Max Linder im Berliner Wintergarten.

Gastspiel vom 1.-15. Dezember.

 

 

 

    Berlin, die Zentrale der Kinematographie, die Stadt des Ultramodernen und Originellen, hat in der ersten Dezemberhälfte ihre persönliche Note, denn sie wird im Zeichen Max Linders stehen. Er lüftet sein Inkognito, tritt aus dem Pariser Kino-Atelier heraus und an klassischer Stätte hinaus in die vollste Oeffentlichkeit. Dem riesigen "Wintergarten", der geistvolle Konzentrationspunkt internationaler Spezialitäten, ist es vorbehalten gewesen, zum ersten Male den "göttlichen Max", der so oft gekurbelt, kopiert, gekauft, geliehen, vorgeführt und belacht wird, den die Damen himmlisch, die Herren originell, die Gents vorbildlich und die Kinobesitzer zugkräftig finden, dem Forum seiner vielgestaltigen Verehrer persönlich vorzustellen. Berlin hat dadurch eine neue, interessante Nuance, seinen Gesprächsstoff und seine Theatersensation.

    Wir haben bisher aus Rücksicht auf die beim Variété üblichen Kontrakt-Diskretionen dieses Max Linder-Gastspiel im Berliner Wintergarten und seine persönliche Brettl-Tätigkeit intern behandeln müssen, sind aber der Ueberzeugung, daß die Angehörigen unserer Branche diesen wenn auch nur vorübergehenden Sprung des agilen Linder von der weißen Wand zum Brettl mit Interesse zur Kenntnis nehmen.

    Der Wintergarten war der Pionier für die öffentliche Popularisierung lebender Photographien, hat dem Publikum lange Zeit hindurch treffliche Tonbilder der "Mutoskope" vorgeführt und auch zuletzt die Urban Smithschen "Kinemakolor"-Bilder gezeigt. Nichts ist natürlicher, als daß diese wachsame Kunststätte auch den ersten populären Kinokünstler persönlich "herausbringt".

    Er wird natürlich aus Anhänglichkeit für den sympathischen Kurbelkasten allabendlich zuerst zu spät kommen und in kinematographischer Manier telephonisch aus Paris geholt. Eine tolle Burleske wird zwischen Paris und Berlin an der weißen Wand vorüberhuschen und Max Linder zweidimensional wie immer in seinem ganzen Kino-Talent zeigen. Wenn er dann auf dem Filmende an einem Strickende von der Gondel eines Luftschiffs aus mit den Gamaschen-Lackstiefeln den jungfräulichen Berliner Boden sucht, dann wird die weiße Wand verschwinden und das bisherige Schaudasein des Max Linder wird zur dreidimensionalen Körperlichkeit. Er wird beweisen, daß er kein Phantasie-Erzeugnis eines diabolischen Kino-Objektivs ist, sondern ein reell atmender Mensch, der seinen ersten Film "Ein Studentenausflug" vor Jahren bei Pathé für 20 Francs mimte, und jetzt für die Erfüllung eines dreijährigen Vertrages als Minimum eine Million in der Tasche seiner gestreiften Hosen hat.

    Max wird sich wohlfühlen mitten im Programm erstklassiger Variétésterne. Er wird finden, daß "englische" Akrobaten mit echt Berliner Verve bewundernswerte "verquaste Supperjehs" drehen und die Girls vom Sonnenschein-Ensemble genau solch raffinierte Tricks wie echte Pariserinnen anwenden, um den Männern zu gefallen. Max Linder wird aber auch finden, daß die Berliner seine produktive Tätigkeit, teure Zylinder mit Geschmack und Berufsroutine zu verbeulen, wohl zu schätzen wissen und sein persönliches Gastspiel mit "Appläusen" quittieren.

    Er wird allabendlich im "Wintergarten" den bekannten, inzwischen verregneten Film "Hühneraugen-Operateur aus Liebe" in des Wortes bester Bedeutung "verkörpern" und auch den Westdeutschen infolge seines nachfolgenden Gastspiels im Düsseldorfer "Apollo-Theater" bei Direktor Glück Gelegenheit geben, ihm in seine großen, dunklen lachenden Augen lachend zu schauen.

    Die "Lichtbild-Bühne" kann mit Recht vermuten, daß sich im Berliner "Wintergarten" allabendlich ein recht fachmännisches Auditorium zusammenfinden wird, um den zu sehen, den sie so oft haben durch die Finger laufen lassen, um zu prüfen, ob seine Perforation noch ein paar Betriebswochen aushält. A.M. (Lichtbild-Bühne, 30.11.12)