MAX LINDER

Eine Porträtskizze.

 


 

    Das Wesentliche der Kinoschauspielkunst, das was sie zu einer Sonderart der Bewegungskunst macht, ist vielleicht dies; die vollkommene Scheidung zwischen Schauspieler und Publikum. Die weiße Bühnenwand errichtet zwischen beiden unüberwindbare Trennungsmauern. Sie weist beide Gruppen in verschiedene Welten, siedelt sich gewissermaßen in zwei getrennten Sphären an. Das Publikum aber ist die Kontrolle des Bühnenkünstlers. Der Schauspieler braucht das Publikum. Es reflektiert seine künstlerische Ausstrahlung von der Bühne, es reguliert dadurch sein Spiel. Das Aufregende, die Ungewißheit des Ausganges in dem Kampf mit der anonymen Zuschauermasse hebt ihn über sich selbst hinaus und schafft jene Augenblickleistungen, die wir im Theater bewundern.

    Das alles fehlt dem Filmschauspieler. Und je weniger er dieses Mangelnde in seinem Spiel vermissen läßt, je mehr er die Illusion zu erwecken versteht, als ob sein Agieren von einer Menge angefeuert und von ihrem Beifall begleitet sei, kurz: je mehr vom Augenblick geboren und für den Augenblick bestimmt sein Spiel ist, um so größer ist seine Befähigung.

    Asta Nielsen und Max Linder verkörpern entgegengesetzte Arten der kinoschauspielerischen Technik. Die Nielsen spielt, ganz paradox gesagt, für die Ewigkeit. Sie spielt für das Kinopublikum, vor dem Kinopublikum. Keine Gebärde, die nicht sorgfältig auf ihre Wirkung hin geprüft und erprobt wäre, kein Mienenspiel, das nicht mit dem Kinopublikum kokettiert.

    Max Linder spielt aus dem Blute. Er hat jede Nuance vorher lange überlegt, nach Art der sogenannten "denkenden" Schauspieler. Nichts bringt er mit als seine Persönlichkeit. In jedem Moment spielt er sich selbst und entzündet sich stets von neuem an der Flamme seines Spiels. Die Rolle ist ihm dabei Nebensache, sie dient ihm nur zum Vorwand. Eine Gelegenheit ist sie ihm, seine Körperkunst zur vollen Geltung zu bringen. In Max Linders Adern fließt Komödiantenblut. Er hat die glutvolle Beseeltheit des Dämonischen, jenes Besessensein von der Spielwut, der zu Unrecht so geschmähten Schmierenkomödianten. Doch nicht nur diese leidenschaftliche Lust am Theaterspielen bringt er mit. Er schafft auch jedem Gedanken die konforme Gebärde, indem er instinktiv, gefühlsmäßig seine Rolle faßte. Jeden Gedanken kleidet er mit dem Reichtum seiner Körperkunst. Die Erregung in seinem Spiel, die feinsehnige Bewegungskunst des ganzen Körpers mit allen Schattierungen, die über das bewegliche Gesicht huschen, das macht Linder zu dem Kinomimen, der uns immer wieder Bewunderung abverlangt. Ja, seine Mimik, auch die dankt er seiner Rasse. Wie wenig andere Filmkomiker beherrscht er den Gesichtsausdruck, von kaum merklichem Lächeln bis zur verzerrtesten grotesken Grimasse. Den leisesten Gedanken läßt er durch seine Mimik hindurchschimmern, verleiht ihm die Sichtbarkeit, die wir sonst im Kino oft vermissen, ohne dabei in Uebertreibung auszuarten.

    Max Linders schauspielerische Anfänge liegen im Theater. Von Thaliens ernster Dramenbühne schritt er ins heitere Reich der zehnten Muse, bis ihn sich der Film einfing. Nun spielt er seit wohl zehn Jahren ununterbrochen für die weiße Bühnenfläche. Aber seine Sehnsucht gehört noch immer dem Theater. Auch er vermißt das Publikum mit seinem ermunternden Beifall und den ganzen lebendigen Theaterbetrieb. Doch seine Kunst verhüllt diese Sehnsucht. Und nur wenn er gelegentlich einmal ins lockende Rampenlicht tritt, strahlt die Freude aus seinem Spiel, für Augenblicke von seinem Schattensein erlöst zu sein. E.T. (National-Zeitung, 22.3.1914)