Das Ehedrama Max Linders

 

 

   In der Nacht auf den Sonnabend hat, wie wir schon in der Sonntagnummer gemeldet haben, der bekannte Filmschauspieler Max Linder mit seiner Frau im Hotel Baltimore in Paris Selbstmord verübt. Linder und seine Frau wurden, durch Veronal und Morphium vergiftet, mit durchschnittenen Pulsadern von den Hotelangestellten aufgefunden und starben beide im Krankenhaus.

   Warum der fröhliche Max Linder mit seiner sehr jungen Frau – er hatte die damals 18jährige erst vor zwei Jahren geheiratet – in den Tod ging, ist noch nicht völlig aufgeklärt. Allem Anschein nach handelt es sich hier um die Tragödie eines schwerblütigen Menschen, wie wir sie ja namentlich häufig unter den Komikern finden, die vor Lustigkeit förmlich zu sprühen scheinen, während der Grundzug ihres Wesens tatsächlich eine tiefe Melancholie ist. Die Berichte der Leute, die das Ehepaar Linder kannten, und glauben, einen Einblick in die Verhältnisse zu haben, gehen auseinander. So erzählt ein Wiener Freund Max Linders, daß dieser von der Eifersucht seiner jungen Frau so fürchterlich gequält wurde, daß er wiederholt Selbstmordgedanken äußerte und auch tatsächlich schon einmal in Wien mit seiner Frau große Mengen Veronal nahm, so daß die Eheleute nur mit großer Mühe vom Tode gerettet werden konnten. Ueber die Vorgeschichte dieser Ehe wird berichtet, daß Linders Frau, eine geborene Peters, die uneheliche Tochter einer Schauspielerin und eines sehr reichen Mannes war, der ihr eine sorgfältige Erziehung angedeihen ließ und eine Mitgift von zwei Millionen Franken gab. Das junge Mädchen verliebte sich in den berühmten Filmschauspieler, und von ihrer Exaltiertheit zeugt es, daß sie ihm von der Schweiz, wo sie ihn kennengelernt hatte nach Paris nachreiste und mit ihrem Selbstmord drohte, wenn er sie nicht heiraten werde. In der Tat ließ sich Linder zu der Ehe bewegen, die jedoch nur ganz kurze Zeit glücklich blieb, und ihm später durch die Eifersucht der Frau zur Hölle gemacht wurde.

   Gerade das Gegenteil dieser Darstellung von den Motiven der Tat Linders behauptet der Genfer Detektiv Rochat, der behauptet, er sei von Linder beauftragt worden, seine junge Frau, die sich damals mit ihrem 18 Monate alten Töchterchen in Glion bei Montreux befand, genau zu überwachen. Der Detektiv glaubt nicht an einen “Doppelselbstmord”, sondern deutet an, daß die junge Frau nicht freiwillig gestorben sei. Wie dem immer sei, es scheint sich ausschließlich um eine Tragödie zu handeln, deren tiefere Gründe lediglich in dem Verhältnis zwischen Mann und Frau lagen.

   Der Name Max Linders ist mit den Anfängen der Filmkunst unzertrennlich verknüpft. Er war der erste in der Reihe jener Filmhumoristen, die die leise Tragik des unter unauslöschlichem Gelächter ewig mit der Tücke des Objekts kämpfenden Menschen auf das wandelnde Bild übertrug, der Typ, der in Charlie Chaplin die Vollendung erreicht hat. Max Linder kam vom Varieté. Er hieß mit seinem wahren Namen Levielle. Stammte aus der Gegend von Bordeaux und hatte auch dort seine Theaterlaufbahn begonnen. Als Kinoschauspieler versuchte er sich zum ersten Male vor 20 Jahren. Er war wohl Jahre hindurch fast in der ganzen Welt der volkstümlichste Kinoschauspieler. Er erwarb ein riesiges Vermögen und ist als sehr reicher Mann gestorben. Noch vor wenigen Tagen hatte er eine Million Franken in 45 Arbeitstagen verdient. Vor einigen Wochen war er von der Ehrenstelle eines Präsidenten des Vereins der Kinoregisseure geschieden und er hatte diesen Rücktritt mit so seltsamen Vorwänden begründet, daß bereits damals seine Freunde über seinen Nervenzustand sehr beunruhigt waren. Freilich ahnte niemand, daß er seine häufigen Aeußerungen der Lebensunlust so bald und auf so grausame Weise in die Tat umsetzen würde. Max Linder ist nur 39 Jahre als geworden. (Vossische Zeitung, 3.11.1925)