Max Linder und die Löwin.

 

   In einer französischen Zeitschrift erzählt Max Linder in amüsanter Weise, warum er vor einiger Zeit einmal von einer Löwin angefallen worden war. Er stellte in Universal City sein neuestes Stück “Sieben Jahre Pech”. Darin kommt nun eine Szene vor, in der der Held, von Polizisten gehetzt, endlich in einen Löwenkäfig flüchtet. Max war nicht sehr begeistert von dieser Aussicht, just in einen Löwenkäfig Unterschlupf zu finden, aber man sagte ihm, die vierbeinigen Pleglinge von Universal City seien alle vollständig zahm und an das “stellen” gewöhnt. Insbesondere die Löwin “Lucille” sei überaus photofreundlich, so daß er sicher nichts zu befürchten habe.

   Vom Direktor hiezu aufgefordert, entschloß sich Max, der Löwin seinen Antrittsbesuch abzustatten. Er fand wirklich eine sehr liebevolle Aufnahme, und die gegenseitigen “Beziehungen” gestalteten sich recht freundschaftlich und herzlich. Max war entzückt und fand, daß die “wilden” Tiere entschieden viel besser seien als ihr Ruf, und daß man die “Wildheit” insbesondere der Löwen augenscheinlich sehr übertreibe.

   Am nächsten Tage wurde also zum ersten Male “gestellt”. Von allen Seiten verfolgt, sprang Max richtig in den Löwenkäfig. Es schien ihm, als sei Lucille heute nicht so begeistert von seinem Besuch wie gestern, aber, tapfer wie Max schon ist, ließ er sich ruhig im Sand neben der Löwin nieder. Diese Vertrautheit nahm Lucille ihm jedoch gewaltig übel – und biß ihm ziemlich heftig in die linke Schulter, ehe der Ueberraschte sich noch irgend zur Wehre setzen konnte. Er hatte sie in keiner Weise gereizt – diese Aeußerung ihres Unwillens kam ganz plötzlich. Natürlich gab es einen kolossalen Aufruhr: Wärter mit Eisenstangen kamen daher, die Szene wurde abgebrochen. Max, der sehr erschrocken war, wurde gleich in Sicherheit gebracht und verbunden. Der Direktor, dem man die Schreckensnachricht hinterbrachte, kam angestürzt und bat Max tausendmal um Verzeihung, denn eigentlich sei er schuld an dem Unfall. Er hatte es unterlassen, Max darauf aufmerksam zu machen, daß die verwöhnte “Lucille” schlechtgekleidete Besucher nicht liebt! Bei der ersten Visite war Max im Salonanzug erschienen; da wurde er auch wie ein Gentleman empfangen, heute, im Spiel, war er als Strolch in den Käfig geschlüpft – das ließ sich Lucille einfach nicht gefallen. Außerdem hatte Max geraucht, und auch das liebt die verwöhnte Löwin von Los Angelos nicht. Zum Glück war die Wunde Max Linders nicht von Bedeutung, und er rächte sich an der ungemütlichen Lucille, indem er an ihren Käfig einen Zettel anbrachte, mit der Inschrift: “Käfig für einzelne Löwinnen! Man bittet, nicht zu rauchen und vor dem Besuch sorgfältig Toilette zu machen!” Ob die Löwin sich gerade sehr über Maxens Spott geärgert haben wird! - -

   Tatsächlich sehr amüsant, die Geschichte von Max Linder und der Löwin Lucille. “Ob ise aber wahr?” (Sport Tagblatt, 18.4.1921)