Das Drama des Filmstars.

 

 

   Zum Tode Max Linders wird uns aus Paris, 2. November, geschrieben:

   Eine Tragödie, wie sie in der höheren Kunstwelt des Films vielleicht einzig dasteht, erhielt eben durch den gewaltsamen Tod des größten lebenden Darstellers Frankreichs, Max Linder, und seiner jungen Gattin ihren erschütternden Abschluß.

   Max Linder, der weltbekannte “König des Zirkus”, der Vater des künstlerisch vollendeten Films in Frankreich, war erst vor zwei Jahren mit einer 19jährigen, blendend schönen Schauspielerin eine Liebesheirat eingegangen, die damals größtes Aufsehen erregte. Ein paar Monate später, und man fand den Künstler in seiner Wiener Wohnung vergiftet, doch triumphierte damals die Kunst der rasch herbeigeholten Aerzte. Seither jagte das gefeierte Paar von einem Land der Erde zum anderen, nach außen hin Pracht, Glanz und Glück, im Innern verzweifelt, unruhvoll, trostlos. Am tragischesten war das Dasein des stadtbekannten Mannes in Paris selber. Ausbrüche wildester Verzweiflung, die sich nicht selten mitten in einer Aufnahme im Glashaus ereigneten, zwischen Szenen, die durch ihre unwiderstehliche Komik Millionen von Beschauern in Lachkrämpfe verseztzen; dann wieder des Abends ein glänzendes, beneidetes Paar in den vornehmen Lokalen von Montmartre, sie eine unwiderstehliche Tänzerin, er strahlend von Witz und sprühender Laune... Solche Gegensätze täuschten immer wieder über die tiefe Tragik dieses Künstlerdaseins hinweg, bis jetzt die Katastrophe eintrat.

   Max Linder hatte in seiner Loge einer Aufführung im Casino de Paris beigewohnt; gegen Mitternacht holte ihn seine Frau in großer Toilette ab, und ihr Auto führte sie zu einem mondänen Nachtlokal der großen Boulevards.

Eine halbe Stunde später verließen sie das Dancing, ließen den Wagen mit dem wartenden Chauffeur stehen und nahmen ein Taxi, das sie zu ihrem Appartement im Hotel Baltimore führte. Max Linder gab Anweisung, daß man ihn in den nächsten vierundzwanzig Stunden unter keinem Vorwand stören dürfe; er müsse allein sein, um eine große Rolle vorzubereiten im ergreifendsten Film seines Lebens. Dann schloß sich das Ehepaar ein und stellte das Telephon und die Glocken ab. Gegen zehn Uhr des Morgens kam die Mutter der jungen Frau ins Hotel, und trotz des abweisenden Bescheids klopfte sie an die äußere Türe. Es blieb alles totenstill; plötzlich glaubte die lauschende Frau etwas wie ein Röcheln und Stöhnen zu vernehmen. Von der rasch herbeigeholten Polizei wurden die fest verrammelten Türen gesprengt und im gemeinsamen Schlafzimmer bot sich den Eindringenden ein furchtbares Schauspiel dar: Die beiden Körper lagen nebeneinander, das weiße Linnen, die gelben Seidendecken und Kissen waren blutgetränkt, und ununterbrochen tropfte die rote Flüssigkeit auf die kostbaren Teppiche des Bodens. Das Ehepaar trug am linken Handknöchel, genau an der gleichen Stelle, eine kleine Wunde, die mit einem Rasiermesser verursacht worden war und eine Schlagader verletzt hatte; zuvor hatte es reichlich Veronal und Morphium genommen. Beide lebten noch, doch war der Blutverlust so groß, daß die Organe trotz aller Bemühungen nach und nach den Dienst versagten. Sechs Stunden nach der Einlieferung starb die junge Frau, vier Stunden später der kräftig gebaute Mann. Die Untersuchung ergab, daß Max Linder, mit oder ohne Einverständnis seiner Gattin, dieser die Schlagader öffnete und sich dann selber die gleiche Wunde beibrachte. -ap- (Marburger Zeitung, 6.11.1925)