Eine kinematographische Aufnahme in Paris.

Skizze von Adrien Vély.

Berechtigte Uebertragung von Margarete Schlesinger.[*]

 

 

 

   Früh um einhalb Zehn ging ich wie verabredet in die "Chope de l'Est", eine bekannte Kneipe. Dort erwarteten mich zwei Schutzleute, ein Apache, ein alter Schwerenöter, ein paar junge Nichtstuer wie sie zum Straßenbild einer Großstadt gehören und eine kleine Bretonin, der mich mein Freund Albert Capellani vorstellte. Es waren die verschieden Personen eines kinematographischen Stückes, das ich verfaßt hatte und das Capellani inszenierte.

   Villeicht gebe ich eines Tages meine kinematographischen Werke gesammelt in Buchform heraus. Man wird ihren nervigen Stil und ihre hohen literarischen Verdienste anerkenne. Aber wenn ich heute nun von dem Stück spreche, das mich in die "Chope de l'Est" geführt, so geschieht es, weil ich mit ihm die erste kinematographische Aufnahme in Paris probierte.

   Das Theater des kinematographischen Schriftsteller- und Literatenverbandes, dem ich angehöre, liegt in dem nahen Vorort Vincennes. Dort werden in verblüffend naturgetreuer Ausstattung die Interieur-Szenen geprobt – oder, um kinematographisch zu sprechen, “gedreht”. Freiluft-Szenen nehmen wir – wenn es sich nicht um eine allzu bekannte oder außergewöhnliche Umgebung handelt – im Ort selbst auf. Die Avenue du Petit-Parc, die wir besonders bevorzugen, wird je nachdem eine Straße des toten Brügge oder ein Winkel der Londoner City. Ein Haus, dessen Portierfrau einen von uns durch reichliche Trinkgelder geschürten Diensteifer entfaltet, verwandelt sich – je nach den Schildern und Zetteln, mit denen wir es behängen, - in ein großes Bankhaus, einer Klinik, ein Hotel usw.

   Vincennes ist recht eigentlich die Heimat des Kinematographen. Es ist Kinemapolis. Allmorgendlich wimmelt es von Schauspielertruppen, die unter Führung ihrer Regisseure und “Operateure” einen geeigneten Platz suchen. Sobald sie ihn gefunden haben, proben und “drehen” sie unter freiem Himmel darauf los. Die Einwohner sind derartige Auftritte so gewöhnt, daß sie ihnen nicht mehr die geringste Aufmerksamkeit schenken. Aber da sie allmählich kinematographisch geschult sind, treten sie auch nie in das Objektfeld, sondern machen ganz von selbst die nötigen Umwege.

   Als ich zum erstenmal mit solch einer Bande umherzog, war ich nicht wenig überrascht, jeden Augenblick anderen Gruppen in den absonderlichsten, wildesten Kostümen zu begegnen. Bald war es ein Akrobat, ein Offizier der Horseguards oder ein Blinder, der sich aus der Menge löste, um mir die Hand zu drücken, Kameraden, die mich begrüßten, die ich aber nicht erkannte. Schließlich machen wir halt und wollen anfangen zu “drehen”, als ein Infanterie-Oberst zu Rad vorbeikommt, absteigt und Capellani begrüßt.

   “Wer war das wieder?” fragte ich, als er sich entfernt hatte. “Ich habe ihn nicht erkannt.”

   “Der da? Erwidert Capellani. “Der war echt!”

   Doch zurück zur “Chope de l'Est”. Wozu es verbergen? Das Stück, dessen Aufnahme an jenem Morgen geplannt war, zeichnete sich durch eine hohe Originalität aus. Es waren die Abenteuer einer kleinen Bretonin, die den Bräutigam verläßt, um ihr Glück in Paris zu suchen. Nachdem ein Apache sie geplündert, ein alter Sünder sie verfolgt hat, kehrt sie von ihren Zukunftsträumen geheilt, reuig in den Schoß der Familie zurück. Ein wunderbarer Stoff für herzbewegende und tragische Verwicklungen.

   Wir stellen unsere Apparate vor dem Ausgang des Bahnhofes auf und warten auf den nächsten Vorortszug. Die Türen öffnen sich, die Passagiere strömen heraus und das bildhübsche Fräulein Goldstein, das die “kleine Bretonin spielt, mischt sich geschickt unter die Menge. Das “Drehen” beginnt. Zuerst geht alles gut; man achtet weder auf uns noch auf unsere Bretonin. Aber jetzt werden die jungen Nichtstuer sichtbar “die zum Straßenbild einer Großstadt nun einmal gehören” schneiden ihr die Kur, stellen ihr nach; furchtsam wehrt sie sich und weiß nicht, wie sie sie loswerden soll. Eine brave Frau mit einem großen Busch Frühjahrsblumen in der Hand bleibt stehen und ruft verwundert und empört:

   “Gibt es denn keinen Schutzmann hier!” Denn sie hält den Vorfall für wahr.

   Ein Schutzmann ist wohl da; das heißt: er war da. (Ich meine nicht etwa die zwei von uns kostümierten, die in der “Chope de l'Est” auf uns warten.) Er war auch sofort auf uns zugeeilt. Aber als er uns unsere Apparate aufstellen sah hatte er sich verständnisvoll gedrückt:

   “Wissen Sie... im nächsten Augenblick werden Sie zweihundert Personen um sich haben. Ich wäre genötigt einzugreifen... Da gehe ich lieber fort...

   Und diskret war er verschwunden. Natürlich haben wir jetzt unsere zweihundert Gaffer um uns, die gespannt jede Bewegung verfolgen. Einer, - ein energisch ausehender Herr mit dem Gesicht eines Menschen, der sich nichts weiß machen läßt, - tritt beherzt heran, stellt sich vors Objektiv und guckt durch Bums! Verdorben! Wir können von vorn anfangen. Erst müssen wir wieder den nächsten Zug abwarten. Und um die Neugierigen, die wie Mauern stehen, zu zerstreuen, stürzen wir uns für ein paar Minuten in die Untergrundbahn.

   Beim zweitenmal endlich glückt es. Bevor wir den Bahnhof verlassen, um uns dem Apachen und dem alten Schwerenöter zuzuwenden, nehmen wir gleich die Rückkehr der bekehrten, kleinen Bretonin auf. Sie hat einen Schutzmann – einen von unseren – getroffen und zufällig ist es ein Landsmann. Dieser Biedere hat sie auf den rechten Weg gebracht, hat sie mit seiner Pelerine gedeckt und geleitet sie bis zum Bahnhof. Das arme Kind, das nicht weiß, wie es ihm danken soll, fällt ihm in ihrer Freude um den Hals und gibt ihm einen Kuß.

   Soll ich noch vom Apachen erzählen, der der kleinen Bretonin ihr Geld raubt und vom alten Schwerenöter, der es auf Tugend absieht? Die erste Szene spielt sich auf der Terrasse der “Chope de l'Est” ab, die zweite in den Champs Elysées. Ein paar Autos führten uns hin und der eine Chauffeur, der ein Neger war, wollte absolut mit auf dem Bilde sein. Wir redeten es ihm aus und beendeten unsere Aufnahme ohne nennenswerte Zwischenfälle, - natürlich stets umringt von dem unvermeidlichen Kranz Neugieriger.

   Nicht einen Augenblick wichen sie von uns. Sie folgten uns bis ins Restaurant, in dem wir unser Frühstück einnahmen. Aber wie groß war ihr Erstaunen, als sie sahen, daß die Operateure ihre Apparate beiseite stellten und sich zu uns setzten. Sie hatten geglaubt, daß auch unser Frühstück zum “Kientopp” gehöre. (Oesterreichischer Komet, 24.7.1911)

 

* Übersetzung von dem Artikel "Une Tranche de Cinéma", erschienen am 5.4.1911 in 'Le Gaulois' ― Dreharbeiten zu dem Film: "Pour voir Paris" (Um Paris zu sehen), von Albert Capellani, mit Suzanne Goldstein (la petite Bretonne), Charles Lorrain (fiancé), Eugénie Nau (mère)