Der große Filmstar in Wien.

Von

Felix Fischer.

 

   Vor ungefähr zwei Monaten ist der große Filmstar, der "eleganteste Bonvivant" der Welt, eines Abends aus Paris auf dem Westbahnhof eingetroffen. Viel Publikum war zum Empfange erschienen, viele Reporter drängten sich mit gezückten Bleistiften um den Wagen des Ankommenden, der von einem heimischen Unternehmen als Darsteller verpflichtet worden war. Mit gewinnendem Lächeln dankte er für den Enthusiasmus der Wartenden und versicherte mündlich und in Interviews, daß er sich sehr freue, in Wien arbeiten zu können.

   Die Freude scheint aber doch nicht so groß gewesen zu sein oder nicht angehalten zu haben, denn heute nach zwei Monaten ist für den ersten Film mit dem großen Filmstar viel Geld hinausgeworfen, aber noch nicht ein brauchbarer Meter gedreht worden. Es hat nämlich allen Anschein, als warte der Gast aus Paris nur auf einen Anlaß, um wieder in den Zug zu steigen und heimfahren zu können.

   Er ist mit einem langen Vertrag in der Tasche nach Wien gekommen, in dem für alle Eventualitäten Vorsorge getroffen war. Da war ihm vor allem eine Wohnung zugesagt worden. Als man ihn in prunkvoll ausgestattete Apartements eines Ringstraßenhotels führte, remonstrierte er und verlangte eine Privatwohnung. Der Wunsch wurde erfüllt, eine Villa im Cottage gemietet. Das eigene Auto des scharmanten Künstlers war kontraktgemäß von Paris nach Wien befördert worden, eine zweite Bedingung des Vertrages, daß überall, wo jener sich befinde, ein Auto der Gesellschaft zu warten habe, wurde gleichfalls erfüllt.

   Sehr empfindlich ist der fremde Star für unser Klima. Er hat sich kontraktlich ausbedungen,, daß die Temperatur im Atelier 18° C betragen müsse. Als er zur ersten Aufnahme erschien, zeigte das Thermometer einen Grad weniger. "Kalt!" sagte der Meister, schlug den Kragen hoch und entfernte sich, unbekümmert darum, daß der Arbeitstag verloren war und umsonst Riesenhonorare bezahlt werden müßten. Als sich dieses Spiel mehreremal wiederholt hatte, beschloß die Direktion der Filmgesellschaft, eine neue Heizanlage zu bauen. Während an dieser gearbeitet wurde, hielt sich der Star in seiner Villa auf und las französische Zeitungen und Romane. Als dann wieder die erste Aufnahme sein sollte, trat der große Star wieder zum Thermometer. Es zeigte 18½°. "Lüften!" verordnete er, worauf das Thermometer auf 17½° sank und jener sich wieder mit dem Worte "Kalt!" entfernte.

   Einmal wäre fast eine Szene gedreht worden. Da hat seine Partnerin die Hände gegen ihn auszustrecken. Sie tat es durch vier Stunden, als er aber endlich mit ihrer Haltung zufrieden war, da hatte sie den Krampf in den Armen bekommen und die Aufnahme mußte wieder unterbleiben.

   Viel Geld kostet es auch, die einheimischen Darsteller zu beruhigen, die über die Ueberhebung der Fremden sehr aufgebracht sind. Dieser hat aber einen Passus in seinem Vertrage, daß die Direktion verpflichtet ist, ihn vor Angriffen auf seine Nationalität zu schützen. Und da für Kontraktbruch eine Konventionalstrafe von 300.000 Francs stipuliert ist, müssen die Wiener Unternehmer die Faust im Sacke ballen und zusehen, wie ein Arbeitstag nach dem anderen verrinnt und die erste Milliarde bald zerbröckelt sein wird. In den Begrüßungsinterviews hieß es, das Wien froh sei, den berühmten Gast in seinen Mauern begrüßen zu können. Es hat ganz den Anschein, als ob er gar wieder nach Hause fahren möchte. Nur die 300.000 Francs möchte er gern als Andenken mit sich nehmen. (Neues Wiener Journal, 19.1.1924)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   (Wie Linder in Wien filmt.) In Ergänzung zu unserem Artikel “Der große Filmstar in Wien” wird uns von unterrichteter Seite mitgeteilt, daß Max Linder erfreulicherweise nichts von Starallüren zeigt. Die Arbeiten mit ihm gehen gut und programmgemäß vorwärts und es sind bisher schon zehntausend Meter von dem Großfilm, in dem er die Hauptrolle gibt, “gedreht” worden. Die Wiener werden also bald Gelegenheit haben, ihren Liebling in einem heimischen Film agieren zu sehen. Ein lustiges Kapitel echt Linderscher Komik war seine Wohnungssuche, deren Beschwerden er mit vielem Humor ertrug; selbstverständlich ist ihm die “Vita”-Filmgesellschaft, die ihn für Wien verpflichtet hat, dabei bereitwilligst und hilfreich an die Hand gegangen. Seine Verwöhntheit zeigte sich eigentlich nur darin, daß er kein Auto des Filmunternehmens in Anspruch nahm (obwohl dieses Wagen erster Marke hat), sondern daß er sich sein eigenes Auto aus Frankreich hieherkommen ließ; es verschlug ihm dabei nichts, daß er die recht ansehnlichen Kosten dafür aus eigenem tragen mußte. Linder ist übrigens eben erst von einer schweren Erkrankung genesen und er findet mit Rücksicht auf diesen Umstand großes Entgegenkommen bei der “Vita”. Bei Heizung und Lüftung des Ateliers hält sich das Unternehmen vor Augen, daß hier ein noch schonungsbedürftiger Rekonvaleszent am Werke ist. Man will offenbar vermeiden, daß sich ein Fall wie der des ersten Regisseurs des Linder-Films wiederhole; dieser René Hervil ist in Wien an einer schweren Angina erkrankt und mußte nach Paris zurückfahren. Als Ersatz für ihn hat die “Vita” den Regisseur E. E. Violet engagiert und bis zu dessen Eintreffen, das vor etwa zehn Tagen erfolgte, mußten die Aufnahmen des vielversprechenden Films unterbrochen werden. Linders Anwesenheit in Wien hat begreiflicherweise das Interesse aller Filmfreunde erweckt und es hat sich um seine Person und um die Umstände seines Engagements fast schon ein Legendenkranz gebildet; so hieß es, daß sich die “Vita” verpflichtet habe, ihn vor Angriffen auf seine Nationalität zu schützen. In Wirklichkeit ist das natürlich nicht geschehen, da man schon bei Abschluß des Vertrages mit ihm natürlich sicher sein konnte, daß die Wiener genug Kultur besitzen, um bei künstlerischen Arbeiten nationale Reibungen nicht aufkommen zu lassen. (Neues Wiener Journal, 24.1.1924)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Max Linder bei der "Vita".

 

   Eine Wiener Tageszeitung brachte diese Woche an besonders auffallender Stelle und sehr tendenziös aufgemacht die Mitteilung, daß sich der Fertigstellung des ersten Linder-Films der "Vita" Filmindustrie A.-G. unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenstellen und daß insbesondere Max Linder durch seine Star-Allüren jede planmäßige Arbeit vereitle.

   Wir wollen uns hier über die ziemlich durchsichtigen Gründe, die gerade diese Tageszeitung, deren feindselige Haltung dem Film gegenüber allgemein bekannt ist, zu diesen jeder Grundlage entbehrenden Mitteilungen veranlaßten, nicht weiter verbreitern, sondern nur konstatieren, daß an dieser Veröffentlichung auch nicht ein einziges wahres Wort ist. Nach den von uns eingezogenen Erkundigungen und den Feststellungen, die wir im Atelier der "Vita" machten, nehmen die Aufnahmen zu dem ersten Max Linder-Film ihren normalen Verlauf. Max Linder ist mit einem wahren Feuereifer bei der Sache und nimmt an allem, was seinen Film betrifft, den regsten Anteil. Max Linder ist schließlich viel zu lange in der Filmindustrie tätig, er nimmt seinen Beruf auch viel zu ernst und weiß auch nur zu gut, was ein verlorener Arbeitstag bedeutet, als daß er durch lächerliche Schikanen, wie sie in dem in Frage stehenden Artikel geschildert werden, die Vollendung seines Films in überflüssiger Weise nur um eine Stunde verzögern würde. Der Schreiber dieses Artikels, dem es scheinbar nur darum zu tun war, einige mehr oder minder gute Witze anzubringen, hat allem Anschein nach keine Ahnung von der systematischen, genau vorgezeichneten und sich programmäßig abwickelnden Arbeit einer großen Filmgesellschaft. Es zeigt von einer geradezu kindlichen Naivität und einer vollständigen Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse, auch nur einen Augenblick anzunehmen, daß ein Unternehmen von der Bedeutung der "Vita" gewillt ist, bösartige Star-Launen, wie sie, was ja gern anerkannt werden soll, in diesem Artikel mit ziemlichem feuilletonistischem Geschick erfunden wurden, widerspruchslos —, ja geradezu hilflos hinzunehmen. Die "Vita" hat sich Max Linder gegenüber vielmehr, was ja selbstverständlich ist, durch einen genau stipulierten Vertrag gesichert, so daß jede unbegründete Verzögerung von vornherein ausgeschlossen ist. Max Linders Kampf gegen das ihm angeblich nicht zusagende Klima im "Vita"-Atelier gehört genau so wie alles übrige ins Reich dar Phantasie. Der erste Max Linder-Film der "Vita" "Clown aus Liebe", dem noch weitere folgen werden; steht unmittelbar vor der Vollendung und wird zu dem bereits vor Wochen fixierten Termin, das ist am 28. März, erscheinen. Der Verleih des Films liegt bekanntlich in den Händen der Firma Quittner, Zuckerberg & Co. (Der Filmbote, 26.1.1924)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  Die Firma Quittner, Zuckerberg & Co. gibt bekannt, daß der Max Linder-Film »Clown aus Liebe« trotz der — übrigens bereits dementierten — Glossierungen einer hiesigen Tageszeitung am 28. März 1924 erscheinen wird. Woher dieses Organ die Informationen für diesen großaufgemachten Artikel genommen hat, ist unerfindlich, da es bisher sein gesamtes Interesse für die Filmindustrie nur in übermäßig hoch gerechneten Inseraten befriedigte, ohne irgendwie jemals auf die Fragen dieser Branche redaktionell einzugehen. Es ist daher anzunehmen, daß die in dem Artikel geschilderte Hysterie nicht bei Max Linder, sondern bei dem Verfasser zu suchen ist, der sich in der ungewohnten Lage sah, einen Originalbericht für seine Leserinnen zu schreiben, was ihn begreiflicherweise infolge der Seltenheit solchen Tuns nervös machte. (Kino-Journal, 26.1.1924)