthalten über Mord, Ehebruch, Einbruch, Diebstahl, Misshandlung usw.

    Allerdings wirken derartige Vorführungen manchmal sehr hässlich, man möchte aber fast behaupten, dass es fast keine grösseren Kinodramen gibt, in denen nicht eine der genannten Handlungen vorkäme.

    Es ist natürlich die Hauptsache, Bilder zu schaffen, die von allen hässlichen Handlungen frei, doch eine spannende Handlung bieten und dabei einen gewissen Sinn und eine sich weiter fortspinnende Handlung besitzen. Das ist Grundbedingung, und wenn die erfüllt ist, bleibt das Interesse des Publikums für das Kino bewahrt und Ausdrücke, wie sie kürzlich wieder geäussert sind:  "Das Publikum schwärmt für das

                                                                               Kino nur so lange, als ihm Schauerromane vorgeführt werden."

fallen fort.

    Dass Bilder Szenen enthalten, die "gesucht" und "unwahrscheinlich" wirken, ist selbstverständlich, denn wie käme ein Bild, eine Geschichte, eine Erzählung, ein Roman, eine Novelle, ein Theaterstück wohl anders zustande, als dass sich gewisse Personen im Laufe der Handlung (in Zwischenräumen oder nach langer Zeit) wiederbegegnen oder dass sie der Zufall wieder zusammenführt, wie ja "Zufälligkeiten" dabei stets ausschlaggebend sind.

    Aber auch hierin muss natürlich "Mass" gehalten werden; es darf nicht "unmöglich" erscheinen.

    Ich möchte z.B. einige Punkte berühren, die vermieden werden müssen, wenn ein Bild nicht unnatürlich erscheinen soll.

    1. Aeussere Erscheinung bei Altersunterschied. Ich sah kürzlich ein Bild, in dem der Vater eines unehelichen Kindes dieses nach ca. 20 Jahren (ohne es zu kennen) wieder traf und es verführen wollte. Die Mutter und frühere Geliebte war "alt und grau" geworden, während der Vater der "schneidige junge Verführer von früher" geblieben war. Dies und der Umstand, dass das junge 20jährige verlobte Mädchen sich in den 40jährigen "verschiessen" sollte, wirkt unnatürlich.

    2. Kleiderwechsel bei Bildern mit grösseren Zeitzwischenräumen.

 a) In einem Bilde trat ein junger Herr mit einem Ueberzieher auf; denselben Ueberzieher bekam man zu sehen, nachdem sich die Handlung nach 2 x 10Jahren fortspinnte. Das wirkt unnatürlich.

 b) Ein junges Mädchen trug als Braut ein einfaches Sommerkleid und trug dasselbe Kleid als junge Mutter beim Wiegen ihres Kindes nach zwei Jahren.

 c) In einem anderen Bild will ein getrennt lebender Gatte seine ihn aufsuchende Gattin nicht wiedererkennen und weist ihr die Tür. Später erkennt er sie aber im Krankenhause gleich nach dem Hereintreten wieder. Das ist ebenfalls unnatürlich.

    Hierüber liesse sich noch viel schreiben. Tatsache ist, dass vielfach sonst eifrige Kinobesucher mit der Zeit ihren Besuch einschränken oder aufgeben, weil ihnen manche Bilder "zu überspannt", "zu wenig fortlaufenden Sinn hatten" und im allgemeinen "nicht hübsch genug" waren, ihr Interesse hatte also mit der Zeit sich verloren. Es muss entschieden mehr Wert auf gute, sinnvolle Bilde gelegt und weniger Wert auf spannende Titel und nervkitzelnden Inhalt gelegt werden.

    Zu b) Tragikomische Szenen. Diese Art Bilder sind nicht genügend vorhanden; sie verdienen mehr Beachtung und es müssen hübsche, dramatische, nicht zu lange Handlungen aus dem Leben erscheinen, die am Ende zum guten auslaufen.

    Zu c) Komische Bilder. Von diesen Bildern will ich nicht viel sprechen. Ich habe recht selten ein wirklich gutes humorvolles Bild gesehen, das Anspruch auf Komik hatte. Die komischen Bilder sind meist zu übertrieben. Es mangelt also wirklich an "humoristischen Bildern".

    Zu d) Historische Bilder usw. Von diesen Bildern sieht man ebenfalls sehr wenig und diejenigen, die bestehen, sind fast alle gut und wirken schön und spannend.

Es ist durchaus falsch, zu glauben, das Publikum schwärme nicht dafür. Die Filmabnehmer glauben das und denken, nur "gesellschaftliche, moderne Dramen" bringen zu müssen. Allgemeines Staunen und Interesse rief u.a. ein Ritterbild hervor, dessen Handlung und die Umgebung (Burgen, Burgtürme, Landschaft usw.) geradezu herrlich wirkten.

    Zu e) Landschaftsbilder, Städte usw. Auch diese Bilder müssten mehr auf den Spielplan kommen. Gewisse Städte, Landschaften, Gebirge, Flüsse, Wasserfälle, Wälder, Schluchten usw. erringen stets das hohe Interesse bei dem Publikum, zumal bei denjenigen Zuschauern, die sich eine Fahrt dorthin nicht leisten können. Aber auch dasjenige Publikum, das dort schon war, sieht diese Gegenden gern im lebenden Bilde.

    Zu f) Wissenschaftliche Bilder. Diese Bilder rufen natürlich oft nur bei einem Teil des Publikums Interesse hervor; sie verdienen aber doch mehr Beachtung, da sie nie langweilig wirken.

    Zu g) Bilder vom Tage -Wochenübersicht-. Diese Bilder werden immer mit Interesse verfolgt und wer sie auf das Programm setzt, fährt dabei nicht schlecht.

    Zu h) Modebilder, Sportbilder usw. Auch diese Bilder gewinnen mehr und mehr Interesse beim Publikum und verdienen umfangreicher zu erscheinen.

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    Wenn die Kinematographie (wie im "Kinematograph" No.265 zum Bilde "Das Todesschiff" gesagt "die moderne Macht der unbegrenzten Möglichkeiten ist", so wird es ihr auch nicht schwer fallen, alle kleinen Mängel zu beseitigen und sich durch Vorführung schöner Bilder dauernd auf der Höhe halten, auf der sie jetzt steht. H. Prasse. (Der Kinematograph, 18.9.1912)