Max Linder und die ungarische

Gräfin.

Das Gastspiel des Filmschauspielers in Budapest. - Eine Ein-

ladung zum Souper. - Die Dolmetscherin. - Ein peinliches

Wiedersehen.

 

 

   In einer der letzten Nummern des Pariser “Eclair”, eines sonst einwandfrei und intelligent redigierten großen politischen Boulevardblattes, steht unter dem vielversprechenden Titel “Le hongrois tel qu'on le parle” eine höchst ergötzliche Geschichte zu lesen, die der weltberühmte Filmakrobat Max Linder einem Redakteur des genannten Blattes, das ihn nach seiner Rückkehr von seiner großen Welttournee interviewen ließ, zum besten gegeben hat. Es ist selbstverständlich, daß der “Eclair” die Geschichte des schönen Max über die ungarische Gräfin, denn um eine solche und um nichts weniger handelt es sich mit dem größten Ernst zum Abdruck bringt.

   Sie lautet folgendermaßen: “Das geschah in Budapest. Ich bin in einem Sketch nach meiner Art zwischen zwei Filmszenen aufgetreten. Man umringt mich, bestürmte mich mit Komplimenten, als wäre ich Mounet-Sully. Eine junge Dame, die Französisch sprach, stellte mich einer anderen etwas älteren vor, die immerhin noch schön und mit allerhand Schmuck behangen, imposant aussah. Alle Welt schien sie zu kennen. Ich quittierte dankend die verdolmetschten Komplimente, denn die Dame, eine Gräfin, verstand bloß Ungarisch. Für den nächsten Abend lädt sie mich zu einer großen Soiree ein. Ich gehe hin. Kaum sieben, acht Personen waren außer der Gräfin anwesend. Ich sagte der einzigen Dame die Französisch verstand, derselben, die mich vorgestellt hatte, für die Adresse der Herrin des Hauses, mit der sie auf besonders gutem Fuße zu stehen schien einige Liebenswürdigkeiten. Wenn ich zwei Worte sprach, übersetzte meine Interpretin fünfzig oder auch zweihundert. Ein liebevolles, nervös erregtes Lächeln überflog das Antlitz der Gräfin, so oft ich sprach. Nach einer halben Stunde begab ich mich nach Hause, ganz verwundert über die eigentümliche Soiree.

   Zwei Tage später verließ ich Budapest. Ende Juli [sic.] war ich in Chamonix und begegnete im Foyer meines Hotels ganz unerwartet der ungarischen Gräfin. Sie lächelte nicht. Im Gegenteil. Geärgert und wütend sah sie mich an. Der Portier des Hotels rief mich zur Seite und sagte vertrauensvoll: “Die Gräfin von X.... Die haßt Sie auf den Tod. Sie sollen Ihr Briefe auf Briefe geschrieben und geschworen haben, daß Sie sie liebten. Sie sollen ihr in ihrer eigenen Wohnung in Budapest die Ehe versprochen haben und dann plötzlich verduftet sein... Sie sollten trachten, jetzt je eher von hier abzureisen, denn sonst, Sie wissen, ein Skandal...”

   Die Erklärung ist einfach – setzte der überlegene Max dem staunenden Reporter auseinander: die Gesellschafterin war es, die die ganze Angelegenheit schlau eingefädelt hatte. Sie hatte meine unschuldigen Dankeskomplimente ihrer Herrin als Liebes- und Ehewerbungen verdolmetscht und die Liebesbriefe fabriziert. Die Gräfin war natürlich bis über die Ohren verliebt und dachte guten Glaubens, daß ich sie hintergangen hatte. Die Gesellschafterin aber hatte natürlich ein schönes Stück Geld aus der Geschichte geschlagen und verduftete. Ich natürlich auch...” Wer mag wohl die ungarische Gräfin - “immerhin noch schön, mit Schmuck behangen und imposant”, gewesen sein, der es der schöne Max so sehr angetan hat? (Neues Wiener Journal, 7.4.1914)