Übersetzung von: Don't Change Your Language, Picture-Play, May 1921

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Max Linder und die Berichterstatterin.

 

Ein Interview mit Schwierigkeiten.

 

 

   Das klingt wie der Titel eines Films, ist aber keiner, sondern nur der launige Bericht der Mitarbeiterin einer amerikanischen Filmzeitschrift, die es unternahm, den französischen Kinoliebling, der seit längerer Zeit einer amerikanischen Gesellschaft verpflichtet ist und “drüben” filmt, zu interviewen. Mrs. Emma Lindsay-Equier erzählt:

   Wenn man einen französischen Darsteller interviewt, lernt man mancherlei. Zuvörderst, daß der französische Wortschatz, über den man zu verfügen glaubt, leck ist wie ein Sieb; zweitens, daß ein Dolmetsch der bessere Teil der Sprachkenntnis ist, und drittens, daß, wenn man sich einbildet, Französisch zu sprechen, ein paar Minuten Gespräch mit einem Französen einen von dieser Einbildung derart gründlich heilen, daß man sich bestürzt fragt, was das denn eigentlich für eine Sprache war, die man in der Schule als Französisch gelernt hat.

   Ich hatte mir sagen lassen, daß es mit Maxens Englisch nicht sehr weit her sei, aber was focht mich das an? Hatte ich nicht zwei Jahre lang mit der französischen Sprache gerungen – die Grammatik von Fraser und Squair machte den Unparteiischen -, war ich nicht schließlich aus dem Kampfe mit der Zensur 1 und mit einem Haufen unregelmäßiger Zeitwörter hervorgegangen, in deren Konjugation ich Bescheid wußte? Hatte ich nicht sogar den “Cyrano de Bergerac” im Original gelesen und mich dessen öffentlich gerühmt? Ich konnte im Restaurant “Omlette soufflée” fehlerlos bestellen, und einmal hatte ich sogar zu einem französischen Oberkellner “Bon jour” mit so vollendetem Pariser Akzent gesagt, daß der Mann ordentlich erstaunt aufblickte. Warum sollte mir also ein Interview mit Max Linder Sorge machen? Ich erklärte Maxens Sekretär, der den Dolmetscher machen und Maxen ins Englische und mich ins Französische übersetzen wollte, hochmütig, ich könne selbst Französisch genug und bedürfe seiner Dienste nicht.

   Er war ein Mann, und er nahm mich beim Wort. Ich bin eine Frau, und ich bereute es nachher. Er hätte es wirklich wissen können.

   Also der Ort des Interviews ist irgendwo, die Zeit irgendwann in der jüngsten Vergangenheit, und der Schauplatz ein Kaffeehaustisch. Die Kämpfer in dem Sprachenduell waren Max Linder und ich. Dann war noch der Dolmetscher da, aber er half uns nicht viel.

   Max ist von kleiner Gestalt mit braunglänzenden, außerordentlich lebhaften Augen. Sein Gesicht ist wunderbar ausdrucksvoll, und seine Hände sprechen sämtliche Sprachen der Welt. Er illustriert alles, was er tut, mit Bewegungen und Gesten, ob er nun einen Knopf annäht oder am Fieber stirbt. Er ist beständig auf dem Sprunge, schnell in Rede und Bewegung und der geborene Pantomimiker. In Augenblicken der Emphase legt er einem gern die Hand freundschaftlich auf den Arm. Seine Kleidung ist ausgesprochen kontinental-europäisch, also weder englisch noch amerikanisch, smart und dabei unauffällig. Er hat sehr kleine Füße, und seine Schuhe haben hohe geschweifte Absätze.

   So viel von Max Linder. Was sich nun abspielte, ist folgendes:

   Ich (mich niederlassend): Oh, Monsieur, je suis so erfreut zu treffen vous!

   Max (erfreut, daß er zwei Worte verstanden hat):

   Ich (beiseite zu dem Dolmetscher): Schnell, um Himmelswillen..., wie heißt “ich bin erfreut” auf Französisch?

   Der Dolmetscher (achselzuckend): Keine Ahnung!

   Ich (hohnvoll): Und so was bildet sich ein Französisch zu können! (Zu Max). Sagen Sie mir, Monsieur, wieviele Jahre … ans avez vous gewesen in diesem Lande …, pays?

   “Max (erfreut, daß er zwei Worte verstanden hat): Oh, Mademoiselle je suis ici depuis - -

   Und nun legte er los, im Tempo von sechzig Meilen die Stunde. Ich saß hilflos da, hie und da ein Wort aufschnappend, als der Strom vorbeibrauste, und im übrigen hie und da, ab und zu mit dem Kopfe nickend wie eine Gliederpuppe, um Verständnis zu markieren. Zum Schlusse sagte er etwas, was ich nach dem Tonfall für eine Frage hielt. Ich nickte heftig mit dem Kopfe, worauf er dem Kellner rief und ihm auf Französisch etwas sagte. Der Kellner verschwand und brachte mir einen Bohnensack. Offenbar hatte Max gefragt, ob ich einen solchen wollte.

   Jetzt nahm an Maxens Statt der Dolmetsch und Sekretär das Wort und sagte:

   “Herr Linder befindet sich seit zwei Jahren in Amerika. Er hat zwei Jahre lang den Krieg als einfacher Soldat mitgemacht, trug eine Verwundung und eine Gasvergiftung davon, wurde geheilt und zu Propagandazwecken nach Italien geschickt. Später wurde er vom Militär entlassen und ging nach den Vereinigten Staaten, um einen Film “Max geht nach Amerika” zu spielen. Dann kehrte er auf einige Zeit nach Frankreich zurück, kam aber wieder nach Amerika, und zwar auf Grund eines zweijährigen Kontraktes mit der Robertson-Cole Company, der ihn verpflichtet, in acht Filmstücken zu spielen. Die Aufnahmen zu “Sieben Jahre Pech”, dem ersten dieser Stücke, sind eben fertig geworden, und die Aufnahmen zu dem zweiten Stück “Zu hitzig” (Too much Pep) sind eben im Gange.”

   Ich dankte ihm, einigermaßen pickiert. Er hatte so ein fatales Lächeln, das mir gar nicht gefiel. Was sich Max Linder dachte, wußte ich nicht, aber jedenfalls wußte er seine Gefühle geschickt zu verbergen. Er lächelte mir sogar ermunternd zu, als ich in meinem besten Französisch die Frage herausbrachte (ich hatte mir den Satz vorher langmächtig überlegt), wie lange er, Max, beim Film sei.

   “Oh, Mademoiselle,” sagte Max mit seinem unwiderstehlichen Lächeln, “ich bin, was Sie – er dachte einen Augenblick nach – einen Pionier im Film nennen. Ich begann depuis dix-sept ans en Paris, bevor le cinématographe kam nach Amerika.”

   Ich nickte, als ob ich verstanden hätte, und zog mich auf meine Bohnen zurück, während ich den Satz überdachte. Nach reiflichem Nachdenken kam ich zu dem Schlusse, Max habe sagen wollen, daß er in Paris siebzehn Jahre früher gefilmt habe, bevor der Film Amerika eroberte.

   Oh, mon Dieu” sagte ich “Wie interessant!”

   Jetzt begann Max Linder seinerseits zu sprechen.

   “Ick 'aben spielt die erste Film – la première comédie, comprenez-vous – die über'aupt gemakt worden, und wir maken eine Comédie pro Tag. Wir arbeiten von neun Uhr morgens bis vier Uhr namitak, und dann der Comédie … er sein fertig!”

   So hatte er denn mannhaft die steilen Höhen der englischen Sprache gestürmt, die wir hier in irgendein Deutsch “übersetzt” haben. Jetzt kam ich wieder an die Reihe und machte verzweifelte Anstrengungen, um ihm verstehen zu geben, daß ich von ihm etwas über den Unterschied zwischen dem amerikanischen und dem französischen Film wissen wollte; aber von allem, was ich sagte, verstand er offenbar nur ein Wort, das Wort “risqué” (gewagt).

   “Die französische Film … sie sein gewagt?” wiederholte Max, wobei sein Gesicht ehrlichen Protest verriet. “Aber nein, nein, Mademoiselle, ick versickere Ihnen!”

   Und nun brach er leidenschaftlich in ein mir unentwirrbares Gemenge ineinander verfilzter Zeitwörter, Eigenschaftswörter und Hauptwörter aus. Sein Hammelkotelette wurden kalt, während er seinen Monolog hervorsprudelte. Ich glaubte soviel entnehmen zu können, daß die französischen Films keineswegs risqué seien.

   “Ja,” sagte er zum Schlusse, “die französische Theater … sie sein gewagt; aber die Film – o nein, nein, nein!”

   “Purkwa pah?” sagte ich, und war ordentlich stolz, daß ich nur ein paar Augenblicke Nachdenken gebraucht hatte, um herauszubekommen, wie “Warum nicht?” auf Französisch heißt.

   Darauf folgte von Maxens Seite ein Achselzucken, eine Reihe lebhafter Gebärden und ein ebenso lebhaftes Mienenspiel. “Ins Theater gehen nur Leute, die haben eine Menge Geld. Die wollen für ihr Geld auch etwas sehen. Aber der Film – er sei für die Kinder, für die ganze Welt; comprenez-vous? Und darum man muß beim Film immer sehr aufpassen. Ick niemals make eine Film, die sein gewakt – niemals!”

   Als Max geendet hatte, machte der Dolmetsch, der zugleich auch Maxens Sekretär ist, zu seinem Herrn eine Bemerkung. Ich verstand soviel, daß alles zur Aufnahme bereit sei, und Max ins Atelier gebeten werde. Denn Max spielt seine Filme nicht nur, er führt auch die Regie.

   Beim Abschied war Max charmant und versuchte mich glauben zu machen, daß ihm die Begegnung mit mir große Freude gemacht habe. Die Franzosen sind doch liebenswürdige Heuchler! (Sport Tagblatt, 16.7.1921)