Max Linder, Zirkuspferde und der

neue Film der “Vita”.

 

   Tausende neugieriger, erwartungsvoller Menschen drängten sich gestern, um Einlaß in eine Welt des Scheines zu finden, eines Scheines, der so gewaltig und stark war, daß viele davon entzündete Augen bekamen.

   Die “Vita”-Film A.-G. Hatte Einladungen zu den Zirkusaufnahmen ausgeschickt, die eine große Rolle in dem neuen Max-Linder-Film “Der Clown aus Liebe” spielen. Vor den Ateliers am Rosenhügel war ein Autopark aufgefahren, der würdige Portier mit dem goldtressenbesetzten Pelz hielt vor der schmalen Eingangstür Wache, strahlte und war sich seines besonderen Amtes bewußt.

   Mit weit aufgerissenen, dunklen Frageaugen trippelten Kinder durch die langen Gänge, die Großen hasteten, um noch Platz zu bekommen, Männer in blauen Kitteln liefen herum, eine Atmosphäre planmäßiger Geschäftigkeit nahm den Besucher in Empfang. Die vielen Kabel- und Luftleitungen, Kulissenteile und Schaltpulte brachten sofort jene eigene Bühnenstimmung hervor, die Freude, die man unwillkürlich empfindet, wenn man Gelegenheit hat, eine Sache im Entstehen zu sehen.

   Durch einen improvisierten Stall kam man zu einem Vorhang, der von Lakaien in wundervollen Kniehosen, Seidenstrümpfen und weißen Krawatten scharf bewacht wurde. Aber auch dieses letzte Bollwerk wurde passiert. Und dann lag der Aufnahmeraum breit und gewaltig vor dem Eintretenden. Man war in das geheimnisvolle Reich geschlüpft und durfte zusehen, “wie es gemacht wird”.

   In der riesigen Halle war eine Arena aufgebaut worden, ein richtiger, großer Zirkus mit einer Manege, auf deren gelbem Sand zwei prächtige Perserteppiche lagen. Ein funkelndes, glitzerndes Trapez hing an dünnen Drahtseilen, die sich in dem Chaos der Schienen-, Kabel- und Metallkonstruktionen verloren, jenem Gewirre von Metallseilen, die der Halle das Geheimnisvolle, Imponierende geben, die Großzügigkeit des modernsten technischen Betriebes. In schwindelnder Höhe führen Laufstege an Schaltvorrichtungen vorbei, lautlos gleiten kleine Wagen dahin, an denen wie reife Trauben Büschel von Beleuchtungskörpern hängen. In phantastischen Gehäusen sind zahllose Bogenlampenkohlen versteckt, deren Spitzen ein Meer von grellem alles umfassenden Lichtes aussenden. Und doch sind diese surrenden Dinger, die vielen hundert allerstärksten, Licht und Hitze speienden Krater nur nebensächliche Hilfsmittel.

   Die gewaltigen Lichtquellen sind in den Logen, auf Gerüsten und Balkenkonstruktionen angebracht. Mächtige Scheinwerfer, die früher in stürmischen Nächten die Forts an den Küsten der Adria wie weiße, gespenstische Körper aufleuchten ließen, Marinescheinwerfer warfen gestern ihr viele Millionen Kerzen starkes Licht auf die Zirkusmanege. Aus dicken Kabeln saugten sie die Kraft, die von niedlichen Instrumententischen aus geregelt wird.

   In einer der Mittellogen hatten sich die Regisseure und drei Operateure etabliert, ganz oben in der Deckenkonstruktion hing wie ein Schwalbennest eine Plattform, auf der ebenfalls ein Aufnahmeapparat seine Spinnenbeine spreizte. Photographen, die die Bilder für die Aushängekasten knipsen, lungerten herum, eine Musikkapelle intonierte einen Trauermarsch, Leute in Medizinermänteln liefen hin und her, schauten durch farbige Gläser zu den Bogenlampen empor und schrien den Beleuchtern Worte zu, die kein Mensch verstand. Aber endlich wurde es doch ernst. Ein Pfeifensignal und majestätisch öffneten die Diener den Manègeeingang, ein Artistenpaar tänzelte herein, verbeugte sich, ein smokinggekleideter Manager hielt das Seil und blinzelte zum Chefregisseur empor, der Zirkusakt nahm seinen Anfang. Die Lichtkegel der Scheinwerfer konzentrierten sich auf die beiden Gestalten, die in ihren glänzenden, violetten Trikots tollkühne Luftsprünge machten. Gemächlich kurbelten die Männer oben in der Loge, das Publikum klatschte Beifall, bis die Artisten ihre Bademäntel anzogen. Dann wurde die Szene noch einmal gedreht, noch einmal schwebten die beiden Hagenbeckleute in der Luft, ließen sich bewundern und stritten miteinander. So echt war die Vorführung, daß das Publikum auf die Scheinwerfer vergaß, die ihm die Augen schmerzen machte, daß die Kinder jubelten und sich ganz wie im wirklichen Zirkus Renz fühlten. Ueberhaupt, so echt die Zirkusdekoration gemacht worden war; obwohl man sich Artisten und Pferde von Hagenbeck verschrieben hatte, am echtesten waren doch die Zuschauer. Die Freude auf den Gesichtern, die erwartungsvollen Mienen, die Vielfältigkeit der Physiognomien gab ein so vortreffliches Zirkuspublikum ab, so viele originelle Typen befanden sich unter der Menge, die die zweitausend Sitzplätze gestürmt hatte, daß sich die Regisseure vergnügt die Hände rieben.

   Die Kunst, Leute glücklich zu machen und selbst einige hundert Millionen daran zu ersparen, war ihnen glänzend gelungen. Kein bezahlter Schritt hatte mit solch wundervoller Natürlichkeit in der Nase gebohrt, wie der Junge, der auf dem Schoß seiner Mutter saß und Orangenkerne auf die ländlichen Zuschauer fallen ließ, die die Estrade besetzt hielten. Keine Statistin wäre so echt gewesen, wie eine Mama, die ihren Sprößlingen zeigte, wie man auch noch Orangenschalen abknabbern könne, eine Beschäftigung, die sie während der ganzen Aufnahme nur einmal unterbrach: In dem Augenblick nämlich, in dem der Trapezkünstler den Mantel abwarf. Da mußte sie zeigen, daß sie auch von Films was verstehe. “Wie der doch dem 'Tschaplein' ähnlich sieht!” ruft sie begeistert aus. Aber schon wurde sie von einer etwas östlich orientierten Dame übertrumpft, die mit dicken Brilliantboutons in der Nebenloge saß, bewundernd zu Max Linder hinübersah und plötzlich entdeckte, daß der entzückende französische Chefregisseur immer “attention” sagte, wenn ein Mann mit blütenweißen Mantel ordinär “Achtung” schrie. Edith mit den nachtschwarzen Augen, die in Filmangelegenheiten schon deshalb immer bestinformiert ist, weil ihre Tante einmal von Max Linder mit “Pardon” angesprochen wurde, sieht bewundern auf die Zirkusdiener in Kniehosen, und frägt ihren Nachbar, in welchem Jahrhundert der Film denn spielen werde. In der ersten Reihe der Estradensitze gestikuliert ein Mann, der sich sogar ein Opernglas mitgebracht hat, wütend zu einer der Bogenlampen empor, die wie absichtlich ein kleines, zart weißglühendes Kohlenbröckelchen ausgerechnet auf seine Glatze fallen ließ.

   Aber solch kleine Zwischenfälle stören durchaus nicht die großzügige Aufnahme. Die Arbeiter haben mittlerweile den Sand in der Mitte der Manege weggeschaufelt und eine riesige Holzscheibe hereingerollt, die genau in die Mitte des Zirkus placiert wird. Eine zweite Plattform wird aufgesetzt, die auf kleinen Rollen auf der ersten läuft, schwitzend und schreiend drängen sich dort, wo noch vor einer Stunde der Artist bald das Genick gebrochen hätte, ein Dutzend Menschen die höchst geheimnisvolle Dinge vorzuhaben scheinen. Aber endlich wird auch dieses Mysterium geklärt.

   In der Mitte der Manege steht auf der Holzscheibe ein Aufnahmeapparat, ein Scheinwerfer, ein Stuhl, auf dem Max Linder sitzt, ein Operateur und der Dompteur Hagenbecks. Zwei Arbeiter sind vor eine Stange gespannt und drehen die ganze Plattform im Kreise herum. Vier feurige, allerliebste Zirkuspferde werden hereingeführt, in der Manege herumgetrieben und photographiert. Neugierig blinzeln die Tiere in den Scheinwerfer, der ihnen viel weniger Sorgen macht, als denen, die in der ersten Reihe sitzen und nicht einmal die Hand vor die Augen halten dürfen. Das sei doch “impossible” erklärt der Regisseur. Und der ist doch höchste Instanz.

   Langsam werden die vielen Bogenlampen, die großen, eckigen Jupiterlampen und die mächtigen Scheinwerfer ausgeschaltet, der Chef erklärt die Aufnahme für beendigt und entläßt huldvollst die Gäste, die sich glänzend unterhielten. Mit rotumränderten Augen treten sie auf die Straße, die nach dem grellen Licht der Aufnahmehalle noch trostloser aussieht, verkriechen sich fröstelnd in ihre Mäntel und sind noch voll der wunderbaren Eindrücke, voll der großartigen Aufmachung und imponierenden Kleinigkeiten. Die Gebäude der Vita liegen wieder friedlich und verlassen neben der Nervenheilanstalt am Rosenhügel, sehen ganz harmlos aus und bergen doch eine ganze Welt. Wenn auch nur eine Welt des Scheins, der doch so viele wenigstens für Augenblicke glücklich machte. (Reichspost, 9.3.1924)