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Wien - 15. – 30. Nov. 1912 - "Ronacher Theater" <<<

Berlin - 2. – 31. Dez. 1912 - "Wintergarten"

 







Berliner Börsen Courrier, 1.12.1912:

 

 

  Der bekannte Kinodarsteller Max Linder ist gestern nachmittag hier eingetroffen und wird von morgen ab in einem selbstverfaßten Sketch mit einer eigenen Truppe im Wintergarten auftreten. In seiner Begleitung befinden sich die Inhaber der Pariser Filmfirma Pathé Frères, die die Absicht haben, in Berlin eine eigene Filmfabrik zu errichten. Sie hoffen, auf diese Weise den Geschmack des deutschen Publikums, das einen großen Teil ihres Abnehmerkreises überhaupt darstellt, näher zu kommen.

 

 

 

 

 

 

Vossische Zeitung, 4.12.1912:

 

 

      Der Wintergarten hat sich für das neue Programm eine Sensationsnummer ersten Ranges aus Paris importiert, den bekannten Filmschauspieler Max Linder. Der eigentlichen Vorstellung des Künstlers ging eine heitere Einleitung per Kinematographen voraus, in der Linder durch seine Eile, nach Berlin zu kommen, in alle jene Situationen gerät, in der er das Kinopublikum schon so oft unterhalten hat. Nach allen möglichen Fährlichkeiten erreicht er Berlin endlich vermittelst eines gefälligen Luftballons. Auf dem letzten Kinobilde nimmt Linder von dem Ballonführer Abschied und gleich darauf sieht man ihn in höchsteigener Person sich an dem Strick herablassen und auf der Bühne erscheinen, wo der lebhafte kleine Franzose mit lautem Beifall empfangen wurde. In dem nicht gerade sehr ästhetischen, aber recht drolligen Sketch "Hühneraugenoperateur aus Liebe" wirkt der Schauspieler ebenso wie in den bekannten Filmnummern durch seine außerordentlich ausgebildete Mimik, seine Beweglichkeit und seinen Humor, der ihm auch beim gesprochenen Wort treu bleibt. Am Schluß überbot sich das Publikum in Beifallsbezeugungen. Eine begabte Tänzerin von großer Schönheit ist die Sahary-Djeli. Sie führte ihre orientalischen Tänze mit Gewandtheit und Grazie aus; in der Vergiftungs- und Sterbeszene traten auch schauspielerische Talente zutage, die ihr einen vollen Erfolg sicherten. Eine wunderhübsche equilibristische Neuheit brachten die Zanfrellas. Auf einem hohen, sehr kleinen drehbaren Pidestal führen beide Partner, ein Herr und eine Dame, ihre ganz eigenartigen Kunststücke bei verdunkelter Bühne aus, doch befinden sich die beiden Equilibristen innerhalb eines Lichtkreises so, daß ihre Silhouetten innerhalb dieses Kreises auf dem Prospekt sichtbar werden. Da die Leistungen der Zanfrellas sehr hervorragend sind, und außerdem auf die Schönheit der Schattenbilder große Sorgfalt verwendet wird, bietet die Nummer einen doppelten Genuß. Lipinskys 40 Komödienhunde spielen ihre "Abenteuer eines Betrunkenen" mit der Routine, die durch vielfache Wiederholungen erzielt wird; die Shelveys sind Kontorsionisten, bei denen der Uneingeweihte sich fragen mag, ob die gütige Natur ihnen nicht einige Gelenke mehr verliehen, als anderen Sterblichen; und auch der Jongleur Wieland und die Familie Schwarz mit der Burleske vom Zerbrochenen Spiegel fügen sich gut in das vortreffliche Programm ein.

 

 

 

 

 

 

B.Z. am Mittag, 4.12.1912:

 

 

Max Linder im Wintergarten.

 

   Max Linder – wie wir ihn seit Jahr und Tag nun von der Leinwand kennen. Der ewig Unpünktliche, der durch Ueberhast Versäumtes einbringen will und zur Strafe dafür vom tückischen Objekt in unverantwortlichster Weise verfolgt und gehetzt wird. Wie oft haben wir ihn schon im Film unter zusammenstürzenden Möbeln begraben, von einer Schar wütender Menschen durch die Straßen oder über Dächer gejagt.

   Gestern abend – es war sein Premierenabend im Wintergarten – hatte er wieder einmal auf Zeit und Pflicht vergessen. Der Regisseur mußte ihn erst in seiner Pariser Wohnung telephonisch anrufen, um ihn zu erinnern, daß das Publikum auf ihn warte. Auf der Filmleinwand sahen wir seinen Schrecken, die grotesken Hindernisse, die sich daheim und auf der Straße seiner Abreise entgegenstellten, endlich seine Abfahrt in einem Freiballon, dem er zufällig begegnete. Endlich schwebt er im Ballon über Berlin. Immer tiefer kommt er, und ohne erst die Landung abzuwarten, klettert er aus Wolkenhöhe an einem Seil herab. Dann plötzlich Donnergepolter, Ziegelsteine prasseln auf die Bühne herab, der Film verschwindet und aus den Soffitten gleitet an einem Tau Max Linder in zerfetzter, beschmutzter Kleidung, genau wie er auf dem Film eben erst zu sehen war, auf die Bühne. Dort spielt er dann eine kleine Groteske: “Hühneraugenoperation aus Liebe”, ein Filmscherz mit Wortbegleitung, in dem witzige Zungenfertigkeit seine gelenkige Komik noch erhöht.

 

 

 

 

 

 

Berliner Morgenpost, 4.12.1912:

 

 

    Max Linder im Wintergarten. Für den letzten Monat des Jahres hat die Direktion des Wintergartens ein Programm zusammengestellt, das nicht leicht zu überbieten sein wird. Fred St. Onge und Miß Efesteo geben einen hübschen Radfahrakt, die Zahnfrellas bringen eine equilibristische Nummer, die so sauber und vornehm ausgeführt wird, daß auch der gern applaudiert, der kein besonderer Freund dieser Kunst ist. Einen alten guten Bekannten begrüßt man in Lipinski, der mit einem neuen Hundedressurakt aufwartet. Ueberaus lustig ist der Jongleur Weiland, und dann kommt die Sensation des Abends, der vom Kino her weltbekannte Max Linder aus Paris, der in seinem Sketch: Aus Liebe Hühneraugenoperateur" alle Minen seiner grotesken Komik springen läßt. Wie er als falscher Hühneraugenoperateur den Ehegatten seiner Geliebten malträtiert, das ist so maßlos komisch, oft schon fast zu maßlos, daß "kein Auge trocken" bleibt - natürlich vor Lachen. Mlle. Sahary-Djeli in einer indischen Pantomime, Jeanette Denarber in einer sehr effektvollen Ballonszene, eine Burleske von Camillo und Karl Schwarz und die Sunshine Girls vervollständigen das wirklich hervorragende Programm.

 

 

 

 

 

 

Berliner Börsen-Courier, 5.12.1912:

 

 

    es ist eine kleine Sensation. Denn Linder, den wohl jeder von irgendeinem Pathé-Film her kennt, tritt hier in einem Sketch in eigener Person auf und bietet die Möglichkeit, das Original mit dem Abbild zu vergleichen. Und dieser Vergleich fällt nicht zu ungunsten des originellen Originals aus: Linder zeigt sich auch hier als der unnachahmlich liebenswürdige, unendlich fixe, gewandte und charakteristische Darsteller, dessen Mienenspiel so plastisch und ausdrucksvoll ist, dass auch die nicht französisch Verstehenden ohne weiteres der lustigen Handlung in all ihren Phasen zu folgen vermögen. Schon der Auftakt des Sketchs: "Aus Liebe Hühneraugenoperateur (Pédicure pour amour) ist ungewöhnlich. Man sieht da kinematographisch, wie Linder sich in seiner Pariser Wohnung zur Fahrt nach Berlin rüstet, sieht diese mit tausend Hindernissen und Schwierigkeiten verknüpfte Fahrt selbst, sieht Linder die Reise im Luftballon zurücklegen, sieht - nun aber in voller Wirklichkeit - wie Dachziegel infolge der Landung des Ballons auf die Bühne prasseln, und Linder dann persönlich, in der Kleidung etwas mitgenommen, am Schleppseil hinunter auf die Szene klettert. Wenig später beginnt der Sketch, in dem Linder unter stürmischem Beifall einen Liebhaber gibt, der die Rolle des Hühneraugenoperateurs übernimmt, um die angebetete Frau nicht in Verlegenheit zu stürzen. - Der Wintergarten hat mit dieser Akquisition einen ebenso guten Griff getan, wie mit all den übrigen Nummern, die ein Programm von seltener Güte bilden. Camillo und Karl Schwarz entfesseln herzliches Lachen mit ihrer bekannten köstlichen Burleske "Der zerbrochene Spiegel", The great Weiland, der renommierte Jongleur, erfreut durch sein Können und seinen Humor, und Lipinskis wunderbar dressierte vierzig Komödienhunde begegnen ebenso lebhafter Anerkennung, wie Jeanette Denarbers gespenstiger Flug durch den verdunkelten Zuschauerraum oder die ausgezeichneten Equilibristen Zanfrellas, die Kontorsionisten Shelvey Boys und der Radfahrakt von Fred St. Onge und Miss Efestco. Die Sunshine Girls tanzen, mehr als Tanz schlechtweg aber bietet Sahary-Djeli in der Pantomime "Die Liebe erwacht", in der sie unerhörte Geschmeidigkeit und Anmut zeigt, und die sie mit einem Brillanteffekt - einem verblüffend ausgeführten Todessturz - beschliesst.

 

 

 

 

 

 

Berliner Börsen-Zeitung, 5.12.1912:

 

 

    - Der Wintergarten besitzt augenblicklich eine Zugnummer ersten Ranges: Max Linder. Dieser junge Mann mit dem deutschen Namen ist ein Stockfranzose. Was mag seinen deutschen Ahn vor langer Zeit veranlaßt haben, sich in Frankreich niederzulassen? Das Auftreten Linders wirkt sensationell aus einem ganz anderen Grunde, als ihn sonst in Spezialitäten-Etablissements die Auftretenden bieten. Er beweist ersten, daß das Kinematographen-theater auf die Dauer dem Publikum nicht genügen kann, und kommt ihm deshalb in einem Einakter - Sketch sagen die "Gebüldeten" - entgegen, und sodann zeigt er, daß man, um Erfolg zu erzielen, eben nur das Einfache, Wahre, und nichts Sensationelles nach landläufigen Begriffen zu leisten braucht. Er wird uns also zuerst als Kino-Schauspieler in einer Verfolgungsszene vorgeführt; man sieht schließlich, das er sich, "um rechtzeitig in Berlin einzutreffen", aus einem Ballon auf der Schleifleine herabläßt. Nun wird das Filmbild Wirklichkeit und vor der weißen Wand läßt sich Linder in Person herab, um sich dem Publikum leibhaftig zu zeigen. Und jetzt beginnt der Sketch - das gebüldete Programm wählt auch diesen uns Deutschen unverständlichen Ausdruck. Unverständlich nur in bezug auf die Bühne; denn was eine Skizze ist, wissen wir am Ende, verlangen aber, daß ein Theaterstück mehr als Skizze sei. Der Einakter, in dem Max Linder auftritt, heißt: "Aus Liebe Hühneraugenoperateur". Eine verheiratete Frau läßt sich die Füße von einem Fußheilkünstler in Ordnung bringen und in demselben Augenblick, da sie ihren nackten gepuderten Fuß darbietet, erscheint Max, ihr Liebhaber. Er schickt den Operateur weg und beginnt, der Frau die Liebe zu gestehen. In diesem Augenblick kommt der Gatte von der Billardpartie heim - und Max weiß sich nicht anders zu helfen, als daß er tut, er wäre der Hühneraugenoperateur. Mit Freude hört Mons. Durand, der Gatte, davon und bittet Max, auch sein Hühnerauge zu operieren, da es ihm Schmerzen verursache. Jetzt ist der Galan in Verzweiflung, aber was hilfts, er muß daran gehen, soll nicht alles verraten sein. Man begreift, daß die Situation sehr spannend und kitzlig ist. Wie der arme Gatte aber vom Ungeschickten malträtiert wird, das erheitert groß und klein. Endlich kommt der eifersüchtige Gatte doch dahinter, daß Max gar kein Operateur sei, und es entwickelt sich eine blutlose Schießerei. Dazwischen aber war Max noch einmal mit der Geliebten allein, weil ihr Gatte dem wirklichen Operateur nachsetzte, der sich fortschleichen wollte aus dem Boudoir der Herrin des Hauses und dabei eine Vase umwarf. Max und Frau Durand hören einen Leierkasten spielen und tanzen einen neumodischen Tanz. Wie man sieht, eine ziemlich naive "Dichtung". Aber wie spielen die Franzosen! Linder selbst ist in allen Situationen diskret und wirkt komisch einzig durch die Hingabe an die Szene und die Naturwahrheit, mit der er dem Augenblick gerecht wird. Auch Mlle. Leonora verdient, gerühmt zu werden. Sie lebt die Situation. Und wie küssen sich die Franzosen! Ja, das ist Naturalismus und Poesie zugleich. Man lerne es! Der Erfolg des Sketchs - sprich Sketchs, würde Wippchen sagen - war enorm. Die letzte Szene mußten Linder und Leonora sogar wiederholen, aber das Publikum wollte gar nicht zu applaudieren aufhören. Es war begeistert, einfach durch geniales Komödienspiel. Es ist eben noch immer verflucht gescheit, das Publikum, wie beschränkt der Einzelne auch sein mag.

    Auch die übrigen Gaben des Abends verdienen, gerühmt zu werden. Die reizende Radfahrerin Miß Efesteo, die Zanfrellas mit equilibristischen Neuheiten, daß man den Atem vor Angst anhält, die Hunde Lipinskis, welche Betrunkene spielen, Orgeln drehen, ins Telephon bellen ec. die Kontorsionisten Shelvey Boys (von Contorcere aus dem Italienischen, das Verdrehen heißt) und der komische Jongleur Weiland, der sich bei jedem mißlungenen Trick von der Ohrfeigenmaschine bearbeiten läßt, bildeten den ersten Teil. Im zweiten Teil sahen wir Sahary-Djeli in der Pantomime "Die Liebe erwacht". Ein sehr schönes Mädchen mit sehr schönen Beinen zeigt uns, wie man Anbeter durch Gliederverrenkungen statt abzuweisen noch mehr hinreißt und wie man, wenn man den Liebestrank genossen hat, die Folgen durch Bauchtanz und Schlangenwindungen anzeigt. Dann wird die schöne Odaliske jedoch vergiftet und stirbt in rhythmischen Windungen, bis sie über eine Treppe herabfällt. Wäre sie nicht so schön, die Pantomime hätte vielleicht die große Wirkung nicht erzielt. Nach Linder, der der Odaliske folgte, produzierte sich noch Jeanette Denarber mit ihrem Ballon, wurde der Scherz "Der zerbrochene Spiegel" aufgeführt und dann kamen die Sunshine Girls und der Biograph - fast zu viel für einen Abend.

 

 

 

 

 

 

Berliner Tageblatt, 5.12.1912:

 

 

  - Im Wintergarten Zwischen der Filmbühne und dem Theater ist eine sonderbare Wechselwirkung zutage getreten. Schauspieler von Ruf machen einen Sprung von der Bühne zum Kino und mimen auf der weißen Filmwand, und Filmmimen wieder, die ihren Ruf erst im Kinema sich erworben haben, gehen auf die Bühne, um sich auch in natura und nicht nur auf der Leinewand zu zeigen. So hat jetzt der Wintergarten einen der populärsten Filmschauspieler der Welt auf seine Bühne gebracht: Max Linder, den urkomischen Pariser Max Linder, der auf einer Legion von Filmszenen Millionen von Menschen hat lachen machen. Denn Linder ist immer komisch und kann zu Thränen rühren, kein Trik ist ihm zu wagehalsig, wenn er nur komisch wirkt. Er spielt im Wintergarten einen Sketsch “Hühneraugenoperateur aus Liebe”, eine Szene, die schon, als sie gefilmt wurde, zu hellem Lachen reizte. Linder gebraucht auch im Wintergarten noch den Film, aber nur zu einem sehr lustigen Entree. Als seine Nummer beginnen soll, tritt ein befrakter Schauspieler auf die Bühne, zuckt die Achseln und meldet, daß der Held noch immer nicht erschienen sei, geht dann an ein an der Kulisse hängendes Telephon, läßt sich mit – Paris und mit Linder verbinden, der die Zeit verschlafen und den Zug nach Berlin verpaßt hat. Dann setzt der Film ein. Linder springt aus dem Bett, wirft alles durcheinander, rennt dann auf der Straße alle Welt über den Haufen und steigt ganz zerschunden zuguterletzt in einen Ballon, der endlich über dem Häusermeer Berlins erscheint. Die Landung naht. Vom Schnürboden fallen Papierballen und Flaschen herab, ein dickes Seil gleitet herunter, und daran klettert der glücklich gelandete Linder, zerschunden, wie er auf dem Film zu sehen war, zu Boden und hält einen kleinen Begrüßungsspeech. Dann erst beginnt der Sketch, in dem neben Linder noch die scharmante Mlle. Leonora und die Herren Vandenne und Delson zu agieren haben. Der Filmheld mit den großen sprechenden schwarzen Augen ist ein Groteskspieler von bezaubernder Komik, und selbst wer kein Wort von dem Französisch verstand, das man auf der Bühne sprach, wurde in den Bann des lustigen Stückchens gezogen. So bis in die kleinsten Details ist das Minenspiel ausgefeilt, so drastisch wirkt die Situation, die aus einem Liebhaber einen Hühneraugenoperateur wider Willen macht. Linder holt sich bei seinem Debüt zahllose Hervorrufe. - Aus dem übrigen Programm sind die berückende Tanzszene der Sahara Djeli, die zwerchfellerschütternde Burleske “Der zerbrochene Spiegel” von Camillo und Karl Schwarz, der komische Jongleur Weiland und die hübsche Ballonszene der flotten Jeanette Denarber zu nennen.

 

 

 

 

 

 

Berliner Allgemeine Zeitung, 5.12.1912:

 

 

   Max Linder im Wintergarten. Erste Schauspielkräfte haben ihre Darstellungskunst in den Dienst des Kino gestellt – in umgekehrter Folge vollzog sich jetzt ein Experiment im “Wintergarten”. Max Linder, den man bisher nur von der Leinwand her kannte, spielte die Hauptrolle in einem selbstverfaßten Sketch "Hühneraugenoperateur aus Liebe". Ein Beifallssturm begrüßte den Liebling aller Kinobesucherinnen, als er nach mancherlei Fährlichkeiten auf seiner Ballonfahrt Paris-Berlin, die eine ausgezeichnet gelungene kinematographische Darstellung geschickt veranschaulichte, und nach einem Sturz durch das Dach endlich, zerrissen und zerfetzt, auf der Bühne des Wintergartens landete. Und nun kam der Darsteller Max Linder, dessen Verlegenheitskomik schon so manchem Kinobesucher Tränen entlockt hat, zu Wort. Dieser Schauspieler, das zeigte sich in den ersten Minuten, ist – es war nicht anders zu erwarten – ein Meister der Geste, aber auch – und das überraschte – auch des Wortes. Linder plaudert in einer so überaus liebenswürdigen Weise und ist als beinahe ertappter “Hühneraugenoperateur” von so köstlicher Unverfrorenheit, daß man diesem Schwerenöter nicht böse sein kann. Eins freilich entgeht dem aufmerksamen Zuschauer nicht. Unwillkürlich spielt Linder für den Kino – die Bewegungen sind oft für den aufnehmenden Apparat berechnet, sie erscheinen zu bewußt gemacht. Das Publikum gab seiner Freude, den Schwerenöter einmal leibhaftig zu sehen, unverhohlen Ausdruck und rief Linder immer und immer wieder an die Rampe.

 

 

 

 

 

 

Norddeutsche allgemeine Zeitung, 5.12.1912:

 

 

   Dr. M. Einen scheinbar wirren Knäul und doch im Grunde ein fein abgestimmtes Programm von künstlerischen, amüsanten und verblüffenden Reizen für Auge und Ohr brachte der neue Spielplan des Wintergartens mit sich. Alle drei Genüsse vereinigt die Vorstellung des weltberühmten Filmschauspielers Max Linder, der nach einer Reihe von unglaublichen, aber durch Lichtbilder beglaubigten Abenteuern, sich an langem Seil aus einem Luftballon auf die Bühne hinabläßt, um in seinem Sketch „Aus Liebe Hühneraugenoperateur“ mit seiner Komik die Rolle des Operateurs durchzuführen, als er bei seiner Geliebten durch den Ehemann überrascht wird, bis er, entlarvt und von dem Wütenden verfolgt, plötzlich heil-vergnügt als Orchesterdirigent mitten im erstaunten Publikum erscheint. Höchste Achtung vor der Kunst der Dressur und fröhlichste Heiterkeit löste wieder Herr Lipinski mit seinen 40 Komödienhunden in dem „Abenteuer eines Betrunkenen“ aus. Reine Kunst bot die Pantomime „Die Liebe erwacht“ in dem wundervollen Bajaderentanz der Mlle. Sahary-Djeli, während The Sunshine Girls mehr die kindlich heitere Seite englischer Tanzkunst repräsentierten. „Der zerbrochene Spiegel“, Burleske von Camillo und Karl Schwarz, sorgte durch vorzüglich klappende Mimik der Schauspielverfasser sowie durch krachende Lösung des gordischen Knotens für schallenden Applaus, Jeanette Denarber flatterte in der Gondel ihres erleuchteten Ballons durch den vollständig verdunkelten Saal lockend unter die Zuschauer, und geradezu verblüffende Beweise von Kraft, Gewandtheit und fast übermenschlicher Beherrschung des menschlichen Körpers gaben endlich in einem Radfahrakt Fred St. Onga und besonders Miß Efesteo auf ihrem springenden Rad, ferner die equilibristischen Neuheiten der Zanfrellas, und endlich die Kontorsionisten Shelvey Boys und The great Weiland, der komische Jongleur.

 

 

 

 

 

 

Erste Internationale Film-Zeitung, 7.12.1912:

 

 

Max Linder im Berliner Wintergarten.

 

    Wenn man mich fragen würde, wen ich für die drei populärsten Männer der Welt halte, würde ich unbedenklich Wilhelm II, Caruso und Max Linder nennen. Unter ihnen verdient zweifellos der "Max" der Gebrüder Pathe den Vorrang: hat er doch in allen Erdteilen, bei allen Nationen, in allen Bevölkerungsschichten das gleiche, große, befreiende Lachen ausgelöst, die gleiche heitere Zuneigung gewonnen. Die Technik hat ihm den Weg zur Berühmtheit geebnet - sie gab seiner Kunst die Mittel in Millionen Orten gleichzeitig, von der Persönlichkeit losgelöst, die Menschen in ihren Bann zu schlagen.

    Dieser Tage trat Max Linder im Berliner Wintergarten, der immer so eine Art Vorkämpfer für die Kinematographie gewesen ist, in persona vor das Publikum. Variteekunst im Kino - das ist nichts neues, ebensowenig wie Filmkunst im Varitee. Aber ein Kinodarsteller in höchst eigener Person auf den Brettern des Brettels: darin liegt etwas aufrührerisch Neuartiges und Originelles. Max Linder wird nicht wenig Nachahmer finden.

    Schon das Erscheinen Linders war überraschend und witzig. Denn wie kann ein Filmkünstler sein Kommen auf der Bühne anders ankündigen, als ebenfalls im Film? So war es auch im Wintergarten. Herr Paulig vom Neuen Operettentheater erschien, nachdem die Kapelle mehrere Male die Intro duktion gespielt hatte, vor dem Vorhang, um dem Publikum im Namen der Direktion mitzuteilen, daß "die Nummer leider ausfallen müsse, da Herr Linder noch nicht in Berlin eingetroffen sei." Da - im letzten Moment kommt dem Conferencier die rettende Idee: er telefoniert. "Bitte das Fernamt. .... Paris, Pathé frères, .... Kann ich Herrn Linder sprechen?" Im selben Moment wirft der Apparat das Bild von Max auf die Leinewand. Der hat sein Berliner Engagement ganz vergessen. Er stürzt eiligst zur Waschschüssel, demoliert beim Anziehen die halbe Wohnungseinrichtung, rennt und fährt per Droschke, Auto, Omnibus, Fahrrad, wobei er in bewährter Weise Kohlenmänner, Porzellanverkäufer, Eierfrauen, Gerüstanstreicher und Gipsfigurenverkäufer niederrennt, zum Flugplatz, wo er sich rasch entschlossen in die Gondel eines gerade aufsteigenden Ballons schwingt. Ueber den Dächern Berlins sieht man ihn wieder: Max läßt sich langsam an einem dicken Tau heruntergleiten. - - - Das Bild ist plötzlich verschwunden, statt seiner hängt jetzt ein dickes Tau vor der Leinewand, an dem Linder lächelnd, zerfetzt, und den eingedrückten Hut schwenkend, auf die Bühne herabklettert. Beifall und Lachen, Lachen und Beifall. "Pardon, meine Damen und 'erren, daß ich kommen so s-pätt ..." Dann verschwindet auch er, und das eigentliche Stück "Hühneraugenoperateur aus Liebe" beginnt. Max, der Hausfreund, wird vom Gatten seiner Angebetenen überrascht, und gibt sich als Hühneraugenoperateur aus. Folge: auch der Gatte wünscht seine Dienste, da er ebenfalls - Hühneraugen besitzt. Im Schweiße seines Angesichts bearbeitet Linder den Fuß mit Rasiermesser, Brennschere, Puder, Haarschneidemaschine  ...  "Was man aus Liebe tut ..."

    Wie Max sich vor innerem Ekel windet, und sehnsüchtig nach der Tür sieht, wie er mit von Entsetzen geweiteten Augen den Eintritt des Ehemanns bemerkt, wie er am Ende mit drolligsten Verrenkungen den zeitgemäßen Bärentanz exekutiert, und schließlich mit dem Taktstock im Orchester sitzt, das alles zeigt wieder eine große und zwingende Kunst der Komik. Indessen - das ist das bemerkenswerte daran - brachte diese persönliche Bekanntschaft nicht einen neuen Zug in das Bild, das man sich aus tausend heiteren Films von diesem unermüdlichen Spaßmacher geformt hat. Die Sprache (das Stück bringt einen französischen Dialog) lenkt eher von seiner unbeschreiblich ausdrucksvollen Mimik ab, als daß sie das eine oder andere unterstreicht. Ganz davon abgesehen, daß das Fremdwort für weite Kreise überhaupt unverständlich bleibt, bietet das Kino auch rein technisch viel bessere Anschauungsmöglichkeiten, als die Bühne. Das Mienenspiel, die Geste bleibt im Filmtheater dauernd allen Zuschauern sichtbar, im Varitee eigentlich nur den vordersten Reihen. So kommt es, daß uns der wirkliche Max Linder heute gar nichts neues zu sagen hat, da wir seine Eigenart im Kino viel klarer erkennen konnten, als auf der Bühne. Und wir begreifen es, daß dieser Komiker ohne den Film niemals populär hätte werden können. Dennoch war es ein guter Gedanke, Linder nach Berlin zu bringen: zeigte er doch, welche Bedeutung der Film allein als Dolmetscher ausländischer Individualitäten besitzt. Und das dürfte der bleibende Gewinn dieses Gastspiels sein.

 

 

 

 

 

 

Der Komet, 14.12.1912:

 

 

    Im Wintergarten führt Max Linder, der berühmte Kinodarsteller der Firma Pathé, das Szepter. Der Beifall, der diesem Künstler gespendet wird, übertrifft alles, was je in Berlin dagewesen; der Zulauf des Publikums überschreitet alle Grenzen. Linder führt mit seiner Truppe eine Burleske "Der Hühneraugen-Operateur aus Liebe" vor, eine Posse, die in ihrer Wirkung wohl noch nie erreicht ist. Fünfzehnmaliger Hervorruf, Blumen und Kränze erntet er allabendlich ein, ein Zeichen, daß Berlin den Franzosen auf das freundschaftlichste gegenübersteht. Wenn hier die Polizei nicht dem Andrang wehrte, würde sich schon der Teil des Publikums erdrücken, der ohne Eintritt zu erlangen, abgewiesen werden muß. -n. [BERLINER ALLERLEI.]

 

 

 

 

 

 

Lichtbild-Bühne, 14.12.12:

 

 

Max Linders Erfolg in Berlin.


    Am 2. Dezember fand im Berliner "Wintergarten" Max Linder, der vom Wiener "Ronacher" angereist kam, ein total ausverkauftes Haus. - Als seine "Nummer" heran kam, herrschte eine fast nervöse Spannung im Auditorium, daß jetzt der Augenblick gekommen ist, wo man ihn, den teuren, fast unbezahlbaren Kinoschauspieler zum ersten mal von Angesicht zu Angesicht sehen soll. Man war sich allseitig der Wichtigkeit des historisch zu nennenden Augenblicks bewußt, daß die Filmkunst Größen schafft, deren Popularität ins Unermeßliche gesteigert werden kann. Er spielte mit Verve und Talent seinen originellen Sketch: "Hühneraugen-Operateur aus Liebe" und hat am Schluß einen zehnmaligen, brausenden Hervorruf erleben müssen; ein Variété-Erfolg, dessen sich kein Artist in den letzten zehn Jahren rühmen konnte.

    Der "Wintergarten" mit seinen fast 4000 Plätzen roch sehr stark nach Film, denn wir sahen an allen Ecken und Enden bekannte Branche-Angehörige, die aus Fachinteresse Max Linder persönlich sehen wollten. Und immer noch hören wir jetzt täglich überall, wohin wir kommen, innerhalb unseres Kinoberufes den stereotypen Satz: "Heut abend geh' ich nach dem Wintergarten und sehe mir Max Linder an!"

    Es liegt etwas Gewaltiges in dieser Popularität des berühmten Max Linder, der wirklich der Einzige ist, der überall bekannt ist, überall in weitestem Sinne, denn er kann sowohl in Peking, Chikago und Schmalkalden, wie auch in Moskau, Rio de Janeiro oder Kyritz an der Knatter nicht fünf Minuten, wenn auch inkognito, über die Straße gehen, ohne erkannt zu werden.

    Seine Berühmtheit läßt sich statistisch berechnen und in Ziffern festlegen, denn das ermöglicht uns sein Filmumsatz, der der Firma Pathé frères es ermöglicht, eine Gage von einer Million Francs für den Zeitraum von drei Jahren für ihn auszuwerfen.

    Anschließend daran kursiert folgendes bemerkenswertes Gerücht: Die ehrgeizige deutsche Filmindustrie ist nach einer Zeitungsmeldung neidisch auf die Film-Popularität des Max Linder und zwei deutsche Filmfabriken haben sich erboten, Max Linder von Pathé weg zu engagieren, wollen die hohe Konventionalstrafe zahlen und ihm für drei Jahre anstatt eine Million sogar eine und eine halbe Million Francs zahlen. Man verspricht sich von den jährlich aufzunehmenden fünfzig Max Linder-Sujets einen solch großen Gewinn, daß dieses Ministergehalt als nicht zu hoch erscheint. Man darf gespannt sein, ob Max Linder ja sagen wird; jedenfalls war es von Pathé ein Wagnis, den berühmten Franzosen nach dem gefährlichen Berlin zu schicken. Augenscheinlich hat Max Linder Neigung, das Angebot anzunehmen, denn Berlin gefällt ihm und er fühlt sich sehr wohl hier. Aus dem Grunde besteht der Gedanke, ihn noch für die zweite Dezemberhälfte an Berlin zu fesseln und seinen "Wintergarten"-Kontrakt zu prolongieren. Wir hatten Recht, als wir sagten, daß der Kino-Künstler Linder für Berlin ein Theater-Ereignis ersten Ranges sein wird, ob aber das neue Engagement auf Tatsachen beruht, möchten wir sehr bezweifeln.

 

 

 

 

 

 

Berliner Tageblatt, 16.12.1912:

 

 

Der Leinwandgott.

 

Von

(Nachdruck verboten.)

Karl Fr. Nowak.

 

   Sie alle, meine Herrschaften, kennen ihn längst. Sie haben ihn gewiß in alten, romantischen Gassen, in denen Sie selbst vielleicht nie waren, hundertmal gesehen, wie er auf der Flucht in Kehrichtsfässer fiel, Schutzleute umrannte und klirrend in das Auslagefenster eines Porzellangeschäftes einbrach, in dem dann kein einziges Stückchen der kostbaren Geschirre ganz blieb. Wie er sich, zerbeult, zerschunden, und zerfetzt, noch einmal aufraffte, mit abenteuerlichen Geschwindigkeiten weiterraste, gelegentlich ein Fahrrad stahl, das ihm noch schnellere Flucht erleichterte, bis endlich der ganze Knäuel von Menschen, von Köchinnen, Dienstmännern, Schutzleuten, Laufjungen und hundert anderen Verfolgern aus der alten romantischen Gasse, zu einem einzigen Tausendfüßler vereinigt, über den Atemlosen herstürzte...

   An tausend Situationen seines bewegten, stets sehr flinken Lebens hat er Sie teilnehmen lassen. Er machte sich nichts, gar nichts aus Intimität und sieht Sie gern als Zuschauer, wenn er allenfalls auf Einbrüche ausgeht. Und Sie folgten ihm wiederholt auf das Standesamt – wieviele Ehen hat er, ein zweifelloser Polygamist, nicht schon geschlossen –, auf das Standesamt, vor dem er gleichwohl eine bestimmte, instinktive innere Scheu nicht loszuwerden scheint. Denn stets, wenn der Augenblick der Freiheitspreisgabe naht, hat er entweder zu enge Stiefel oder allzu gesunden Schlaf, der ihn zu spät kommen läßt, oder er hat auf dem Wege zum Ehestifter eine Serie von Abenteuern zu bestehen, für die das Wort von der Tücke des Objekts wahrlich kein Ausdruck ist... Er ist der vergeßlichste, ungeschicklichste, schlemihlhafteste Mensch unter der Sonne. Das ist seine Größe, sein Ruhm, der anfängt, international zu werden. Denn, wie gesagt: Sie alle, meine Herrschaften, kennen ihn längst...

   Er ist der stumme Caruso. Ein Caruso der Grimasse und der Equilibristik. Er tritt in Paris, in Berlin auf, in Rom und in New-York: überall ist sein Erfolg frenetisch und stetig. Freilich wirkt seine Kunst heute beinahe schon in jedem Dorf, denn auch vor den bescheidensten Leuten verschmäht er das Auftreten nicht. In gewissem Sinne übertrifft er sogar den wirklichen Caruso: denn an hundert Orten kann er sein Publikum am gleichen Abend entzücken. In einige Dutzend Affären ist er gleichzeitig verwickelt. Vielleicht mag darum seine Gage den Honoraren des begehrtesten Tenors der Zeit nicht allzu wesentlich nachstehen. Sicher ist, daß sämtliche Impresarios der Welt, wenn er nur nicht in festen Händen wäre, um seinen Besitz sich wechselseitig die Haare rauften. Denn jeder nennenswerte Filmist will heute wenigstens Sonntags seinen ausgekochten Max Linder im Kientopp haben...

   Er ist der richtige Kinogott. Zeitgemäß und unbestritten. Auf allen Leinwänden hüpft er, hopft er, liebelt er, kommt er zu spät, kommt an die Unrechten und verheddert sich. Und jetzt hat er gar noch ein übriges getan: er hat sich materialisiert. Sein photographisch abgekurbeltes, so vielfältiges Dasein hat sich wieder zu einem Originalmenschen von Fleisch und Blut vereinfacht, sein aus hunderttausend Linsen verstreuter Schattenriß ist für einige Zeit was Reelles geworden: von der Leinwand, unmittelbar von der Leinwand, sprang er auf die Bühne des Berliner “Wintergartens”. Er ist ein kleiner, niedlicher Franzose, ein netter Junge, der sich beeilte, dem ehrenvollen Rufe der Prussiens nachzukommen. Man sieht ihn, wie er mit dem Manager aus Berlin telephoniert. Auf dem Film. Man sieht ihn, wie er wiederum durch altpariser Gassen japft, Fahrräder stiehlt, Marktfrauen umrennt, um nur nicht wieder zu spät zu kommen, wie halb Paris hinter ihm her ist, wie er Waschschüsseln zerschmettert, über Gäule stolpert und endlich in eine Ballongondel springt, die ihn entführt. Auf dem Film. Dann sieht man noch Himmel und Wolken, sieht schließlich Dom und Rathaus und Spree, sieht den netten Jungen, wie er sich an einem Seil aus der Gondel läßt. Auf dem Film.

Dann taucht ein Seilende vor dem Vorhang auf und wahrhaftig: da ist er schon selbst, in tadellos geglückter Materialisation... Minutenlanger Applaus, die Damen rufen aus Logen und Parkett, man klatscht, was immer ein Handschuh verträgt, und er, der Held aus tausend tollen Streichen, der zum erstenmal erschaute Wohlbekannte kann gar nicht zu Worte kommen. Was wird nur Moissi dazu sagen?...

   Linder aber erobert weiter, unbekümmert um Rivalen, unbekümmert um Moissi mit dem Celloorgan und selbst um Albert Bassermann, der auf dem umgekehrten Wege, wie Linder, von der Bühne nächstens auf die Leinwand will. Frankreichs Sendling aber kommt mit einem Sketch. Man weiß: ein Sketch ist meist eine dramatische Begebenheit, in der die unwahrscheinlichste Albernheit mit lapidarem Grundriß in kürzester Frist zum Eintreffen gebracht wird, weil kein Zuschauer eine längere Frist irgendwie aushielt. Also wird diesmal der ertappte Liebhaber aus Not und Verlegenheit Hühneraugenoperateur, zwickt den Ehemann, der die Belege für den angesagten Beruf am eigenen Fuß verlangt, ein paarmal mit der Brennschere in die Zehen, dann verät er sich doch, er wird erschossen, fällt in den Souffleurkasten und rutscht jenseits der Gardine aufs Dirigentenpult, bei welcher Gelegenheit er noch einmal den im Sketch mit einer Hauptrolle bedachten Tanz der Tänze, den Gesang der Gesänge von 1912 zu allseits befriedigendem Abschluß dirigiert:

“Komm doch her, komm doch her,

Mein kleiner Grislibär...

   Aber wie fast überall in der Kunst, so kommt es auch weit weniger auf das Was des Gebotenen an als auf das Wie. Von Anfang bis zum Ende hat in der Hauptsache natürlich Monsieur Linder das Wort. Man kann auch sagen: hat er das Bein, hat die Grimassen, hat den Bauchtanz, hat er die verrenkten Situationen. Und zwar soll es der besondere Reiz der Bühnenwirkung Linders sein, daß man ihn, dessen Mundwerk man sonst auf dem Film nur kaulquappenartig stumm auf- und niedergehen sieht, die Lippen jetzt auch phonetisch bewegen hört, in einem verwegenen Französisch, dessen Tempi wir nie erlernen werden. Aber darauf kommt es ganz und gar nicht an. Verlangt wird auch hier dies Gesicht eines Katers, dem man die Schwanzhaare einzeln auszieht. Verlangt wird auch hier diese fabelhafte Gehtechnik, die plötzlich in der Luft zu versagen scheint. Er muß auch hier ein Meister physisch überwundener Ueberraschungen, ein Tanzkreisel voll grotesker Eleganz, ein Umstürzler tellerbedeckter Tische sein, wenn ein Pistolenschuß losgeht, und durch eine Tür über fünf Meter hinweg muß er so rapid, so zielsicher hinausstürzen können, als wäre er selbst aus der Pistole geschossen. Kurz und gut: wir pfeifen auf die Tempi des verwegenen Französisch. Kientoppen soll er...

   Und so kientoppt er. Allmählich wird es ganz das gleiche Spiel wie im Dunkeltheater der Kurbellinse. Zwar bewahrt das Bein von Mme. Soundso, die die ungetreue Gattin in der Hühneraugenfamilie gibt, seine nackte, schlanke Konkretheit, aber der Prospekt verschiebt sich doch. Er rutscht zusammen, er wird flache Leinwand. Der Sketch verwandelt sich wieder in eine Filmiade, an deren Ende Herr Linder nochmals ein Seil besteigen und nach Paris im Ballon zurückfahren könnte. Und vielleicht ist's gar kein neuer Enthusiasmus, der groß und unbesieglich, indes der Sketchfilm abrollt, die jungen Flügel hebt, kein neuer Enthusiasmus, der unsere Backfische zu neuen Göttern beten heißt. Kein Mensch vor der Bühne glaubt nach und nach, daß er nicht in einem wirklichen Kino säße, kein Mensch glaubt, daß all die Vorgänge, Sprünge, Tänze, Gesichter nicht auch ein Linsengericht wären, wie das das von jeder anderen Kinolinse. Am Ende muß also der Moissi gar nicht nervös werden. Und all die Leute da unten im Parkett klatschen überhaupt nur so entzückt, weil ihr Lichtspielritter, ihr Leinwandgott die Güte hatte, sich einmal auch zu materialisieren. Sein Ruhm wäre morgen schon abgestandene Schlagsahne, wollte ihm beifallen, seiner Kunst dauernd ihre Leinwand zu entreißen.

 

 

 

  

 

 

Der Kinematograph, 18.12.1912:

 

 

   Max in der deutschen Filmmetropole ― hei, das war eine Sensation für ganz Berlin! Den so überaus beliebten Kinokomiker auch einmal in natura bewundern zu dürfen, bedeutete für die braven Spreeathener ein festliches Ereignis ersten Ranges. In grossen Lettern prangte während der letzten beiden Wochen der Name Max Linder auf den Anzeigen des bekannten Variétés “Wintergarten” und keiner von den vielen Tausenden, die dem Rufe folgten, um den berühmten Filmkönig, den sie auf der weissen Wand kennen lernten und liebgewannen, nun auch einmal wie er leibt und lebt bewundern zu können, kehrte enttäuscht oder unbefriedigt zurück. Auch auf der Bühne ist Max dem Kino treu geblieben; denn bevor er in persona erscheint, wird ein äusserst lustiger Film, der in humoristischer Weise seine von tausend übermütigen Zwischenfällen unterbrochene Reise von Paris nach Berlin darstellt, vorgeführt. Dann erst geht der Vorhang hoch, Schornsteine stürzen ein, Dachziegel poltern herniener und – im Luftballon landet “Pathémax” in Spreeathen, um seinen tollen Sketch “Hühneraugenoperateur aus Liebe” zu beginnen. Der frenetische Beifall, der diesem Schwank folgt und die glänzende Beurteilung, die er in der Tagespresse gefunden hat, bilden den besten Beweis nicht nur für seine trefflichen Leistungen, sondern auch für seine Popularität. Und diese Popularität verdankt der “Filmkönig”, der seine Laufbahn als kleiner Schauspieler begann, einzig und allein dem Kinematographen. Hoffen wir, dass unser lieber Max aus Dankbarkeit ihm bis an sein seliges Ende die Treue halten wird! ('Streiflichter aus der deutschen Filmetropole.')