Das Pariser Cinéma.

Von Leon G. Lery.

 

 

    Die großen Boulevards sind heute eine einzige lange Kientoppstrasse, und von der Madelaine bis zur Bastille flimmert es nächtlich ununterbrochen in allen Variationen und Farben: Cinema! Cinema! Die Pariser Boulevards waren für die licht- und effektvolle Reklame der kinematographischen Unternehmungen ein günstiges Milieu: Häuserfronten, die in wechselnden Farben grell aufleuchten, aufgeputzte Reklamemenschen mit glühenden Finger- und Nasenspitzen, das alles fügt sich trefflich in die buntbewegten Szenen dieser historischen Prachtstraße. So wird denn jedes freiwerdende Eckchen dazu benützt, um ein neues Cinéma zu errichten und trotz der bereits stattlichen Anzahl von Flimmerkisten gibt es der Plätze nie genug, um die Menschen zu fassen. Allnächtlich um die Abendstunden kann man beobachten, wie vor beinahe jedem Cinéma der großen Boulevards eine meist polizeilich in Ordnung gehaltene Menschenmenge sich staut und geduldig bis zum nächsten Programmwechsel ausharrt. Mit dem zunehmenden Andrang des Publikums mußten sich natürlich auch die Räumlichkeiten entsprechend vergrößern und aus dem früher so einfachen Saal mit den kahlen Wänden ist jetzt ein richtiges Theater geworden, das nicht nur an Grösse und architektonischem Aufbau, sondern auch an Luxus und Eleganz dem wirklichen Theater gleichkommt. So gewährt der Cirque d'Hiver von Pathé frères dreitausend Menschen bequeme Sitzgelegenheit und das Hippodrom des anderen großen Pariser Filmunternehmers Gaumont auf den äußeren Boulevards geht noch darüber hinaus. Auch gibt es im Cinéma bereits richtige Premierenabende, die jeweils am Freitag stattfinden, und man muß sagen, daß ein Freitagabend in einem Cinéma am Eingange des Bois an Eleganz des Publikums nur sehr wenig hinter einer theatralischen Generalprobe zurücksteht. Die Sitte der Pariser Theater als Premiere eine Generalprobe vor geladenem Publikum zu veranstalten, hat sich der Kientop noch nicht angeflimmert. Er hat es anscheinend noch nicht nötig, Freibillets zu verschenken.

    Es muß gesagt werden, daß die innere Vervollkommnung des Pariser Kinematographen mit der äußeren nicht Schritt gehalten hat. Soweit die Darbietungen der flimmernden Leinwand nicht lediglich aktuelle Ereignisse im Bilde festhalten, befinden sie sich auf einem noch sehr niedrigen und primitiven Niveau und man muß sich immer wieder wundern, daß ein Publikum, das mit so hohen Ansprüchen ins Theater geht, im Cinéma mit den derbsten Plattheiten sich zufrieden gibt. Es scheint, daß die große Neugierde der großen Menge sich vor allem auf das "Journal" richtet, auf die Aktualitäten der Woche, die sich bei dem Pariser Cinema nicht nur auf das Gebiet der Tagesneuigkeiten, sondern auch auf das Gebiet der Mode erstrecken. Offenbar waltet bei dem Pariser Publikum das Bedürfnis vor, Ereignisse, denen man aus finanziellen oder zeitlichen Gründen nicht beiwohnen konnte, sich wenigstens im Bilde anzusehen. In dieser Hinsicht zeigt das Cinéma allerdings erstaunliche Leistungen. Eine vormittägige Pariser Begebenheit kann man meistens am gleichen Abend noch in den Flimmerkisten der großen Boulevards vom bequemen Fauteuil aus gemächlich betrachten. Die übrigen Leistungen der Cinémas aber darf man heute noch nicht einer ernsten Kritik unterziehen; die Films wirken komisch, selbst wenn sie tragischer Art sind. Diese kinematographischen Szenen haben durchwegs einen Mangel: sie entbehren der Phantasie. Gewisse photographische Tricks gestatten dem Cinéma mit übernatürlichen Mitteln zu arbeiten, und darauf hat sich nun sein ganzer Witz festgelegt. Die Menschen fliegen die Treppe hinauf und hinunter; sie fallen aus dem sechsten Stockwerk auf das Straßenpflaster, ohne sich zu beschädigen; der Chauffeur kann mit seinem Automobil Häuser durchfahren und die Möbelstücke eines Zimmers können tanzen. So ist denn die wilde Jagd hinter einem Verbrecher oder Gauner, die durch klirrende Fensterscheiben, Häuser und Flüsse geht, zum Clou aller Films geworden. Es läßt sich schwer leugnen, daß das Cinema heute Eigenes noch kaum zu bieten vermag, und es ist deshalb als eine erfreuliche Erscheinung zu begrüßen, daß man sich vielfach mit der Reproduktion historischer Szenen oder bekannter Dramen, sowie der Wiedergabe von naturwissenschaftlichen Vorgängen begnügt. Daß das Cinéma auf dramatischem Gebiet heute noch nichts Besseres zu bieten vermag, hat eine sehr natürliche Erklärung: Der französische Schriftsteller von Ruf und Rang lehnt es gegenwärtig noch entschieden ab, dramatische Szenen für das Cinéma zu entwerfen. Vielleicht in der Hautsache aus dem Grunde, weil er es mit dem Theaterdirektor nicht verderben darf, der in den Cinémas, wenn auch keine ernstliche Konkurrenz, so doch eine Ablenkung und Entziehung des breiten Publikums erblickt. Freilich muß auch bemerkt werden, daß die kinematographischen Unternehmer noch zu sehr mit der Vervollkommnung des technischen Apparates beschäftigt sind und daher noch nicht ihre ganze Aufmerksamkeit der Güte des Films widmen können. Das Problem, um dessen Lösung man sich augenblicklich eifrig bemüht, besteht darin, eine Kombination zwischen Kinematograph und Phonograph zu finden. So stellt jetzt das nach Pathé frères bekannteste Pariser Filmunternehmen von Gaumont seine sogenannten "Films parlants" her, bei denen ein im Orchester befindlicher Phonograph die flimmernde Leinwand sprachlich ergänzt.

    Die reservierte Haltung des Schriftstellers wird vom Schauspieler nicht geteilt, der, angelockt durch glänzende Honorare, sich gerne dem Cinéma zur Verfügung stellt. So haben sich eine Reihe bekannter Pariser Schauspieler und Schauspielerinnen in den Dienst der flimmenden Kunst gestellt und liefern weltbekannte Filmserien. Jeder Kientoppbesucher kennt die drolligen Szenen von Rigadin, hinter welchem Pseudonym sich der bekannte Pariser Schauspieler Prince verbirgt. Man kann sagen, daß Prince heute der Prinz aller Kinoschauspieler ist. Prince war ein Schüler des Pariser Konservatoriums, das er mit einem ersten Preis für Komödie verließ. Seine natürliche Komik machte ihn früh berühmt; er verließ indes bald das eigentliche Gebiet der Komödie, um seine Kunst ganz in den Dienst der Café-Concerts und der Music-Halls zu stellen. Heute wird sein Talent ganz vom Kinematographen in Anspruch genommen. Nur ab und zu trifft man den trefflichen Komiker - als Glanznummer natürlich - auf einer Pariser Revuebühne. Auch der elegante Max Linder hat sich ganz der flimmernden Kunst zur Verfügung gestellt. Max, wie man ihn kurzweg nennt, ist der jugendliche Liebhaber des Pariser Cinémas, der seine Filmszenen mit gleicher Eleganz wie seine Toiletten zu entwerfen weiß. Wenn er im Cutaway und Zylinder, mit Grazie lächelt, betört und verführt er jede Frau; im Cinéma und in Wirklichkeit. Man nennt Max Linder den König des Pariser Cinémas; sein Reich erstreckt sich besonders auf die Frauenwelt, die von seiner eleganten Erscheinung entzückt ist. Von den berühmten Pariser Künstlerinnen verzeichnen besonders die Mistinguett und die Polaire auch im Kinematographen einen großen Erfolg. Die Mistinguett ist jene schlanke Pariser Künstlerin, die ihre Beinchen mit soviel Anmut zu heben weiß und die sich besonders, als Dirne verkleidet, gern im wilden Apachentanze windet. Zu Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn trat sie als englische Miß Tinguett auf, aus der dann die berühmte Mademoiselle Mistinguett geworden ist. Die kleine, sehr temperamentvolle Polaire mit den pikanten Gesichtszügen und den schwarzen Haarbüscheln, die wirr und lose um den Kopf hängen, gehört zu jener Gruppe Pariser Aktricen, denen man mit Vorliebe das schmückende Beiwort "bien parisienne" verleiht, was nicht verhindert, daß die Wiege dieser echt pariserischen Künstlerin fern von den Ufern der Seine in Algerien gestanden hat. Auch andere bekannte Schauspielerinnen posieren gelegentlich für den Kinematographen, und selbst die alternde Sarah Bernhardt ließ ihre immer noch junge Kameliendame im kinematographischen Bilde für alle Zeiten festhalten. (Oesterreichischer Komet, 15.2.1913)