Der Selbstmord des Filmdarstellers

Linder und seiner Gattin.

Auch Max Linder gestorben.

 

  Max Linder hat den Tod von eigener Hand gefunden. Den großem Komiker hat das typische Komikerschicksal ereilt. Komikerschicksal, dessen wesentliches ist, verdammt zu sein, mit blutendem Herzen, mit tieftraurigem Gemüt, den Menschen das Lachen beseligender Heiterkeit schenken zu müssen. Max Linder zählte zu den historischen Größen der noch jungen und doch so ereignisreichen Geschichte des Films. Aber während andere Träger bereits ehrwürdig gewordener Namen, wie Asta Nielsen durch immer erneute und jedesmal potenzierte Kunst vergessen lassen, daß der Stern ihres Ruhmes bereits über die Wiege des Films geleuchtet, war Max Linder diese seltene Gabe nicht verliehen. Wer ihn in seinen letzten Filmen – wir denken hier insbesondere an den in Wien von der “Vita” erzeugten Film “Der Zirkuskönig” - sah, der beging den gleichen Fehler wie jemand, der in reifem Mannesalter sich verleiten läßt, vom Hauch seliger Jugenderinnerungen umwitterte Stätten leibhaftig aufzusuchen. Nicht nur, daß dann die greifbare Gegenwart ernüchternd wirkt, auch der Zauber der Erinnerung ist unwiederbringlich dahin.

   Als Max Linder seinerzeit vor etwa 25 Jahren mit seinen einaktigen grotesken Lustspielen hervortrat, in denen er Autor, Regisseur und Hauptdarsteller zugleich war, da war er mit einem Schlage der Komiker des Films. Wer erinnert sich nicht an die Lachstürme, die sich bald sogar schon in dem Moment einzustellen pflegten, als der bloße Titel, wie etwa “Max geht tanzen”, “Max im Seebad” oder dergleichen, auf der Leinwand erschien. Man wußte gleich, nun kommt wieder eine jener von französischem Esprit getragenen wirbeligen Geschichten, in denen der ursprüngliche Artist Max Linder als täppischer Liebhaber oder als jämmerlich verfolgter Strolch usw., stets aber als liebenswürdiger Charmeur sondergleichen die Lacher auf seine Seite ziehen wird. Aber nach dem Aufstieg von diesen Anfängen zu den fein und vornehm durchgearbeiteten größeren Lustspielen, wie “Das kleine Kaffeehaus” und ähnlichem begann sich allmählich die grausame Tatsache bemerkbar zu machen, daß andere, die von ihm gelernt, drüben in Amerika ihn immer mehr und mehr, wenn vielleicht auch nicht an Kunst, so doch an Wirksamkeit und Erfolg überflügelten. Es ist ein offenes Geheimnis, daß Max Linder, als er schließlich selbst nach Amerika ging und dort, wenn wir nicht irren, bei den United Artists mit seinen Komikerkollegen zusammenarbeitete, sehr bald schwer enttäuscht, als ein in den Schatten Gestellter in seine Heimat zurückkehrte. Wir glauben, nicht fehlzugehen, wenn wir annehmen, daß diese Tatsache, daß die Erkenntnis, sein einst so umjubeltes Spiel werde von Tag zu Tag immer mehr als vieux jeu empfunden, ihm den Todesstoß gegeben hat. Allerdings weiß man, daß der fast Fünfzigjährige auch an der verfehlten Eheschließung mit einem jungen Mädchen schwer gelitten hat.

  Ueber den wirklichen Verlauf seines Lebens wird sich schwer Authentisches feststellen lassen. Wir sind diesbezüglich bloß auf die Angaben angewiesen, die er selbst bei seiner Anwesenheit in Wien im Dezember 1923 gemacht hat, und die er, fast möchte man sagen, in die Form eines seiner Lustspiele zu gießen verstand. Doch man weiß, was man von derlei ad hoc erzählten Selbstbiographien zu halten hat, in denen Dichtung und Wahrheit ein unentwirrbares Konglomerat bilden. Nach seinen eigenen Angaben entstammte er einer Familie, die niemals auch nur das geringste mit dem Theater zu tun gehabt hat. “Ich habe,” sagte er damals, “in Bordeaux das Lyzeum besucht und da ist mir mitten im Studium eine höchst unangenehme Geschichte passiert. Ich tat bei einem Turnfest mit, sprang und fiel so unglücklich, daß ich volle zwei Jahre im Spital liegen mußte. Als ich nach meiner Genesung wieder im Lyzeum ging, waren meine nunmehrigen Mitschüler um zwei Jahre jünger als ich, und das konnte mir begreiflicherweise gar nicht passen. Ich bedeutete dem Direktor, wenn er in diesem Punkte nicht Wandel schaffen wolle, so müsse einer von uns beiden gehen. Nun, unser Direktor ist nich gegangen. … Ich mußte nun darüber nachdenken, was es für Berufe für mich gebe, für die man nicht so viel studieren muß, wie für das medizinische Doktorat oder sonst einen akademischen Beruf. So dachte ich denn nach und beschloß hierauf, Maler zu werden. Ich habe auch wirklich ein Bild gemalt. Ein herrliches Bild! Ich besitze es heute noch. Aber – die Menschen hatten nicht das richtige Verständnis für meine Begabung. Ich nahm mir also vor, Schauspieler zu werden, und machte meiner Familie den Vorschlag, mich ins Konservatorium zu schicken. “Ein Komödiant willst du werden? So eine Schande willst du uns antun? Gibt's nicht!” Was konnte ich machen? Ich habe meinen Leuten zusagen müssen, wieder ins Lyzeum zu gehen, und besuchte natürlich statt dessen insgeheim das Konservatorium. Und bekam nach einem Jahre den ersten Preis. Und spielte in den darauffolgenden Jahren im Thater von Bordeaux Molière, Corneille, Rostand (der “Cyrano” war eine Glanzrolle von mir) usw. Das genügte mir aber nicht. Mein Ehrgeiz dürstete danach, auch in Paris das zu werden, was ich in Bordeaux bereits war.” Der Rest ist bekannt. Wie er nach Paris kam, wie er zum Film gelangte, wie zwölf Jahre lang die ganze Welt über ihn lachte, ohne auch nur seinen Namen zu kennen, und wie er dann schließlich, als eines Tages auch sein Name auf der Leinwand erschien, er mit einem Schlage der weltberühmte Max Linder war.

   Nur noch die eine Reminiszenz sei hiehergesetzt, wieso er, der ursprünglich ganz anders hieß, zu dem Namen Max Linder kam. Daran ist das Telephonbuch schuld, pflegte er zu erzählen. Ich habe auf der Suche nach einem Nom de guerre darin geblättert, dieser Name sprang mir in die Augen und gefiel mir.

   Und nun ist er, den Blick getrübt durch das schon lange offene Grab seines Ruhmes, gestorben.

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Die Ausführung des Selbstmordes.

Telegramm unseres Korrespondenten.

Paris, 1. November.

   Den ärztlichen Bemühungen ist es nicht gelungen, Max Linder am Leben zu erhalten. Er ist heute um 5 Uhr früh in dem Hospital, in das er gestern eingebracht wurde, verschieden.

   Linder und seine Frau hatten beide, bevor sie sich die Pulsadern aufschnitten, Veronal und Morphium genommen. Man hatte daher bei Linder Magenspülungen vorgenommen, die aber erfolglos blieben.

   Seit Jahren waren bei ihm deutliche Zeichen einer starken geistigen Depression bemerkbar. Uebrigens ist dies nicht der erste Selbstmordversuch. Bereits im vorigen Jahre wurde das Ehepaar Linder in einem Wiener Hotel ohnmächtig aufgefunden; damals hatten sie ebenfalls Veronal genommen. Einen ähnlichen Versuch hatte Max Linder vor einigen Monaten in einem Schweizer Hotel unternommen.

   Max Linder hieß mit seinem wahren Namen Levielles. Er hatte seine Karriere am Theater in Bordeaux begonnen. Von dort begab er sich nach Paris und spielte an mehreren Theatern, besonders am Théâtre des Varietés. Als Kinoschauspieler versuchte er sich zum erstenmal im Jahre 1905. Von da ab kannte er nur noch Erfolge. Sein Spezialgebiet war der komische Film. 1916 unternahm er eine Triumphreise nach den Vereinigten Staaten, wo er ein ungeheures Vermögen erwarb, das er seither ständig vergrößerte. Bei seinem Tode hatte er für mehr als eine halbe Million abgeschlossene Kontrakte in der Tasche. Er hatte erst vor einigen Tagen eine Million Francs in 45 Arbeitstagen verdient. Am 13. v. M. Hatte er seine Demission als Prädident der Vereinigung der Regisseure gegeben. Er hatte diese Demission mit derartig vagen Vorwänden begründet, daß bereits damals seine Freunde lebhaft beunruhigt waren.

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Die Ehe Max Linder.

Telegramm unseres Korrespondenten.

Berlin, 1. November.

   Ueber die Herzenstragödie Max Linders, die auch den Grund für seinen und seiner Frau Selbstmord gebildet hat, macht die „Berliner Montagspost“ folgende Mitteilungen: „Max Linder hatte sich in ein schönes junges Mädchen verliebt, dessen Eltern, Pariser Kleinbürger, jeden Verkehr mit dem „Kientoppclown“ auf das strengste untersagten und Max Linder, als er um des Mädchens Hand bat, hinauswarfen. Daraufhin flüchtete Max Linder mit seiner Braut, wurde aber an der Riviera nach einem großen Skandal von französischen Detektivs und Kriminalbeamten wegen Entführung einer Minderjährigen festgenommen und mit seiner Geliebten zurück nach Paris gebracht.

   Gegen den Willen der Eltern heiratete er die Geliebte dennoch, folgte im vergangenen Jahr einem günstigen Engagementantrag nach Wien, wo er unter französischer Regie gemeinsam mit dem Berliner Schauspieler Eugen Burg als Partner einige Filme herstellte, die jedoch nicht den gehofften Erfolg brachten, zumal gerade in diesen Tagen Charly Chaplin auf seinem Siegeszug nach Oesterreich kam.

 

Der Wiener Selbstmordversuch des Ehepaares.

   Die Aufnahmen mußten unterbrochen werden, weil man Max Linder mit seiner jungen, heißgeliebten Frau bewußtlos mit einer Morphiumvergiftung in ihrem Wiener Hotel zusammen auffand. Da beide schon gegen Morphium ziemlich abgestumpft waren, nahmen sie infolge Schlaflosigkeit eine außerordentlich starke Dosis Morphium. Nur durch Zufall kam eine Hotelangestellte in das Zimmer des Filmehepaares, entdeckte, daß das Paar bereits die Besinnung verloren hatte und rief Aerzte herbei. So wurden die beiden, die schon aufgegeben waren, gerettet. Max Linder filmte zu Ende und fuhr nach Paris zurück. Dort hat jetzt die glänzende Laufbahn ein tragische Ende gefunden.

 

Die Eifersucht der Frau Linder.

   Nach Mitteilungen aus dem Freundeskreis Linders war es die übermäßige Eifersucht der Gattin des Künstlers, die auf diesen äußerst deprimierend einwirkte. Gleich zu Beginn der Ehe entstanden Unstimmigkeiten zwischen den beiden Gatten. Frau Linder wollte über jeden Schritt und Tritt ihres Gatten unterrichtet sein. Filmte Max Linder im Atelier, war seine Frau zugegen, führte er geschäftliche Verhandlungen, wartete sie im Vorzimmer, bis die Unterredung zu Ende war, kurz, sie ließ ihn keinen Moment aus den Augen.

   Auch als Linder und seine Gattin voriges Jahr in Wien weilten, wo er bei der „Vita“ filmte, kam es zu heftigen Szenen zwischen beiden Gatten. Die führte bekanntlich so weit, daß Linder im Einverständnis mit seiner Gattin zuerst ihr eine größere Dosis Morphium verabreichte und darauf sich selbst zu vergiften versuchte. Der Selbstmordversuch blieb aber ohne Folgen, beide Gatten konnten gerettet werden. Max Linder selbst hatte kurze Zeit nach diesem Vorfall dem Generaldirektor der „Vita“, Dr. Szücs, der mit ihm befreundet war, erklärt, daß er das Leben mit seiner Frau nicht mehr fortsetzen könne, sie richte ihn mit ihrer Eifersucht zugrunde.

   Er konnte keine Engagements eingehen, da sie es nicht erlaubte. Als er einmal einen Vertrag mit einer amerikanischen Filmgesellschaft abgeschlossen hatte, beschuldigte sie ihn in leidenschaftlicher Weise, daß er dies nur deshalb getan habe, um mit einer Freundin, die dort wohne, zusammen zu sein. Sie trieb es so weit, daß Linder den Vertrag lösen und ein hohes Pönale zahlen mußte. Die Hietzinger Villa, in der das Ehepaar Linder zur Zeit des Wiener Aufenthaltes wohnte, war oft der Schauplatz arger Szenen.

   Auch in Paris gab es zwischen beiden Gatten unaufhörlich Streit. Vor einigen Monaten, als die „Vita“-Film-A.-G. vor dem Zusammenbruche stand, fuhr Generaldirektor Dr. Szücs nach Paris, um mit Linder, der die „Vita“ sanieren wollte, zu unterhandeln. Die Besprechungen fanden bei einem Anwalt statt und dauerten bereits mehr als eine Stunde, als plötzlich Frau Linder ins Zimmer stürzte und ihren Mann erregten Tones beschuldigte, die geschäftlichen Besprechungen seinen nur ein Vorwand, er hätte hier mit einer Dame ein Rendezvous.

 

Das fragliche Einverständnis der Frau Linder.

Paris, 2. November (T. K.)

   Die Ursache des Doppelselbstmordes des Kinoschauspielers Max Linder und seiner Frau ist noch nicht aufgeklärt, doch glaubt man, daß seine Frau mit dem Selbstmord nicht einverstanden war. Aus einem bei Linder aufgefundenen Brief ist zu schließen, daß Linder seine Frau eingeschläfert und in bewußtlosen Zustand gebracht hat, worauf er Selbstmord beging.

 

Mitteilungen eines Freundes Max Linders.

Paris, 1. November.

   „Journal“ veröffentlicht ein Interview mit einem nahen Freund Max Linders, der angab, Linder habe schon seit einiger Zeit an schwerer Neurasthenie gelitten. Am 13. Oktober habe er, ohne seinen Entschluß zu begründen, den Vorsitz in der Gesellschaft der Kinoautoren niedergelegt, worauf er in die Schweiz abgereist sei, um seine junge Frau zu besuchen, die sich dort mit ihrem 18 Monate alten Töchterchen aufhielt. Die beiden Gatten seien dann nach Paris zurückgekehrt, während sie das Kind in der Pension zurückließen. Sie wohnten hier in einem Hotel und wollten abwarten, bis sie in das kleine Haus einziehen könnten, das sich Max Linder in Neuilly hatte bauen lassen. Als schon alles zur Uebersiedlung bereit war, habe Linder plötzlich alle widerrufen und weiter im Hotel gelebt, wobei er häufig seine Wohnung wechselte. Er sagte sogar seine Mitarbeit an einem Abenteuerfilm bei Maxim ab, der fast fertiggestellt war, trat alle seine Rechte an seinen Gesellschafter ab und zahlte einer italienischen Firma, die sich das Alleinvertriebsrecht gesichert hatte, eine Entschädigung von 250.000 Francs. (Neue Freie Presse, 2.11.1925)