Kinoschauspieler auf der Bühne.

Von Hugo Schwab.

 

 

    Die ersten Kinoschauspieler waren namenlos und in den Films der ersten Epoche von schauspielerischer Kunst nur wenig zu merken. Es bestand wohl auch zunächst kein Bedürfnis danach, da der Reiz der Neuheit vollkommen genügte. Dann hatte sich der Inhalt der Kinostücke auf ein Gebiet verloren, das mit Recht energischen Protest hervorrief: die blutrünstigsten Schauergeschichten und die abgeschmacktesten Späße waren für die Reproduktion auf der Leinwand gerade gut genug: Hauptsache war nicht die Darstellung, sondern der Effekt. Der Humor eines Films bestand darin, daß zu irgend einem sinnlosen Ziel möglichst viel über den Haufen geworfen, gerannt, geradelt oder gefahren wurde; der Schluß endigte entweder im Wasser oder auf der Polizeiwache. War die Sache ernst, so wimmelte es von Revolverschüssen und Dolchstichen, und wenn man Glück hatte, so erschienen die Geister der Toten.

    Glücklicherweise sehen wir auf diese Verirrungen nur noch mit einem Lächeln zurück. Die ersten Schriftsteller aller Nationen haben sich in den Dienst des Kinos gestellt, außerdem hat sich eine Schar von Spezial-Kino-Dichtern, wenn man so sagen darf, gebildet, und wo etwa trotzdem gesündigt werden sollte, wacht das leider manchmal allzuscharfe Auge der Zensur. Man ist so allmählich auf ein Niveau gekommen, das künstlerisch in jeder Hinsicht ernst zu nehmen ist und auch vollständig ernst genommen wird, wie die regelmäßigen Besprechungen jeder großen Filmnovität in allen Tageszeitungen beweisen.

   Nun mußte man auch sein Augenmerk in ganz anderem Maßstabe auf die Darstellung richten. Der Effekt und ganz besonders die Sensation war in den Hintergrund gedrängt worden und als Ersatz mußte die Kunst des Schauspielers hervortreten. Inzwischen hatte sich auch hier in wirtschaftlicher Hinsicht manches geändert. Das Spielen vor dem Kurbelapparat bildete nicht mehr einen Nebenerwerb oder eine Beschäftigung in den Mußestunden. Die Herstellung von Kinoaufnahmen hatte eine ungeahnte Ausdehnung gewonnen; allerorten entstanden große Fabriketablissements, die ganze Städte aufbauten und neben einer stattlichen Zahl von technischen Mitarbeitern einen ansehnlichen Stab von Schauspielern fest engagierten. Die Monopolstellung, die zunächst unbestritten Frankreich eingenommen hatte, wurde erst erschüttert und dann gebrochen, und Deutschland, Dänemark, die Vereinigten Statten und Italien traten energisch und mit großem Erfolge in den Wettbewerb ein.

    Jetzt entstanden auch die "Filmgrößen". Man erinnerte sich, einen Schauspieler oder eine Schauspielerin schon einmal gesehen zu haben; traf sie dann wieder einmal an, und schließlich begannen auch die Fabriken auf den Films die Namen zu nennen. Diese merkte man sich dann auch, und die Künstler profitierten gleich von der Eigenschaft des Kinos, international zu wirken. Max Linder in französischen, Asta Nielsen in deutschen Diensten wurden die ersten internationalen Größen. Und ihnen folgten die vielen, vielen anderen. Durch diese Erfolge wurden die berühmten Künstler der Bühne auf das zuerst verachtete Kinospielen aufmerksam.

    Die Gagen der Kinogrößen erreichten unerhörte Höhen und dazu kam noch der Ruhm der Internationalität. So begann erst einer bei einer Kinoaufnahme mitzuwirken, andere folgten schließlich in Scharen, und heute kann man wohl jeden bekannten Bühnenkünstler auf der Leinwand bewundern. Umgekehrt jedoch blieben die Kinoschauspieler zunächst der Leinwand treu. Es ist erst gerade ein Jahr her, daß Max Linder den Anfang mit einem persönlichen Auftreten machte. Der Künstler gastierte damals im Berliner Wintergarten und bildete infolge seiner außerordentlichen Bekanntheit und Beliebtheit vom Film her einen großen Anziehungspunkt. Trotz der erzielten Erfolge bei diesem Auftreten war aber nicht zu verkennen, daß Linder auf der Bühne viel von seiner Eigenart und der persönlichen Note, der er seine Beliebtheit zu verdanken hat, verlor, denn die Rolle in dem Sketch, in dem er auftrat - er hieß: "Aus Liebe zum Hühneraugenoperateur" - hätte ganz ohne Zweifel mancher elegante Humorist eben so gut ausfüllen können, während Linder im Film in seiner Art konkurrenzlos ist. Man hörte dann auch lange nichts mehr von dem persönlichen Auftreten einer Kinogröße. Jetzt scheint man sich aber doch eines anderen besonnen zu haben, denn Asta Nielsen und Henny Porten haben bereits ihre Debuts als Variété-Sterne oder Vortragskünstlerinnen gegeben und, einer Zeitungsmeldung zufolge, beabsichtigen eine ganze Reihe von bekannten Filmdarstellern, in der nächsten Zeit Bretter und Brettl zu betreten. So soll Monsieur Prince, der bekannte tolpatschige "Moritz" auf den Pathéschen Films, in einer Operette auftreten; der fette John Bunny, der hervorragende amerikanische Komiker, in einer Londoner Revue mitwirken, und Waldemar Psylander von der Nordischen Film-Compagnie eine Gastspielreise über die dänischen Sprechbühnen unternehmen.

    So sehr den Künstlern auch ein Erfolg zu wünschen ist, und so wahrscheinlich er auch eintreten wird, so muß doch auf die Lehren, die das Auftreten Max Linders bot, hingewiesen werden. Genau so wenig ein erstklassiger Bühnenschauspieler in den meisten Fällen ohne weiteres ein guter Kinodarsteller ist, kann eine Kinogröße seine außerordentlichen Fähigkeiten auf den Brettern zu Geltung bringen. Man überlege, worin die unwiderstehliche Komik eines Linder, John Bunny oder Prince besteht. In einem Verzerren des Mundes, einem Hochziehen der Augenbrauen, jedenfalls einem Gesichtsausdruck, der ohne eine Vergrößerung, wie sie der Kinematograph ermöglicht, unbedingt, von einiger Entfernung aus gesehen, verloren geht. Das gesprochene Wort wirkt fremd und störend. Es ist nicht mehr der Schauspieler, den wir vom Kino her kennen. Dazu noch die in Natura unmöglichen technischen Einzelheiten - auf der Bühne kann John Bunny keine Fliege fangen und Max Linder beim Kochen kein Huhn rasieren.

    Nichtsdestoweniger wird, wie erwähnt, der Erfolg nicht ausbleiben, aber sicherlich ist er weniger den Darbietungen auf der Bühne als der Berühmtheit vom Kino her zu verdanken. Und vor allem wäre es im Interesse der Kinematographie zu bedauern, wenn dieser Erfolg einen unserer Größen der Lichtbildkunst abspenstig machen würde. ([Kino-Variété Nr.2] in Lichtbild-Bühne, 24.1.1914)