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Moskau - 16. – 21. Dez. 1913 - "Zona" [D] <<<

Kiew - 24. Dez. 1913 - "Tsirk" [D]

>>> Odessa - 31. Dez. 1913 – 4. Jan. 1914 - "Gorodskom Teatre" [D]







St. Petersburger Zeitung, 28.12.1913 [russ.Kal.:15.12.13]:

 

 

  - Mißerfolg Max Linders in Kiew. Max Linder, der in Petersburg und Moskau sich im Sturme die Herzen der Kinematographen-Stammgäste erobert hatte, ist in Kiew weniger glücklich gewesen. Die zweite Vorstellung, die er im Zirkus von Kiew geben sollte, mußte ausfallen, weil infolge der hohen Eintrittspreise sich nicht genügend Zuschauer eingefunden hatten. Max Linder erklärte sich bereit, die Eintrittspreise zu ermäßigen. Sein Impresario hatte jedoch bereits Kiew verlassen, und die Kasse weigerte sich dem Publikum das Eintrittsgeld zurückzuzahlen. Es kam zu einem Skandal. Der Polizei gingen Beschwerden aus dem Publikum zu.

 

 

 

 

 

 

Neue Lodzer Zeitung, 3.1.1914 [russ.Kal.:21.12.13]:

 

 

Petersburger Bilderbogen.

VI.

(Von unserem Korrespondenten.)

 

   Sie werden wohl gehört haben, daß es dem ungekrönten König Europas – dem Franzosen Max Linder nämlich – in Kiew recht erbärmlich gegangen ist. Die Leute sind dort so wenig neugierig, daß es ihnen genügt, den gelenkigen Helden auf der Leinwand zu sehen. Die Vorstellung wurde also abgesagt; und als die wenigen, die doch hereingefallen waren, an der Kasse erschienen, um das Geld für ihre Eintrittskarten zurückzuverlangen, da waren die Vögel ausgeflogen. Der "König" samt seinem Impresario war bereits abgereist. Man erzählt sich, daß die Klügeren – diejenigen, die gleich von Anfang zuhause geblieben waren – sich ins Fäustchen lachten und sagten: "Das ist der beste Witz, den Max Linder je gemacht hat."

   Wer den Empfang gesehen hat, der dem Kinokönig in Petersburg bereitet wurde, dem ist die Haltung der Kiewer unbegreiflich. Denn hier, in der Residenz, gab es tagelang kein anderes Thema in den verschiedensten Kreisen, als Linder und nochmals Linder.

   Schon die Begrüßung auf dem Bahnhof deutete an, wie populär der Gast hier ist.

   Es ist wohl kaum im Laufe der letzten Jahre noch einer Persönlichkeit solch eine Ehrung zuteil geworden, wie Max Linder. Die Ironie des Schicksals wollte es, daß gerade zu gleicher Zeit auch der weltberühmte belgische Poet Verhaeren, der Sänger der Zukunft, nach Petersburg kam. Wie traurig sah das kleine Häuflein seiner Verehrer aus im Vergleich mit der Menschenmasse, die sich in Erwartung Max Linders auf dem Bahnsteig staute!

   Und dann begannen die Interviews. Das gehört ja heutzutage mit zum Kram. Die Zeitungen suchten einander zu überbieten, und jeglicher Unterschied zwischen Boulevard-Blättern und "ernster" Presse war verwischt. Da erfuhr man zu allererst, Max Linder sei trotz seines echt deutsch klingenden Namens ein Franzose, der kein Sterbenswörtchen Deutsch verstehe. Sodann wurden die "genauesten" Nachrichten über fabelhafte Honorare aufgetischt. Wenn ich nicht irre, berichtete man dem neugierigen Publikum sogar über die Familienverhältnisse des Helden.

   Es folgten natürlich spaltenlange Berichte über Vorstellungen Linders, der seine eigene Truppe mitgebracht hatte. Man sollte meinen, daß Rezensionen überflüssig sind, wenn man nicht andererseits auch alle Kinematographenvorstellungen besprechen will – anstatt dessen aber gab es am andern Tag in der Tat in den Zeitungen nichts anders zu lesen, als von Max Linder. Faktisch boten die Vorführungen nichts Neues im Vergleich mit dem Kino, wo das Ganze sich vielleicht noch effektvoller ausnimmt; höchstens konnte man sich dabei überzeugen, daß Max Linder wirklich ein äußerst pfiffiger und schneidiger Kerl ist, und daß sein Erfolg auf der Leinwand bloß auf seiner Geschicklichkeit, nicht etwa auf irgend einem Tric beruht. Ist das so wichtig?

   Für philosophisch veranlagte Menschen gab es da übergenug Material zum Nachdenken über das alte Thema: "Theater und Kino". Einerseits beweist ja der Triumphzug (im wahren Sinne des Wortes) Linders durch beide Residenzen einen völligen Sieg des Kinematographen. Andererseits liegt aber gewissermaßen eine Kapitulation darin, daß Max Linder, der anerkannte Meister des Kinos, plötzlich Lust nach einer wirklichen Bühne verspürt. Liegt denn nicht darin eine Bestätigung, daß die Mittel des Kinematographen selbst für die primitiven Stücke Linders nicht ausreichen?

   Der Mime selbst ist freilich anderer Ansicht. Er ist stolz und selbstbewußt wie jeder, der es zu etwas gebracht hat. Den Scharen der Interviewers, die ihn umringten, verkündete er das Evangelium des Kinos. Das Theater wird, seiner Meinung nach, allemal überflüssig; anstelle der Bühne tritt die Leinwand; anstelle der Stimme – der Phonograph.

   Wie läßt es sich erklären, daß der erklärte Liebling des Publikums in Kiew auf taube Ohren stieß, nachdem er in Petersburg und Moskau mit offenen Armen empfangen worden war? Taugte die Religion nichts oder gibt es in Kiew keine Jünger der Firma "Pathé frères"? Die Frage läßt sich schwer beantworten.

   Am Ende hat man in Kiew nach den Ereignissen der letzten Monate das Lachen verlernt? Das ist wahrlich nicht so sonderbar!

   Aber Herrn Max Linder, der von Politik nicht wissen will – er hat wichtigere Dinge im Kopf, wird diese Erklärung wohl kaum zum Trost sein. Es wird ihm wohl noch oft die bittere Erinnerung aufsteigen, daß er an  einem Orte – wenn auch nur in Rußland – nicht gezogen hat. Und wer weiß: wenn Sie nächstens auf der Leinwand im Casino oder im Odeon Max Linders schmerzerfülltes Gesicht sehen, welches stets unser Mitgefühl erregt – vielleicht denkt er dann gerade an das Mißgeschick, daß ihn in Kiew getroffen hat … M.W.