Der Prozeß gegen Max Linder. In dem Prozesse des Künstleragenten Alfred Welter gegen den Kinoschauspieler Max Linder hat nunmehr der Bezirksrichter Doktor Kastner (Innere Stadt) das Urteil gefällt, das dadurch bemerkenswert ist, daß das französische Recht in diesem Prozesse angewendet werden mußte. Der Agent hatte durch Dr. Samuely gegen Linder während seines Gastspieles bei Ronacher eine Klage auf 1000 Francs für die Vermittlung seines Engagements an ein Londoner Varieté angestrengt. Gegen die Klage erhob der Geklagte durch Dr. Heinrich Mück die Einwendung der Unzuständigkeit des Wiener Gerichtes, da der Kläger in Luxemburg seinen Wohnsitz habe, während Linder in Paris wohne. Der Richter erkannte auf Grund der Ausführungen des Klagevertreters die Kompetenz des Wiener Gerichtes für gegeben, da Linder hier Vermögen besitze, indem er seine Effekten hier habe und auch die Gage der Ronacher-Gesellschaft in Wien stehen habe. In der Sache wendete Dr. Mück ein, daß das Engagement mit dem Hippodrom in London nicht zustande gekommen sei, weil Linder sich die Uebersendung eines Vertrages in französischer Sprache bedungen habe, ihm aber ein Vertrag in englischer Sprache gesendet wurde, und er nur einmal auftreten wollte, während die Londoner Direktion auf zweimaligem Auftreten bestand. Er sei darüber im unklaren gelassen worden und daher berechtigt gewesen, den Vertrag, dem er telegraphisch zugestimmt habe, nicht zu halten.

  Der Richter sprach nach Vorlage der diesbezüglichen Korrespondenzen Linder schuldig, die Provision von 1000 Francs an den Kläger zu bezahlen. Die Klage beruhe zweifellos auf einem in Paris im Rechtsgebiete des Code Napoleon abgeschlossenen Auftrage Linders an den Agenten, ihm ein Engagement zu vermitteln, wofür er ihm 10 Prozent des Honorars als Provision zugesagt hatte. Bei dem Streitfall war gemäß § 37 a. b. G. B. französisches Recht anzuwenden. Nach § 1999 code civil gebühre dem beauftragten Vermittler die Provision, wenn die Angelegenheit auch nicht gelungen ist, es sei denn, daß der Vermittler ein Versehen begangen. Mit Rücksicht auf diese Gesetzesbestimmung war dem Gerichte die Erörterung der Frage, ob der Vertrag mit dem Londoner Hippodrom zustande gekommen ist oder nicht, ganz nebensächlich. Daß der Kläger die Tätigkeit als Makler entfaltet habe, ist vom Geklagten überhaupt nicht bestritten worden. Daß der Vertrag nicht zustande kam, sei nicht auf einen Fehler oder ein Verschulden des Agenten zurückzuführen, und wurde auch eine solche Behauptung vom Geklagten nicht aufgestellt. Der Klageanspruch mußte daher im Sinne des angewendeten französischen Rechtes als rechtsbeständig anerkannt und dem Klagebegehren stattgegegeben werden. (Kinematographische Rundschau, 12.1.1913)