Max Linder in Berlin.

 

 

    Max Linder, der bekannte Kinoschauspieler, hat der Reichshauptstadt einen kurzen Besuch abgestattet. Heute vormittag gegen 11 Uhr sah man ihn mit seinen Operateuren die Richtung nach dem Schlosse einschlagen und vor dem Dome eine kurze komische Szene spielen. Von dort begab er sich zum Café Bauer, wo er an der Ecke Friedrichstraße und Unter den Linden in drastischer Weise in das Wagengewühl hineinkam und sogar den Unwillen eines Schutzmanns hervorrief, da er nahe daran war, sich von einem Automobil überfahren zu lassen. Eine riesige Menschenmenge umstand den Kinoschauspieler, und von allen Seiten hörte man die Zurufe: Da ist ja Max Linder. Von da ging die Fahrt weiter bis zum Brandenburger Tor, wo sich gleichfalls ein komisches Intermezzo abspielte, indem Max Linder zwei des Weges kommende ältere Damen zu küssen versuchte, was diese natürlich mit großem Zorn zurückwiesen. Und dann sahen wir Max Linder wieder vor dem Reichstagsgebäude und von dort die Siegesallee hinabgehen, wo er versuchte, einer Amme eine Liebeserklärung zu machen. Wir glauben, daß man in den nächsten Monaten Gelegenheit haben wird, diese Aufnahmen in einem großen Sensationsfilm zu sehen. (National-Zeitung, 15.1.1914)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anmerkung: Obwohl er einen so «urdeutschen Namen» (Berliner Börsen-Zeitung, 3.12.1912) hatte, der schließlich sogar zu seiner «Eindeutschung» führte: «Linder war in Deutschland geboren, besaß aber die französische Staatsangehörigkeit» (Berliner Tageblatt, 23.9.1914), und in krassem Gegensatz zu seiner grossen Popularität, wurde er im deutschsprachigen Raum oft als «Max Lindner» bezeichnet. Dieser Artikel, «Max Lind[n]er in Berlin», bildet sozusagen den Höhepunkt. Sechs Mal wird sein Name erwähnt, nur ein einziges Mal wurde er richtig geschrieben.