Max Linder im – Löwenkäfig.

 

 

   In den Ateliers der “Vita”-Filmindustrie A.-G. fand vor einigen Tagen die mit allergrößter Spannung erwartete “Löwenaufnahme” statt – das Debüt Max Linders mit dem Löwen “Prinz”. Bekanntlich wurde für die neueste Rolle des gefeierten Filmstars im Atelier eigens ein ganzer, prächtiger Zirkus aufgebaut. In dessen Zuschauerraum war lange vor Beginn der Aufnahmen bereits ein zahlreiches geladenes Publikum in erwartungsvoller Spannung versammelt.

   Max Linder, der Virtuose liebenswürdigen, entzückenden Humors als – Löwenbändiger, das war einmal ein Ereignis, das jener gewissen aus Gruseln und angenehmem Nervenkitzel gemischten Stimmung nicht entbehrte, die das Kennzeichen jeder richtigen Sensation auszumachen scheint. Die passende Ouvertüre dazu bildete das Gehämmer der Arbeiter, welche die letzte Hand an die Sicherung des riesigen Käfigs legten, der fast den ganzen Raum der Manege einnahm und den Schauplatz für die Bravourtaten Max Linders bilden sollte.

   Endlich erschien der große Star, der eigentliche “Löwe” des Tages, in der goldverzierten Uniform eines Dompteurs. Zunächst mußte er erst Unterricht in der Kunst des Peitschenknallens nehmen, denn Löwen haben gute Ohren und hören es gleich heraus, ob jemand vom “Fach” ist oder nicht. Der vielgewandte Künstler hatte es aber bald heraus und knallte nach kaum einer halben Stunde bereits so prächtig wie nur irgendein alter Dompteur.

   Auf das laute Knallen öffnete sich die Tür des Käfigs und herein spazierte – nicht Prinz, der Löwe, sondern L'Aiglon, der weiße Araberhengst, auf welchem der Wüstenkönig sonst seine Künste zu zeigen pflegt. Die grelle Beleuchtung durch die zahlreichen Scheinwerfer und Jupiterlampen schien den Hengst erst zu beirren, er spitzt die Ohren und bäumte sich auf. Der populäre Künstler stellte sich aber auch hier seinen Mann. Der Hengst fügte sich bald und begann unter Linders Leitung, gehorsam im Kreise unhertrabend, seine Künste zu zeigen. Vergebens aber stellt das prächtige Tier sein bestes Können zur Schau. Das Publikum blieb ungerührt, denn es erwartete voll Ungeduld das Auftreten des Löwen.

   Schon begann sich Skepsis zu regen. War am Ende Herrn Linder das Tete-a-tete mit der Bestie zu ungemütlich? Oder sollte alles schließlich nur auf einen gewöhnlichen Filmtrick hinauslaufen?

   Da öffnete sich wieder die Tür und herein sauste fast mit einem Satz, knapp an Herrn Linder vorbei, niemand anderer als der echte, richtige Löwe “Prinz”. Er landete auf dem Rücken des Hengstes, fletschte die Zähne, schlug lebhaft mit dem Schweif und warf – nicht sonderlich freundliche – Blicke auf den fremden “Dompteur”. Linder aber sah der Bestie kaltblütig, ohne mit der Wimper zu zucken, in die Augen und führte das Pferd mit dem Löwen auf dem Rücken ruhig weiter.

   Aber Prinz ließ sich nur eine Weile das Kommando eines Fremden gefallen, dann sprang er, den Gehorsam verweigernd, vom Pferde und begann im Käfig hin und her zu galoppieren. Dabei beobachtete er Linder in einer derart aufdringlichen Art, daß dem Publikum unheimlich zumute wurde. Auf Zurufe reagierte er nicht mehr und schließlich machte er Anstalten, Linder anzugreifen. Der wirkliche Dompteur, der hinter der Szene stand, hielt es nun für ratsam, zu intervenieren und dem gefährdeten Schauspieler zu Hilfe zu eilen. Durch sein Eingreifen wäre natürlich die Aufnahme verdorben gewesen.

Das interessante Blatt, 27.3.1924

[Quelle: Das interessante Blatt, 27.3.1924]

 

   Bevor es aber so weit kam, war Max Linder wieder Herr der Situation. Er schrie den widerspenstigen Löwen heftig an, worauf sich Prinz zurammenduckte und wie ein gepeitschter Hund den Schweif einzog. Zeitweilig noch immer zurückblickend und die Zähne gegen Herrn Max Linder fletschend, trat er erst den Rückzug in eine Ecke an, um von dort auf den Rücken des Pferdes zurückzukehren.

   Bisher ging alles gut, weil sich Max Linder das oberste Dompteurgesetz vor Augen hielt: der Gefahr gegenüber tollkühn zu sein und die Bestie mit dem Blick zu zähmen. Nun aber verlangte es die Rolle von ihm, Furchtsamkeit zu zeigen und vor dem auf ihm losspringenden Raubtier die Flucht zu ergreifen. Das aber bedeutet die allergrößte Gefahr. Als Linder dem Löwen den Rücken wandte und den Erschrockenen zu spielen begann, zeigte die Bestie Lust zu einem neuen Angriff, und wie der Künstler, seiner Rolle getreu, gar die Flucht aus dem Käfig ergriff, war ihm der Löwe hart auf den Fersen und verfolgte ihn bis zur Tür. Prinz wußte natürlich nicht, daß auch das in seiner Rolle stand.

   Erleichtert atmete man auf, als man den kühnen Schauspieler endlich geborgen sah, dann aber ging ein Applaus los, wie ihn die Ateliers der “Vita” noch niemals zu hören bekommen. Max Linder verbeugte sich, dann aber ging er wieder in den Zirkus zurück, denn es sollten noch einige Großaufnahmen und kürzere Szenen gemacht werden. Und er war schon so in seinem Element, daß er den Käfig auch dann kaum verlassen wollte, als der Pfiff des Regisseurs das Ende der Aufnahme verkündete. (Neues Wiener Journal, 22.3.1924)