Humor im Film.

 

 

    Die Voraussetzungen, humoristische Wirkungen [aus]lösen zu können, sind für Sprechbühne und Kino sehr verschieden. Auf den "Brettern, die die Welt bedeuten", wirken am stärksten der Wortwitz, die gut gebrachte Pointe, das Radebrechen einer Sprache, fremdartiger Akzent oder Eigentümlichkeiten der Rede und wohl erst in zweiter Linie die Situationskomik und äußere Erscheinung, Mimik, Maske sowie Kostüm der Darsteller. Es wird also auf die Lachmuskeln des Publikums mehr durch das Ohr, als durch das Sehorgan einzuwirken gesucht. Ganz umgekehrt muss es natürlich beim Kino sein, wo das Hörorgan ganz ausgeschaltet ist und einzig und allein das Auge des Zuschauers aufnahmsfähig ist. Von den genannten humoristischen Wirkungsmöglichkeiten bleiben demnach bloß die Situationskomik und äußere Erscheinung, Mimik, Maske sowie Kostüm der Darsteller übrig. Aber die Situationskomik allein schon findet im Film ein so unendlich größeres, ja nahezu unbegrenztes Anwendungsgebiet vor, daß man wirklich sagen kann, ein Kinostück vermag ebenso erheiternd zu sein wie ein Theaterstück, wobei es allerdings mit krasseren Effekten arbeiten muß. Welche Unzahl von komischen Wirkungen des Films sind zum Beispiel auf der Theaterbühne unmöglich! Da sind in erster Linie die so beliebten Verfolgungen, die eine fortwährende Veränderung des Schauplatzes erfordern, eine Grundbedingung, der die Theaterbühne nicht zu entsprechen vermag. Es müßte nach jeder Minute der Vorhang fallen, damit die Szene "umgebaut" werden kann, wie der Terminus technicus lautet. Im Kino dagegen sieht man den oder die Flüchtigen und hinterdrein die Verfolger einmal auf der Straße laufen, im nächsten Momente in einen Eisenbahnzug springen, eine Sekunde später zu Pferd durch einen Wald jagen, dann wieder über eine Stiege hinaufrennen, sie stoßen sich an, purzeln durcheinander, fallen hin, werden überfahren, kurz es gibt dafür kein Ende und keine Grenze. Wie herzlich lacht das Publikum, wenn der Kinokomiker reiten lernt und vom Pferd auf die belebte Straße herunterfällt, oder in einen Bach oder auf einen Misthaufen geworfen wird! Oder wenn er einer Dame nachsteigt, ihr unermüdlich auf allen Wegen, in alle Lokale nachfolgt, und sie fährt ihm plötzlich in einem Auto davon oder schlägt ihm die Türe vor der Nase zu. Es ist ja eine sehr simple naive Komik, aber sie wirkt. Oder der Kinokomiker bricht in einer Dachwohnung mit dem Fußboden ein und fällt durch einige Stockwerke bis zum Parterre des Hauses durch. Oder er lernt Athletik und Boxen und wird so stark, daß er eine Hausmauer durchboxen und einen fahrenden elektrischen Straßenbahnzug durch seine Kraft aufhalten kann.

    Die humoristischen Wirkungen im Film haben übrigens einen ähnlichen Entwicklungsgang durchgemacht wie die des Theaters. Sie haben mit Hanswurstiaden begonnen und sind über die derbere Posse zum Schwank und Lustspiel gelangt. Das feinere Lustspiel, das auch Konversationslustspiel genannt wird, ist allerdings, wie schon der Name sagt, dem Kino verschlossen. Immerhin haben wir in letzter Zeit eine Reihe von Kinolustspielen gesehen, die von derberen Knalleffekten frei sind und dennoch sehr humoristisch wirken.

    In den ersten Anfängen des Kinos waren eigentlich alle Kinoschauspieler Komiker; die seriösen Darsteller sind erst etwas später dazugekommen. André Deed, um nur einige zu nennen, der auch den oft gesehenen "Lehmann" mimte, wirkt vor allem durch seine akrobatischen Tricks; Polydor schneidet Grimassen wie kein zweiter; bei Piefke, Nauke und ähnlichen pseudonymen Künstlern finden wir schon schwache Anklänge an Charakterkomik; Rodolfi und Gigetta führen schon zum feineren Lustspiel hin, dagegen ist Bunny wieder ein Vollblutrepräsentant des echt anglo-amerikanischen Humors mit seiner starken Neigung zum Grotesken und Krassen. Der Modernste und wohl auch der Beliebteste unter den Kinokomikern ist aber Max Linder, dessen vis comica von bewundernswerter Vielseitigkeit ist: mit echtem Humor und quecksilberner Beweglichkeit verbindet er eine erstaunlich große Ausdruckfähigkeit in Mimik und Geste und eine natürliche Eleganz in Haltung und Kleidung. (Oesterreichischer Komet, 27.12.1913)