Max Linder in Nöten.

 


 

Budapest, 20. November.

    Der weltbekannte Filmlöwe Max Linder, absolviert bekanntlich ein persönliches Gastspiel in Budapest. Der verwöhnte Pariser befindet sich bei uns recht wohl, nur eines findet er an Budapest auszusetzen, und man hätte diese Klage von ihm wahrlich am wenigsten erwartet: "Je n'ai pas trouvé une femme sérieus!" (Ich habe hier noch keine ernste Frau gefunden), sagte er bedauernd zu unserem Mitarbeiter. Sonst aber hätte er aus Budapest lauter heitere Erinnerungen mitgenommen, wenn nicht ein böses Abenteuer seine gestrige wohlverdiente Nachtruhe gestört hätte.

    Wir müssen ein wenig zurückgreifen. Als Max Linder in Wien gastierte, schloß er mit einem österreichischen Impresario einen Gastspielvertrag für eine Provinzstadt ab. Da es sich nur um drei Abende oder tausend Kronen Pönale handelte [->KR,12.1.13], kümmerte sich "Max" nicht weiter um diese Lappalie, sondern nahm die Einladung nach Budapest an. Als der österreichische Impresario die Ankündigung des Budapester Gastspiels las, klagte er Max Linder, der nicht daran dachte, zu zahlen. Max wurde zu Gericht beschieden. "Ich komme hin," erzählt er, "kein Mensch kann ein Wort Französisch. Ich habe keine Ahnung, was sie da in mich hineinreden. Ich rufe: "Je ne paie pas!" (Ich zahle nicht!), nehme meinen Hut und stürze fort."

    Damit war für Max Linder die Sache erledigt. Er kam nach Budapest, wohnt im "Hotel Ritz", studiert das Nachtleben unserer Hauptstadt, spielt auf dem Film und auf den Bretter, und ist sich keiner Schuld bewußt. Da geschieht etwas Schreckliches. Wenn Max Linder es selbst erzählt, ist es allerdings mehr belustigend als Schrecklich. Dieser liebe, lustige Bohemien spricht im Leben wie auf der Bühne; er begleitet seine Erzählung mit all den mimischen Ausdrucksmitteln, die ihn berühmt gemacht haben.

    Gestern nachts war er um 6 Uhr endlich heimgekehrt, um ein wenig zu schlafen. Plötzlich fuhr er aus dem Schlafe: drei Herren waren in sein Zimmer eingedrungen. Was konnten diese Leute zu nachtschlafender Zeit - es war 8 Uhr morgens - von ihm wollen? Er rieb sich die Augen, doch die drei geheimnisvollen Fremden, die sein aufdämmerndes Bewußtsein für Einbrecher hielt, kommen immer näher, gingen ohne weiteres auf den Nachttisch zu, nahmen seine Brieftasche, seine brillantgeschmückte Krawattennadel, das goldene Armband, das er zu tragen liebt, sogar einen kostbaren Platinring mit einem Solitär im Werte von 6000 Francs mit, und als er noch eben überlegte, ob er nicht " Au voleur!" (Haltet den Dieb!) schreien sollte, hielten sie ihm einen Pfändungsbescheid unter die Nase und fragten in schauderhaftem Französisch: "Voulez-vous payer?" (Wollen Sie zahlen?) "Je veux dormir!" (Ich will schlafen!) brüllt Max - "et je dors!" (Und ich schlafe!) setzt er triumphierend hinzu.

    Als er mittags erwachte, glaubte er geträumt zu haben; doch ein Blick auf die traurigen Ueberreste seiner Habseligkeiten und den ominösen Zettel belehrte ihn eines Schlimmeren. Den gestrigen Tag verbrachte er damit, bei Pontius und Pilatus das zu suchen, was er optimistisch und mit liebenswürdiger Unschuldsmiene "sein Recht" nennt. Das französische Konsulat teilte ihm höflich mit, daß dieser Fall kein genügender Anlaß sei, das schöne Einvernehmen zwischen Frankreich und Oesterreich-Ungarn zu stören. Das einfachste wäre, zu bezahlen.

    Ja, aber seine Juwelen? Der arme Max Linder hat keine Ahnung, wer ihn im Namen des Gesetzes ihrer beraubt hat. Da sie den zehnfachen Wert seiner Schuld repräsentieren, schmerzt ihn die Geschichte trotz seiner Leichtherzigkeit ein wenig. Endlich kam er auf den Einfall, die 1000 Kronen wegzuschicken; vielleicht, so meint er, wird sich die hohe Amtsperson, die ihm "mitten in der Nacht", wie er sich empört ausdrückt, sein Eigentum weggenommen hat, daraufhin melden.

    So erzählt Max Linder die Geschichte und versucht sie recht resolut und geschäftsmäßig zu behandeln. In seinem innersten Herzen kann er noch immer nicht ganz von der Meinung lassen, es wären doch wohl Einbrecher gewesen. Und alles verzeiht er den Barbaren eher, als das Attentat auf seine spärliche Nachtruhe. (Pester Lloyd, 20.11.1913)