Max Linder tot.

Die Tragödie des Komiker.

 

 

    Paris, 1. November. Nach der Ueberführung in die Klinik starb Max Linder, kurze Zeit vor ihm seine Frau. Sie haben Selbstmord begangen.

    M. Levielles [sic.], mit seinem weltberühmten Pseudonym Max Linder, ist in Bordeaux zur Welt gekommen. Er war Schauspieler, ehe er sich dem Film widmete. Der Beginn seines Ruhms fällt mit dem Beginn des Lichtspiels zusammen. Andere, Chaplin voran, haben ihn überflügelt. Die weiße Leinwand bietet heute Humoristen aller Genres. Sie alle sind undenkbar ohne Linder, wie Beethoven ohne Bach, Goethe ohne Lessing. Linder schuf aus eigener Erfindung, ohne Vorgänger; er begriff als erster die Gesetze des Kinolustspiels, dessen Aufgaben ganz andere sind als die der Bühnenlustspiele. Die Uebertreibung, die Groteske, die Situationskomik - Linder vereinigte diese Elemente zum neuen Typus des heiteren Film-Einakters. Früher war er der einzige, später der beliebte Komiker. Und wenn heute seine Bedeutung nur mehr historisch zu schätzen ist, da seine Versuche von anderen geschickter verwertet wurden - so ist schon darin Tragik, Tragik des Komödianten.

    Wer hatte ihm sonst widerstanden, wenn er die Dinge, die ihm im Weg standen, durcheinanderwarf, die Beine vorchaplinistisch in Konfusion brachte, in absichtlicher Verzerrung Rauchfänge und Geschirr, Koch und Wachmann, Feuerspritze und Kinderwagen übereinander stolpern ließ? Seine Art erschöpft sich darin; er hätte neue Wege suchen müssen. Aber daran hinderte ihn die andere, die private Tragödie seines Lebens.

    Diese begann vor langem schon. Der große Humorist war in Wahrheit melancholisch, kränklich, nervös. Der Kontrast ist nicht neu. Psychologisch hat man ihn so gedeutet, daß erst aus der völlig durchkosteten Bitterkeit des Lebens die Lust erwacht, das Leben zu verulken und sich durch selbstquälerische Heiterkeit am Weltschmerz zu rächen. Das Bajazzo-Motiv spielt mit hinein: daß der Komiker nicht nur in Heiterkeit exzedieren [sic.] will, sondern muß - da er nun einmal bezahlt ist -, daß er sich als Lacher zu exhibitionieren verpflichtet hat, auch dann, wenn vor seinen Augen ein Rasiermesser und im Herzen Veronal ist.

    Das Geschick Linders nahm an Unbill katastrophal zu, als er vor zwei Jahren - fast fünfzigjährig - heiratete. Wie hatte alles nach Glück ausgesehen! Wie filmromantisch war die Vorgeschichte dieses Bündnisses. Siebenjährig liebte die uneheliche Tochter einer Schauspielerin Lucy Peters den berühmten Schauspieler. Viele Jahre später trifft sie mit ihm wieder zusammen, schwört, von ihm nicht lassen zu können, widerlegt seine Bedenken - Alter, Krankheit, Bohemiennatur, Abneigung gegen Unfreiheit - und fährt dem unentschlossenen Flüchtigen in die Schweiz nach. Von Anfang an denkt Max Linder an Scheidung. Seine Frau ist sehr reich, er rührt das Geld nicht an.

    Die Blätter berichten intime Eifersuchtsszenen, die von der Frau ausgingen und zu Engagement-Verzichten des Künstlers führten, so oft die Frau Grund zur Eifersucht zu haben glaubte. Es mag gebotener sein, über diese Szenen zu schweigen. Das Bild des Künstlers wird durch die Indiskretionen nicht umrissener.

    Linder besaß eine Villa, aber er lebte in Hotels. Er spielte, es war zum Totlachen. Abends versuchte er, sich und die Frau zu töten. Der Versuch mißlang, im Vorjahr, in Wien. Lucy Peters-Linder war damals schwanger. Das Kind kam in der Schweiz zur Welt. - Eine Weile war Friede.

    In Paris begann Linders Laufbahn, dort endete sie am 1. November 1925. Ein Brief hat sich gefunden: "Meine Frau wünscht, daß wir gemeinsam sterben; es geschehe also!" Dem widerspricht ein Brief seiner Frau: "Er wird mich sicherlich noch töten." Es kann also sein, daß auch der letzte Schritt, das Sterben, nicht einvernehmlich geschah. Auf dem Nachtkästchen stand ein geöffnetes Fläschchen Veronal. Mit einem Rasiermesser hatte Linder seiner Frau und sich die Pulsadern aufgeschnitten. Er hatte vorher die Frau betäubt. Der Tod war beschlossen gewesen, als Linder noch in Ateliers stand, Situationskomik um sich verbreitete und alles über sich zusammenstürzen ließ.

    Neurasthenie und Ehezwist sind Umschreibungen. Aus der Unverträglichkeit eines traurigen Gemüts mit der kuriosen, bittern Außenwelt, erwuchs letzten Endes das Spiel, das die Zuschauer mit einem "plaudite amici" begleiteten, weil sie es für eine Komödie hielten und dessen erschütterndes Ende erst die Aufklärung gab: tragoedia sinita est. L-r. (Prager Tagblatt,  3.11.1925)