Der Selbstmord des Ehepaares Linder.

Wie die Tat geschah.

 

 

    Paris, 2. November. (Privattelegramm.) Das tragische Ende Max Linders und seiner Gattin hat in der Pariser Presse einen starken Nachhall gefunden. Die Blätter schildern die hervorragenden Qualitäten des großen Filmschauspielers und Regisseurs. Nach den ersten Feststellungen wird die Annahme des freiwilligen Selbstmordes bestätigt. Max Linder hat im Laufe des Abends vom Freitag seine Frau überredet, mit ihm in den Tod zu gehen. Er gab dem Hoteldiener den Auftrag, niemand zu ihm zu lassen. Im Laufe der Nacht schrieb das Ehepaar zusammen sechs Abschiedsbriefe. Die 19jährige Gattin Linders schrieb an ihre Mutter, Linder selbst an einen Freund und an seinen Vater. Ueber den Inhalt der Briefe wird größtes Stillschweigen bewahrt. Im Laufe der Nacht nahmen beide starke Dosen von Morphium zu sich, jedenfalls um den Schmerzen des Todeskampfes zu entgehen. Hierauf öffnete Max Linder seiner Gattin mit dem Rasiermesser die Schlagader der linken Hand und öffnete dann sich selbst ebenfalls die Schlagader der linken Hand. Er dürfte in einer furchtbaren Erregung gehandelt haben, weil sein Handgelenk vom Messer vollständig verstümmelt ist. Erst am Samstag vormittag um 10 Uhr, als die Mutter der Frau Linder, von einer dunklen Vorahnung getrieben, ins Hotel kam, wurde das Ehepaar sterbend aufgefunden. Frau Linder starb um 6 Uhr nachmittags, Linder selbst erst um Mitternacht. Das Ereignis wurde erst am Samstag abend gegen 9 Uhr von der Polizei bekanntgegeben.

 Die junge Frau und der alternde Mann.

Das Drama einer Künstlerseele.

    Man suchte das Motiv für den Selbstmord Max Linders in den Mißlichkeiten seiner Ehe, die romantisch genug mit einer Entführung begann und schließlich nur allzu nüchtern wurde: die junge Frau und der alternde Mann! Sollten ihn nicht auch andre Ursachen in den Selbstmord getrieben haben? Materiell ging es ihm ausgezeichnet. Das Riesenkino am Boulevard Italienne in Paris, dessen Eigentümer Max Linder war, prosperierte aufs beste. Aber für ihn war der glänzende Erwerb, den er damit fand, doch nur Ersatz für sein Eigentlichstes: in den letzten Jahren filmte er nicht mehr, und wenn er ausnahmsweise bei einem Film mittat, wie beispielsweise im Vorjahr in Wien bei dem Vita-Film "Der Zirkuskönig", der ganz große, der echte Linder-Erfolg wollte sich nicht mehr einstellen. Die Erkenntnis, nicht mehr Mode zu sein, von andern andersgearteten Komikern überholt worden zu sein, mag nicht wenig zur Gemütsdepression Linders beigetragen haben.

    Sein Bestes war sein Franzosentum: nie hat man graziösere, leichtere, wirbelndere Komik auf der Leinwand gesehen. Ein leichter Stich ins Groteske gab ihr besonderen Reiz. Was für eine Schlaumererserie hat er geschaffen! Indem sich Max aufs frechste dumm stellte, machte er die Umwelt dumm. Und doch spürte man hinter all dieser Lustigkeit stets eine Urschicht Melancholie: wozu der Wirbel? Viel lieber möchte man ganz still und ruhig sein.

    Max Linder ist ohne Nachfolge geblieben. Chaplin, der Nebbich von Gottes Gnaden, Pat und Patachon, Harold Lloyd, die lebendige Parodie einer mechanisierten Welt, und wie all die heute in Mode befindlichen Komiker heißen, sie alle stellen ein ganz andres Genre dar. Wurden aber nicht wesentliche Elemente der Komik Linders bei ihnen vergröbert, plumper, eindeutiger? Der arme Max wurde immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Seine feine Komik war schon lang nicht mehr Geschmack der Welt. Vor fünfzehn, zwanzig Jahren etwa war Max der Erste und Einzige, ihr anerkanntester, unbedingtester Monarch. (Neues 8 Uhr Blatt, 2.11.1925)