Kinematographen-Theater

     Von Dr. Max Messer.

 

 

 

    Unsere Zeit der Maschinen, der kühnen technischen Erfindungen auf allen Gebieten, hat dem Mangel an kleinen Volksbühnen in der Großstadt und draußen in der Provinz rasch abgeholfen. Mit Elektrizität werden nun auch geistige Bedürfnisse gestillt. Edison ist der größte Theaterdirektor der Welt. Er hat jetzt in jedem Lande tausende Bühnen aufgestellt, vor denen ein atemlos - allerdings nicht lauschendes - sondern schauendes Publikum seine naive Sehnsucht nach Kunst stillt. Die großen Schauspielbühnen werden durch die Kinematographen-Theater nicht verdrängt werden. Wohl aber ist es möglich, daß die kleinen Provinzbühnen, die wandernden Schauspieltruppen, die "Schmieren", bald ganz verschwinden werden. Ihr meist veraltetes Programm und gealtertes Personal kann sich mit der frischen Aktualität des photographischen Bildes nicht messen. Kulissenzauber können sich die kleinen Bühnen nicht gönnen. Die Phantasie ihrer Hörer muß sich allzusehr anspannen. Das Publikum - und da unterscheidet sich das niedere nicht vom höheren - will sich nicht anstrengen. Es will mühelos genießen. Diesem Bedürfnisse kommen die Kinematographenbühnen entgegen.

    Treten wir einmal in ein größeres Theater dieses Schlages ein. Schon äußerlich merkt man das Bestreben, die Schauspielbühne zu ersetzen, mit ihr wenigstens in Wettkampf zu treten. Es ist meist ein nett eingerichteter Raum, der für ein intimes Theater wohl verwendet werden könnte. Sitzreihen, Orchesterplätze, Bühne unterscheiden sich in nichts wesentlichem vom Theater. Die erste Nummer bringt eine Musikpièce vom Hausorchester. Auf musikalische Erfolge scheinen es die Bioskopinhaber nicht abgesehen zu haben. Aber da in diesem Theater tatsächlich das Auge "lauscht", verzeiht und verzichtet das Ohr willig. Das erste Stück ist eine Hanswurstiade. Ein Prestidigitateur tritt auf, zeigt vor einem im Bilde mitbefindlichen Publikum seine Zauberkünste. Einer aus diesem Publikum stiehlt ihm den Zauberstab und rennt nun nach Hause, um die gesehenen Kunststücke vor Freunden nachzuahmen, natürlich mit derbstem Mißerfolg. Fußtritt, Prügel ... eine Zirkusklownszene... Das wirkliche Publikum hat sich unterdes sehr amüsiert, besonders die Kinder jubelten und jauchzten wie närrisch. Nun aber kommt etwas für die Großen. Ein "Drama" in zwölf Bildern. Das Hausorchester leitet mit schauerlichen Tannhäuserklängen ein. Das Drama spielt in Italien. Verismus... Felsige Küste... eine Hexe. Der Sohn der Hexe ist in die Frau eines andern verliebt. Und das gibt zwölf Szenen furchtbarer Eifersucht und Liebe, zum Schlusse merkwürdigerweise kein Blut... aber ein tränenreicher Abschied. Der Sohn, der Hexe wandert auf zitternder Barke aus. Man sieht, Kolportage durch und durch. Und doch war hier, etwas zu sehen, was auch den feinst organisierten Menschen entzücken mußte. Es was das Meer! Das Meer, das durch die kinematographischen Platten mit einer unerhörten Deutlichkeit erfaßt wurde. Man sah die tausend glitzernden Wellen, den Schlamm des Ufers, und man hörte durch das Auge das sanfte Glucksen des Wasser, den Schlag der Ruder ins Wasser, das Spritzen der Wogen.... Nun kommt wieder eine Variéténummer. Die zwei stärksten Männer Japans in ihren Kraft- und Ringerspielen. Sie wirkte auf die Zuschauer mit der rohen Kraft aller Gladiatorenpiècen. Dann eine amerikanische Zirkusgroteske. Zwei Tagdiebe fischen einen ungeheuren Magneten aus dem Meere. Sie ziehen ihn durch die Stadt, und nun folgt alles was aus Eisen ist, in unaufhaltsamem Zuge dem Magneten: Kübel, Eisengeschirre, Auslagengegenstände, ein Messingbett, ein Fahrrad, ein Automobil. Die Diebe können ihren Magnet nicht mehr erschleppen. Sie stolpern vor einer ungeheuren Straßenwalze, die der Magnet als letztes an sich zieht, und werden von ihr mit Haut und Haar in kleine Stücke zertreten, die der nächste Straßenkehrer mit Seelenruhe zusammenkehrt und in den Mistwagen wirft. Amerikanischer Humor! Er spielt überhaupt im Kinematographen-Theater die erste Rolle. Denn noch ist Amerika das Land seiner größten Erfolge...

    Zum Schlusse Märchenzauber... Ballet. "Die Legenden der Narzissen". Diese Aufnahme ist französischen Ursprungs. Eine mythologische Gegend, ganz in grünes Licht getaucht. Mendelsohnsche Musik im Hausorchester. Das Rieseln eines Wasserfalles glaubt man wieder durch die wunderbar exakte kinematographische Aufnahme des fallenden Wassers zu hören... Antike Kostüme, die Sage von Narzissus. Alle Zaubereien der Legende können von diesem Wunderapparat in lebensgleicher Bewegung erscheinen. Aus dem Wasser blühen Narzissen auf. Der Liebende wandelt sich zu Stein. Das Unmögliche, das Wunder, läßt sich eben mit dem Kinematographen realistisch wie etwas Alltägliches darstellen. In diesem Sinne ist der Kinematograph der größte Zauberkünstler und Hexenmeister, der je da war.

    Und doch besteht sein allergrößter Zauber nicht in der realistischen Wiedergabe von Phantastereien komischen oder tragischen Inhalts, sondern im lebensgleichen Bilde der Wirklichkeit des uns umgebenden Lebens und der historischen Ereignisse unserer Tage.

    Wie die Zeitung der Geschichtsschreiber der Gegenwart ist, so ist der Kinematograph der Geschichtszeichner und -Bildner. In den österreichischen und wohl auch schon in den ausländischen Kinematographentheatern sieht man jetzt den Jubiläumsfestzug als Paradenummer dahinziehen. Und es wird für Tausende, die den Kaiser doch nur auf Sekunden, im Vorüberfahren, gesehen haben, ein besonderer Genuß sein, ihn nun im Bilde, das jede Geste, jede Bewegung des Hauptes, jede körperliche Aeußerung des Interesses, und zum Schlusse, bei der Ansprache, die Rednergesten aufbewahrt, zu sehen.

    Ich selbst verdanke einem solchen Kinematographenbilde, das ich vor einigen Jahren in einer deutschen Stadt sah, einen historischen Eindruck, der mir unvergeßlich ist.

    Ich erinnere mich noch deutlich der kolossalen Spannung, die das Publikum des großen Variététheaters ergriff, als unter den kinematographischen Bildern plötzlich angekündigt wurde; "Bismarck im Sachsenwalde." Ich hatte den Kanzler niemals von Angesicht zu Angesicht gesehen. Ich kannte nur die Lenbach-Bilder. Auch mich erregte die Erwartung wie ein kleines Fieber. Zuerst sah man die ungeheuren Eichenstämme mit den gewaltigen Blattkronen, die, vom Winde bewegt, ineinander rauschten. In der Mitte des Waldes mündete ein Weg, der sich nach rückwärts verlor. Auf diesem Wege sah man plötzlich eine Gestalt in schwarzem Schlußrock mit breitem Schlapphut daherkommen. Die Gestalt, die erst undeutlich klein war, wird mit jedem Schritt größer und deutlicher. Endlich sieht man Bismarck in seiner vollen Lebensgröße langsam daherschreiten, das Gesicht mit dem vollen Blick der großen Augen ins Publikum gewendet. Neben ihm lauft die Lieblingsdogge, die sich manchmal an ihn anschmiegt und ihn beschnuppert. Er kommt noch näher und verschwindet dann in Ueberlebensgröße von dem gespannten Linnen.

    Das Publikum war einige Sekunden ruhig, wie gebannt von diesem kaum entschwundenen Bilde. Dann aber brach ein Beifall los, wie ich ihn selten gehört hatte. Und mit Recht. Der Kanzler war wieder erschienen, wie im Leben selbst. Jede Falte des wundervollen Anlitzes schien zu leben. Die Augen schienen zu leuchten. Das Wundervollste aber war der Gang des Bismarcks. Dieser langsame, wahrhaft majestätische Schritt, in dem sich die ganze Kraft, der ganze Stolz, das ganze ungebrochene Selbstbewußtsein des großen Mannes verkörperten.

    Ich habe Bismarck erst ganz verstehen gelernt, als ich ihn so einsam mit seiner Dogge durch den Sachsenwald schreiten sah, freilich nur im Kinematographen. Aber das Bild dieses Kinematographen war für mich mehr als ein Schaustück, es war ein - Erlebnis.

    Und daß solche Bilder dem Volke zugänglich sind, das macht auch diese Schaubuden nützlich, ja wertvoll.

    Der Kinematograph umfaßt alle Gebiete menschlichen Seins und menschlicher Tätigkeit. Mit ihm kann man alles darstellen: Lehrreiches, Interessantes, Spannendes, Heiteres und Trauriges, ja auch Phantastisches und auf der wirklichen Bühne Unmögliches. Man kann mit ihm das Volk erziehen. (Kinematographische Rundschau, 15.8.1908/erschienen als Nachdruck aus der "Neuen Freien Presse")