Max Linder im Sanatorium.

Der Filmstar und seine Frau mit Veronalvergiftung auf-

gefunden. - Selbstmordversuch oder Unfall?

 

 

   Der bekannte Filmschauspieler Max Linder und seine Gattin wurden gestern Nacht in ihrer Wohnung, XIII., Kupelwiesergasse 10, mit Zeichen einer schweren Veronalvergiftung aufgefunden. Man verständigte sofort die Hietzinger Rettungsgesellschaft, die das Ehepaar ins Sanatorium Offer überführte. Auf eine Anfrage, die gestern früh im Sanatorium erfolgte, hieß es, daß es den beiden Patienten den Umständen entsprechend gehe. Die Ursache der Tat ist unbekannt.

   Max Linder ist einer der beliebtesten Filmkomiker, der schon lange vor dem Kriege sich in der ganzen Welt, auch in Oesterreich, der größten Anerkennung erfreute. Er trat zuerst in ein- und zweiaktigen Lustspielen auf, die er zumeist selbst verfaßte und die sich nicht nur durch grotesken Humor, sondern oft auch durch tiefere satirische Bedeutung auszeichneten. Der Krieg riß ihn aus seiner Filmkarriere und ging an ihn nicht spurlos vorbei. In seinen Nachkriegsfilmen scheint sein Humor, seine Komik gesänftigt. Er erweiterte nun seinen Tätigkeitskreis, trat nicht mehr in Einaktern, sondern in großen Werken auf.

   In Filmkreisen wird angenommen, daß es sich nicht um einen Selbstmordversuch, sondern um einen Unfall handle. Es ist in diesen Kreisen bekannt, daß Max Linder, der ein äußerst nervöser Mann sei, und seine Gattin bereits seit längerer Zeit an Schlaflosigkeit leiden, die sie mit Veronal zu bekämpfen suchten.

   Alle Anzeichen scheinen dafür zu sprechen, daß sich Linder und seine junge Frau in der Dosis vergriffen und zu viel von diesem Gift genommen haben. Noch vor drei Tagen soll Linder im Gespräch mit Kollegen sich darüber geäußert haben, daß noch seinen Erfahrungen Veronal kein starkwirkendes Gift sei und man daher davon einnehmen könne, soviel man wolle.

   Das im anstoßenden Zimmer schlafende Dienstmädchen, erzählt man weiter, sei durch ein Stöhnen aufmerksam geworden. Bei der Nachschau fand das Mädchen das Ehepaar in einem so bedenklichen Zustand, daß es sofort die Rettungsgesellschaft verständigte.

   Die Anwendung von Gegenmitteln führte zu einem raschen Erfolg. Max Linder fühlte sich bereits so wohl, daß er Dienstag wieder programmgemäß in der Löwenszene des von ihm selbst verfaßten Großfilms “Clown aus Liebe” mitarbeiten wird.

14 und 5 Tabletten.

   Nach der Angabe des Arztes befanden sich sowohl Linder als seine Gattin, als er zu Hilfe gerufen wurde, in sehr benommenem Zustand. Den Reden der Patienten, die französisch sprachen, konnte der Arzt nur entnehmen, daß eine Vergiftung durch Veronal vorliege, und auf seine Frage nach der Quantität des genommenen Giftes antwortete Linder, daß er 14 Tabletten genommen habe, seine Gattin 5. Dies ist, wie schon bemerkt wurde, solch eine erhebliche Menge dieses Giftes, daß sie ausreicht, den Tod eines Menschen herbeizuführen, und die Rettung Linders ist neben der raschen ärztlichen Hilfeleistung wohl vor allem dem Umstand zu danken, daß er für die Wirkungen des Giftes infolge gewohnheitsmäßigen Gebrauches minder empfänglich ist. Während sich das Befinden der Eheleute gestern vormittags wesentlich gebessert hatte, trat um die Mittagsstunde eine leichte Verschlimmerung ein, so daß an eine amtliche Einvernahme nicht zu denken war.

Günstiges Befinden.

   Aus dem Sanatorium wird uns auf eine Anfrage mitgeteilt: Max Linder ist vormittags zum Bewußtsein erwacht, seine Gattin erst im Laufe des Nachmittags. Beide Patienten, die Chefarzt Dr. Offer behandelt, sind immer noch unruhig, sprechen wenig und vermeiden es, sich über die Vorgänge, die zur Vergiftung führten, zu äußern.

   Am Abend war das Befinden Linders und seiner Gattin etwas günstiger, doch sind beide sehr schonungs- und ruhebedürftig und dürfen jedenfalls in den nächsten Tagen keine Besuche empfangen. (Kleine Volks-Zeitung, 23.2.1924)