Mein Leben.

Von Max Linder.

    Der nachstehende biographische Abriß ist die Uebersetzung eines im Wiener Privatbesitz befindlichen handschriftlichen Manuskriptes Max Linders, das er im August 1923 zu Propagandazwecken (daher in der dritten Person) abgefasst hat.

    Max Linders Vater war Tischlermeister. Max sollte Pfarrer werden. Aber das behagte ihm nicht. Sein Lieblingstraum war, wilde Tiere zu zähmen. Statt ins Seminar zu gehen, schloß sich der kleine, schmächtige Junge einer Schauspielertruppe an, die nach Südfrankreich ging. Dort zeigte er seine Kunststückchen, war einer der gelungensten Parterreakrobaten und hatte sich bald in die Gunst des Publikums gespielt, das über ihn Tränen lachen konnte. 1906 begann Max Linder seine Tätigkeit bei Pathé Frères in Paris und gehörte dieser Firma bis zum Jahre 1914 an. In dieser Zeit entstanden die lustigen Ein- und Zweiakter, die kein Publikum und kein Kinoprogramm missen mochte.

    Max Linder – Pathé Frères, Pathé Frères – Max Linder! Diese Namen gehören den Pionieren der Filmkunst. Max Linder kam in einem Zeitpunkte zum Film, als dieser noch in den Kinderschuhen steckte. Die Brüder Pathé hatten den Weg gewiesen, Max Linder zögerte nicht, ihn zu beschreiten, denn er brachte für die verborgenen Schönheiten dieses Gebietes, das noch als Neuland galt, das nötige Verständnis mit. Max Linder war der Typus des eleganten, vornehmen und wohlerzogenen Komikers, der immer die tollsten und unwahrscheinlichsten Streiche vollführt. Aber seine Komik vermeidet alles Derbe. Seine Filme – und Gott weiß, wie viele er deren gemacht hat – wurden durchgehends in Amerika nachgeahmt. „Nihil novi sub sole.“ Mit Hilfe ihrer technischen Neuerungen haben die Amerikaner seine Effekte übersteigert, die sie jedoch letzten Endes Max Linder verdanken. In diesem Zeitpunkte waren die Filme noch nicht urheberrechtlich geschützt.

    Nach einer längeren Arbeitspause, die in die Zeit des Krieges fällt (1914 bis 1918), nahm er wieder seine Tätigkeit auf. Er kultivierte sein Spezialgebiet, die Filmgroteske, und bewies viel Geschmack in der Auswahl seiner Sujets. Tristan Bernard schrieb Max Linder das Szenarium zu dem lustigen Fünfakter „Das kleine Kaffeehaus“, den Raymond Bernard, der Bruder des geistvollen Lustspieldichters, in Szene setzte. Im Jahre 1920 schiffte er sich nach Amerika ein, wo er nach Herzenslust seinen Filmpassionen leben konnte. Er inszenierte drüben die Schlagerfilme „Sieben Jahre Pech“, „Die drei Muskrepiere“ (eine ausgezeichnete Parodie auf die gleichnamige Schöpfung Douglas Fairbanks’), „Max im Taxi“ und zuletzt „Sei mein Weibchen“, alles großangelegte, sauber durchkomponierte Arbeiten, die ihn mit Charlie Chaplin und dem damals beliebten Filmkomiker Fatty Arbuckle in die erste Reihe des grotesken Knock-about stellten. Nach Paris zurückgekehrt, lernte Max Linder Fräulein Lucy Peters, die Tochter eines Schweizer Zeitungsherausgebers, kennen. Es ist allgemein die irrige Ansicht verbreitet, dass er in Fräulein Peters eine Jugendgespielin erkannte, und dieses Zusammentreffen hätte ihn bewogen, die hübsche, junge Dame zu seiner Frau zu machen. Die Sache war weniger romantisch: auf einem Maskenball sahen sich die beiden zum erstenmal, fanden aneinander Gefallen und heirateten kurz entschlossen. Die Hochzeit fand im Februar 1923 statt. In die Zeit des Brautstandes fallen die Vorarbeiten zu seinem Lustspiel „Zu Hilfe“, das Abel Gance zu inszenieren begann. Erst nach der Trauung konnte das Filmwerk fertiggestellt werden. Die Flitterwochen verbrachten beide in Lausanne am Genfer See. Im Dezember 1923 kamen beide nach Wien, denn Max Linder war einem Engagementsantrag der „Vita“ gefolgt.

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Max Linder tot!

Von Kommerzialrat Artur Stern.

Direktor der “Ufa”-Filmgesellschaft m. b. H.

   Eine erschütternde Kunde dringt aus Frankreichs Hauptstadt zu uns, eine Botschaft, die nicht nur in den Kreisen unserer Industrie, sondern auch in den Herzen der Millionen Kinobesucher auf der ganzen Welt ein trauriges Echo finden wird: Max Linder ist tot! Er, der mit seiner hinreißenden Komik, mit seinem beispiellosen Ideenreichtum auf dem Gebiete des Humors Tränen des Lachens den Kinobesuchern der ganzen Welt entlockt hat, der treibt uns nun die Tränen der Trauer ins Antlitz.

   Max Linder gehört zu den Pionieren der Kinematographie. Zu einer Zeit, wo man noch nicht soviel Weitblick hatte, zu ahnen, daß sich die Kinematographie die Welt erobern würde, wo man in den Schaubuden, als welche sich damals die Kinotheater präsentierten, nur kurze, kaum eine Viertelstunde währende Dramen und Komödien zu sehen bekam, tauchte zum erstenmale der Name Max Linder auf. Ein junger, agiler, sympathischer Mensch von schmächtiger Gestalt, mit dem traditionellen französischen Schnurrbärtchen, elegant und geschmeidig, verstand er es, sich mit seiner zappeligen Komik in die Herzen des Publikums einzuschmeicheln, und so wurde er der erste Kinostar, den die Geschichte dieser jungen Kunst aufzuweisen hat. Schon vor zwanzig Jahren waren die wenigen Plätze der damaligen Kinos dicht gefüllt, wenn eine Komödie mit Max Linder affichiert war. Linder wußte mit dem wirksamen Mittel seiner Verlegenheitskomik tausende von grotesken Situationen zu schaffen, die dem Filmlustspiel ein Gebiet eröffneten, das später die Amerikaner hundertfältig ausgebaut und variiert haben. Er ist sozusagen der Klassiker des Filmhumors geworden. Aus den kurzen Komödien entwickelte er nämlich später auch abendfüllende Lustspiele, deren Handlung sich aber einzig und allein um die Individualität Max Linders drehte. In diesen Lustspielen war er geradezu unerschöpflich an hinreißenden Einfällen. Die große Linie seines Humors setzte sich aus Hunderten von Details zusammen, die erkennen ließen, daß man einen wahren Meister der komischen Kunst vor sich hatte. Als solcher wird er auch dauernd im Angedenken der Freunde des Kinos weiterleben.

   Max Linder war aber im Leben ein durchaus ernst zu nehmender Mensch, dessen kaufmännische Begabung seiner künstlerischen vollständig die Wagschale hielt. In den letzten Jahren arbeitete er nicht mehr für fremde, sondern zumeist für eigene Rechnung. Er nahm sich aber auch in selbstlosester Weise der Interessen der Branche an und in der Standesorganisation der französischen Kinematographie nahm er eine hervorragende Stellung ein. Speziell in der letzten Zeit hatten ihn die Gegner der unbeschränkten Einfuhr amerikanischer Filme nach Frankreich zu ihrem Wortführer ernannt, und Max Linder setzte sich mit dem größten Eifer dafür ein, daß die französische Produktion durch diese Einfuhr nicht gehemmt werde. Er wurde zum Präsidenten der französischen Fachvereinigung gewählt, innerhalb welcher er die oberwähnten Ziele mit der größten Energie verfolgte.

   So ist in Max Linder nicht nur ein großer Künstler, sondern ein auch für die Allgemeinheit wertvoller Mensch dahingeschieden, dessen Andenken heute von der ganzen Welt betrauert wird. Auch wir in Wien, die wir vor ungefähr zwei Jahren Gelegenheit hatten, die ernste Arbeit zu bewundern, mit welcher der große Lustigmacher seine Filme ins Leben rief, schließen uns der Trauer aus vollstem Herzen an.

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Persönliche Erinnerungen an Max Linder.

Von Siegfried Bernfeld.

    Das Leben hat die Lichter abgeblendet, die ein sonderbares Künstlerdasein umspielten. Max Linder, der Exliebling – und darin liegt ein Großteil seiner Tragik – hat selbst die große Aufnahme abgebrochen, aber von der leeren Leinwand grüßt kein frohes „Auf Wiedersehen“ ...

    Für den Eindruck des Tagesereignisses, das von anderen Sensationen überholt sein wird, bevor sich die Grabhügel über zwei unseligen Menschen begrünt haben werden, genügt die Mitteilung, daß der Fünfzigjährige in einer tiefen Gemütsdepression einen dicken Strich unter sein und seiner siebenundzwanzigjährigen Gattin Leben gesetzt hat.

    Zur Würdigung des Menschen Max Linder treten andere Faktoren hinzu, Faktoren, die im ewigen Kreislaufe der Dinge nie aussterben, die dunkle Tat des Unwiderstehlich-Komischen in all ihrem tragischen Lichte erscheinen lassen.

    Denn Max Linder war, wie so viele andere Könige des befreienden Humors, eine tragische Gestalt. Wer ihn bei seiner Arbeit anläßlich der Wiener Aufnahmen bei der „Vita“ sah, die ihm – weniger tragisch und noch viel prosaischer – im Tode vorausging, der wußte es, daß das Leben hier früher oder später einen seiner dramatischen Tricks unvermittelt in das Bild des Lachens werfen würde. Der Künstler – im Leben ernst, abweisend, fast brüsk, so lustig er im Lichte der Jupiterlampen tun konnte – war nervös, verärgert, unlustig bei der Arbeit, die immer unter den scharf beobachtenden Augen seiner unverhältnismäßig jungen Frau vor sich ging. Der charmante Caufeur des Laufbildes stand immer unter dem Alpdruck böser Stimmungen, war oft unberechenbar in seiner pedantischen Art, die ihn an die andere ebenso große Anforderungen stellen ließ, wie an sich selbst. Die Funktionäre der „Vita“ wußten davon ein Lied zu singen, wenn die Eigenheiten des verwöhnten Meisters Programme umwarfen, Dispositionen über den Haufen rannten.

    Max Linder filmt. Oder richtiger gesagt: Max Linder soll filmen. Ein Heer von technischen Mitarbeitern ist am Werke, Dekorationen harren der gleißenden Ausleuchtung, unzählige Komparsen warten in Kostüm und Maske. Max Linder erscheint,  im Pelz, mit einem Schal umhüllt – er war ungemein ängstlich und pflegt die schützenden Hüllen immer erst im letzten Augenblick abzulegen – Max Linder geht schnurgerade auf den Thermometer zu, stellt fest, daß er bloß 17 anstatt 18 Grad zeigt und – weigert sich, zu filmen, und geht und läßt Dekorationen und Assistenten, Operateure und Statisterie im Stich und der Aufnahmetag ist verloren und damit hundert Millionen Kronen. ...

    Als Max Linder seine Garderobe im „Vita“-Atelier auf dem Rosenhügel betrat, die für ihn möglichst wohnlich und fast etwas feminin mit Vorhängen, Teppichen, Diwan, Postern und Spiegeln hergerichtet war, erklärte er lakonisch, die Vorhänge stimmen nicht zum Teppich, war für die Innenarchitekten der „Vita“ nicht gerade ein Kompliment war. Man änderte und änderte, bis Max zufrieden war. Den Architekten gefiel der Raum allerdings jetzt nicht mehr. ...

    Aber die sonderbare Zerrissenheit dieses Künstlers, der sich seine fertigen Szenen oft dreißigmal vorführen ließ, um dann zu erklären, daß er sich erst am nächsten Tage entscheiden werde, was bleiben könne und was noch einmal gedreht werden müsse, lag nicht bloß in ihm. Vielleicht hat es der komische Max mit der ehelichen Treue wirklich nicht erst genommen – es gibt angebliche Augenzeugen von Filmszenen, die nicht für die öffentliche Ansicht bestimmt waren – sicher ist, daß die oft maßlose Eifersucht der Gattin entscheidend und geradezu ruinös in sein künstlerisches Schaffen eingriff; das lebte sich dann bei ihm in verblüffenden Skurrilitäten aus, machte Engagements unmöglich, brachte wertvolle künstlerische Projekte zum Scheitern, und machte den Mann, der für den Film zu viel Nerven hatte – denn beim Film darf man keine Nerven haben – unsicher und zerfahren. Seine Selbstkritik wurde unter dem lähmenden Bann seiner privaten Konflikte zur Nörgelsucht, zerbrach die große Linie seines einst so einheitlichen Schaffens.

    Bezeichnend für den zerbrochenen oder zerbrechenden Prachtmenschen Max Linder ist folgende tragikomische Episode: Die „Vita“, die in Linder den Retter aus ihren gigantisch anwachsenden Kalamitäten erwartet hatte, geriet in Schwierigkeiten bei der Liquidierung seiner Forderungen. Max Linder läßt daraufhin prompt ein paar Rollen der von ihm produzierten Filmnegative verschwinden und verläßt mit ihnen das Atelier. Die Rollen, die er bei sich trug, nahm man ihm ab, aber seine Gattin passiert mit anderen ungehindert den Torwart. Man hatte die Tatsache, daß Frau Linder unmittelbar vor der Niederkunft stand, als Grund für die Aufbauschungen, die die Filmrollen unter ihrem Mantel verursachten, angesehen.

    Nun ist auch ihre stets wache und sprungbereite Eifersucht mit allen zerbrochenen Plänen des großen Gatten schlafen gegangen. Ihr nimmt niemand mehr den Fünfzigjährigen und er kann nicht mehr an der unerfüllbaren Sehnsucht des tragischen Komikers schmerzvoll leiden, den ein Lebensweg zum lachenden Narren gestempelt hatte, obwohl er - - den Hamlet spielen wollte. ... Aus seinen unzähligen Filmen grinst zwischendurch immer wieder die hämische Bosheit eines Schicksals, das einen Idealisten den Höhenflug abschnitt, indem es an Stelle des großen Dramas die Groteske ins Programm setzte. Freilich: die Groteske war unsagbar traurig. ... (Neue Freie Presse, 3.11.1925)