[Max Linders Werdegang.] “Sie wollen wissen, wie ich “Max Linder” geworden bin,” erzählt der berühmte Filmkomiker einem unserer Mitarbeiter. “Nun, das ist eine ganz amüsante, wenn auch ein bißchen längliche und jedenfalls sehr krumme Geschichte. Sie müssen nämlich wissen: die Familie, der ich entstamme, hat niemals auch nur das geringste mit dem Theater zu tun gehabt. Ich habe in Bordeaux das Lyzeum besucht und da ist mir mitten im Studium eine höchst unangenehme Geschichte passiert. Ich tat bei einem Turnfest mit, sprang und fiel so unglücklich, daß ich volle zwei Jahre im Spital liegen mußte. Als ich nach meiner Genesung wieder ins Lyzeum ging, waren meine nunmehrigen Mitschüler um zwei Jahre jünger als ich. Sie werden begreifen, daß mir das gar nicht passen konnte. Ich bedeutete dem Direktor, wenn er in diesem Punkte nicht Wandel schaffen wolle, so müsse einer von uns beiden gehen. Nun, unser Direktor ist nicht gegangen … Ich mußte nun darüber nachdenken, was es für Berufe für mich gäbe, für die man nicht so viel studieren muß, wie für das medizinische Doktorat oder sonst einen akademischen Beruf. So dachte ich denn nach und beschloß hierauf, Maler zu werden. Ich habe auch wirklich ein Bild gemacht, ein Bild, sag' ich Ihnen, also herrlich! Ich besitze es heute noch. Aber die Menschen hatten nicht das richtige Verständnis für meine Begabung. Ich nahm mir also vor, Schauspieler zu werden, und machte meiner Familie den Vorschlag, mich ins Konservatorium zu schicke. Ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu sagen, daß man mir das für keinen Fall erlauben wollte. “Ein Komödiant willst du werden? So eine Schande willst du uns antun? Gibt's nicht!” Was konnte ich machen? Ich habe meinen Leuten zusagen müssen, wieder ins Lyzeum zu gehen und besuchte natürlich statt dessen insgeheim das Konservatorium. Und bekam nach einem Jahre den ersten Preis. Und spielte in den darauffolgenden Jahren im Theater von Bordeaux Molière, Corneille, Rostand (der Cyrano war eine Glanzrolle von mir) usw. Das genügte mir aber nicht. Mein Ehrgeiz dürstete danach, auch in Paris das zu werden, was ich in Bordeaux bereits war. Davon aber wollte meine Familie partout nichts wissen, die sich mit meiner Theaterspielerei schon halbwegs abgefunden hatte. Paris – das hätte nämlich eine regelrechte Theaterkarriere bedeutet, während mein Theaterspielen in Bordeaux von meinen Angehörigen bloß als Dilettantismus, als Sport aufgefaßt wurde. Sie hatten auch nicht zugegeben, daß ich von meiner Gage, die damals 200 Francs im Monat betrug, lebe, sonder waren darauf bestanden, daß ich die Apanage verwendete, die sie mir ausgesetzt hatten. Nun drohte man, falls ich schandbarerweise regelrechter Berufsschauspieler werden wolle, mir diese Zuschüsse zu entziehen. Uebrigens hatte ich bereits in Bordeaux, um die verzopfte Empfindlichkeit meiner Angehörigen zu schonen, das Pseudonym “Max Linder” angenommen. Ich hieß nämlich weder Max noch Linder. Wie ich gerade auf diesen Namen verfallen bin? Max hat man mich wunderbarerweise schon von Jugend auf gerufen, obwohl in meinem Taufschein ganz was anderes steht. Und Linder? Daran ist das – Telephonbuch schuld. Ich habe auf der Suche nach einem Nom de guerre darin geblättert, dieser Name sprang mir in die Augen und gefiel mir.

Natürlich bin ich doch nach Paris gegangen und mußte dazusehen, mich selbst zu erhalten. Denn meine Angehörigen hatten nun tatsächlich ihre Hand von mir abgezogen. Ich spielte im Théâtre del'Ambigu und verkaufte nebenbei Postkarten. Sowohl Haupt- als Nebenverdienst waren recht kläglich. Da traf ich eines Tages im Kaffeehause neben dem Theater einen Mann, der mir sagte, ich könnte als Statist bei Pathé mit Leichtigkeit 20 Francs im Tage verdienen. Ich ging hin und fragte, was ich da zu tun hätte. Nun müssen Sie wissen, daß damals die Kinematographie noch im Säuglingsalter war. Man nahm etwa einen einfahrenden Eisenbahnzug, das Aus- und Einsteigen der Passagiere und das Abfahren des Zuges auf, und das war dann ein Film. Auf meine Frage hieß es nun: “Ja, was sind Sie denn in Zivil?” “Schauspieler”, antwortete ich. Daraufhin längeres Schweigen. Endlich fragte ich, ob wir denn nicht Komödien spielen könnten. “Komödien? Aber das geht doch gar nicht. Haben Sie schon eine Filmkomödie gesehen?” “Dann werde ich Ihnen eben eine schreiben!” gab ich zur Antwort, eilte nach Hause und schrieb die erste FilmkomödieLes débuts d'un patineur. “Die Anfänge eines Schlittschuhläufers.”) Das war genau vor 19 Jahren. Und seither habe ich zwölf Jahre lang eine Unmasse Komödien für Pathé geschrieben und gespielt. Anfänglich eine Komödie per Tag in der Länge von 50 bis 80 Meter, dann zwei per Woche und schließlich, als man schon bis zu einer Länge von 300 Meter ging, eine Komödie per Woche. Zwölf Jahre lang für – vierzig Francs im Tag, zwanzig fürs Spiel, zwanzig ... [Seitenende von Zeitung abgeschnitten] ... zwölf Jahre habe ich aber auch gespielt, ohne daß mein Name bekanntgegeben wurde. Ich war bereits in allen Ländern der Welt gefeiert, und kein Mensch hatte noch je etwas von Max Linder gehört. Als eine Tages nun auch mein Name auf meinen Filmen erschien, war ich sofort auf der ganzen Welt berühmt. - Ich fronte ahnungslos weiter, bis eines Tages ein Herr zu mir in Hotel kam und mich fragte, ob ich mit ihm nach Barcelona fahren wolle. “Was soll ich denn dort machen?” - “Nichts, nur das Publikum begrüßen, ich gebe Ihnen dafür 30.000 Francs.” - “Für wie lange?” - “Für einen Monat. Alle Spesen werden Ihnen bezahlt.” Da riß ich den Mund auf. “Was erlauben Sie sich für Scherze mit mir!” - “Aber keine Spur!” Damit zog er einen Vertrag aus der Tasche, gab ihn mir zur Unterschrift und bezahlte mir gleich die Hälfte als Angabe. Ich glaubte zu träumen. Ich fuhr nach Barcelona und wurde auf dem Bahnhofe von einer tausendköpfigen Menge bejubelt. Ich wurde während meines dortigen Aufenthaltes gefeiert, daß mir schwindlich wurde. Jedesmal, wenn ich ausfuhr, umgaben meinen Wagen vier bis fünf Schutzleute zu Pferde, um mich vor der bedrohlichen Begeisterung der heißblütigen Spanier zu schützen. Aus Dankbarkeit für die Liebe, mit der man mich dort umhegte, habe ich einen Stierkampf veranstaltet, bei dem ich selbst als Toreador aufgetreten bin und dann auch – ich war ein vorzüglicher Fechter – den Stier getötet habe. Von damals datiert mein, auch materieller, Aufstieg. Wie ich in der Folge mit Pathé mich auseinandergesetzt und was ich dann alles in Amerika erlebt habe, wohin ich im Jahre 1916 ging, sofort, als ich vom Militär freikam, will ich gern bei anderer Gelegenheit schildern. F. Cl. (Neue Freie Presse, 4.12.1923)