Der Boykott.

 

 

  So einheitlich auch die mannigfaltige, in hundertfacher Hinsicht aus antithetischen Elementen zusammengesetzte Bevölkerung Budapests zu den kriegerischen Ereignissen und ihrem ideellen Sublimat Stellung genommen hat, in einem Punkt herrscht seltsame, oft belustigende zuweilen aber auch bedenkliche Uneinigkeit und Unsicherheit. Männer und Frauen, Kombattanten und Zivilisten, Produzenten und Konsumenten sind einig in dem Entschluß, das Ihre beizutragen, daß dieser nicht von uns gewollte Krieg, mit einem Plus an Ehre und auch an realer Macht für Ungarn ende. Sind wir in eine Lage geraten, oder besser gedrängt worden, die Feindschaft mit einstigen Freunden fordert, so wollen wir den Nutzen – den ideellen, so weit dies möglich ist, und den materiellen – von diesen ungewollten Feindschaften sehen. Ist es uns unmöglich gemacht worden, mit Frankreich und England, an die uns Bande geistiger und wirtschaftlicher Beziehungen knüpften, in Frieden weiterzuleben, so soll der Verlust an guten Beziehungen durch einen Gewinn an Selbstständigkeit ausgeglichen werden. Ins Praktische übersetzt: da wir gezwungen sind, die Werte, die wir von den jetzt feindlichen Nationen früher empfingen, ihrer Herkunft wegen zu mißachten und aus unserem Leben auszuschalten, so müssen wir alles daran setzen, diese Werte, auch um den Preis einer Zeit der Entbehrungen, selbst zu erzeugen.

   Das ist der Grundgedanke der verschiedenen Boykottbewegungen, die in Deutschland und Oesterreich-Ungarn seit vier Monaten immer wieder aufflammen und hierzulande immer wieder einschlafen. Freilich hat diesem wirtschaftlichen Gedanken, das vom Krieg entfachte Temperament der Volksmasse Zusätze von Gefühl, von Rache und Straflust beigemischt. Im Grunde aber hat der Boykott diesen einen Sinn: Kaufen wir nichts Französisches, nichts Englisches, damit das Geld hier bleibe und wir für dieses Geld später Ungarisches kaufen können.

   Wie sieht nun aber der bei uns seltsamerweise nicht von der Masse der Käufer, sondern von den Verkäufern angeregte Boykott in Wirklichkeit aus? In der ersten Zeit verschwand alles, was sichtbar an die feindliche Herkunft erinnerte. In den Läden, die französische und englische Ware in Mengen beherbergten, wurde die feindliche Ware dem Käufer nicht oder nur zögernd und unter tausend Entschuldigungen vorgelegt. Handschuhe, Parfüm, Liköre, Stoffe, Briefpapier, Krawatten kaufte der verlegene Kunde von einem verwirrten Kommis.

Aus den Schaufenstern der Buchhandlungen zogen sich die französischen Romane in das Innere des Ladens zurück, auf den Firmentafeln war der “tailor” ebenso wie der “tailleur” mit nationalfarbenem Band verdeckt, in den Kinos riß der Film an der Stelle, wo der Hahn der Firma Pathé erscheinen sollte, in Kaffeehäusern wurde für “ungarischen Kognak” der Preis des französischen verlangt und willig bezahlt, das Theater, das ein englisches Stück vorbereitete, nannte in seinen Ankündigungen den bekannten Verfasser geflissentlich einen Amerikaner, - kurz es gab ein anfänglich etwas gequältes, später jedoch durchaus harmonisches Einverständnis der Täuschenden und der Getäuschten. Noch vor wenigen Woche fragte mich ein Kinobesitzer, der auf Plakaten die Vorführung von “nur” deutschen, amerikanischen, italienischen und dänischen Films versprach, nach einer Max-Linder-Nummer mit naiver Unverschämtheit, ob ich den deutschen Doppelgänger und Nachahmer Max Linders für dem Original ebenbürtig halte; seither aber haben sich die Verhältnisse geändert, und Max Linder erscheint ebenso wie der Hahn der Firma Pathé ohne gesprochene oder plakatierte Entschuldigung. Das Decktuch, das über die feindliche Ware gebreitet war, wird auch andernorts immer fadenscheiniger; sehr bald wird es ganz verschwunden sein.

   Es hätte des Gegensatzes zwischen Theorie und Praxis, des unehrlichen und kindischen Versteckenspielens, der ganzen hilflosen Verwirrtheit nicht bedurft, wenn einige mutige Leute Käufern und Verkäufern gleicherweise klar gemacht hätten, was jetzt patriotische Pflicht und was naive und wirkungslose Gewaltmaßregeln seien. Kein Patriot wird einem Kaufmann zumuten, seinen vor dem Krieg beschafften und bezahlten Vorrat an französischer und englischer Ware zum Mist zu werfen; kein kluger Mensch wird verlangen, daß der Kaufmann ihm diese Ware mit gefälschter Etikette vorsetze. Was an feindlicher Ware bereits im Lande ist, soll ruhig, ohne patriotische Bedenken, ohne Scham und List verkauft und verbraucht werden. Wir wollen niemand schaden, sondern uns nützen. Das erreichen wir, wenn wir die Kaufleute hindern, fremde Ware ins Land zu bringen, indem wir bei Einkäufen auf heimischer Ware bestehen. Was durch unsere Schuld vor dem Krieg hereingekommen ist, müssen wir jetzt schon verbrauchen; der Kaufmann darf weder zu Schaden kommen, noch zum Lügen gezwungen werden. Dies vor allem ist es, was wir beseitigt sehen möchten; das verschämte Erröten, die gestammelten Entschuldigungen, die falschen Etiketten, das ganze lächerliche und peinliche Augurenspiel, das seinen patriotischen Ursprung ganz aus den Augen verloren hat. Lzr. (Pester Lloyd, 17.11.1914)