Die Tragödie des Komikers

Max Linder

Ein Ehedrama

Eigene Drahtung

 

Wien, 2. November

    Von einem Wiener Freunde Max Linders wird zu dessen Selbstmord mitgeteilt, daß die Ehe Max Linders eine überaus unglückliche war. Seine Frau, eine geborene Peters, war die uneheliche Tochter einer Schauspielerin. Der Vater, ein sehr reicher Zeitungsherausgeber, sorgte freigebig für sein Kind. Er ließ ihm eine sorgfältige Erziehung angedeihen und sicherte ihm eine Mitgift von 2 000 000 Francs.

    Fräulein Peters lernte Max Linder zuerst vor fünf Jahren in St. Moritz kennen und begegnete ihm später wieder in Paris. Sie verliebte sich in ihn, doch Linder wollte seine Freiheit nicht opfern und fuhr nach der Schweiz in der Hoffnung, Fräulein Peters entwischen zu können. Sie eilte ihm nach und erklärte, Selbstmord verüben zu wollen, wenn Linder sie nicht heirate. Daraufhin ließ sich Linder tatsächlich zur Ehe bewegen.

    Gleich zu Beginn der Ehe entstanden schon Unstimmigkeiten, da Frau Linder überaus eifersüchtig war und von jedem Schritt und Tritt ihres Gatten unterrichtet sein mußte. Sie machte ihm das Leben zu wahren Hölle. Filmte er im Atelier, war seine Frau zugegen. Führte er geschäftliche Verhandlungen, wartete sie im Vorzimmer, bis die Unterredung zu Ende war. Kurz, sie ließ ihn nicht einen Moment aus den Augen.

    Auch als das Ehepaar Linder im vorigen Jahr in Wien weilte, kam es zu heftigen Szenen, die so weit führten, daß sie einen Doppelselbstmordversuch mittels Giftes begingen; jedoch konnten beide gerettet werden. Max Linder gestand kurze Zeit nach diesem mißlungenen Selbstmordversuch dem Generaldirektor der Vita-Filmgesellschaft Dr. Szüch, der mit ihm befreundet war, daß er das Leben mit seiner Frau nicht fortsetzen könne, sie richte ihn mit ihrer Eifersucht zugrunde. Er konnte keine Engagements eingehen, da sie es nicht erlaubte. Als er einmal einen Vertrag mit einer amerikanischen Filmgesellschaft abgeschlossen hatte, beschuldigte sie ihn in leidenschaftlicher Weise, daß er dies nur deshalb getan habe, um mit einer Freundin dort zusammen zu sein. Er mußte den Vertrag lösen und ein hohes Strafgeld zahlen.

    In der Wiener Villa, in der das Ehepaar Linder zur Zeit seines hiesigen Engagements wohnte, kam es zu furchtbaren Eifersuchts-Szenen. Auch in Paris gab es unaufhörlich Streit. Der Generaldirektor der Vita-Filmgesellschaft Dr. Szüch war jüngst in Berlin, um mit Linder über die Sanierung der Vita-Filmgesellschaft zu verhandeln. In das Zimmer des Anwalts, wo diese Besprechung stattfand, stürzte plötzlich Frau Linder und beschuldigte ihren Mann erregten Tones, die geschäftlichen Besprechungen seien nur ein Vorwand, er hätte mit einer Dame ein Rendezvous. So scheint Linder schließlich zur Verzweiflung getrieben worden zu sein.


 

 

 

Die gerichtliche Untersuchung

Eigene Drahtung

 

Paris, 1. November.

    Im Laufe des heutigen Tages sind die Leichen Max Linders und seiner Frau in der Klinik, in welche die beiden nach ihrem Selbstmord gebracht wurden, aufgebahrt geblieben. Ueber das Datum der Bestattung ist noch keinerlei Beschluß gefaßt. Man erwartet die Ankunft der Familie Max Linders ab, die telegraphisch benachrichtigt worden ist. Die Familie Max Linders wohnt in der Nähe von Bordeaux. Man glaubt, daß sein Vater und seine Mutter, ebenso wie seine Geschwister im Laufe des morgigen Tages eintreffen werden.

    Die gerichtliche Untersuchung über den Selbstmord ist ebenfalls noch nicht abgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft hat noch keine Erlaubnis zur Bestattung gegeben.


 

 

Der tragische Humorist

 

 

    Es läuft jetzt bei uns der Film von dem "Mann, der die Ohrfeigen bekam". Man ist garnicht so furchtbar entzückt von diesem Film. Findet seine Psychologie zu klotzig-romantisch. Jedenfalls unglaubhaft- Aber:

    Im Leben scheint sie wahrscheinlicher zu sein. Die Urweisheit der Filmregisseure beschränkte sich auf den Spruch: das Leben ist ein Film. In Wirklichkeit müßte es heißen: Wäre der Film das Leben - keiner glaubte ihm.

    Nun ist also Max Linder, der vor dem Krieg die ganze Welt in Laune zu versetzen wußte, tot. Selbstmord ... mit seiner Frau ... Morphium. Veronal. Und nicht einmal pekuniäre Gründe, die denkbar wären, weil es erstens in der Pariser Filmbranche nicht rosig aussieht, zweitens Linder. - der "Max" - überflügelt ist. Längst. Durch Chaplin und Fatty und Jackie und Lloyd und Pat und Patachon und andere.

    Warum also dieser Tod? - Max hatte Kontrakte über eine Million Franken, in seinem Besitz eine halbe Million ... Er wird nicht einmal Neid verspürt haben; Neid gegen den ihn so weit (geistig) überflügelnden Chaplin, der auf dem von Linder erfundenen Gebiet ihn überholte. Er hatte als Erster dies Filmgebiet gefunden, das genügte gewiß seinem Ehrgeiz. Er nannte die anderen "Nachahmer".

    Aber schon vor Jahren machte er einen Selbstmordversuch.

    Das ist ein "Melancholiker", der Max, über den sich die ganze Welt amüsierte! Auch er!

    Natürlich ist so ein Wort sehr relativ. Aber nehmen wir Wilhelm Busch, - er war Schopenhauerianer und ein Menschenfeind. Dabei lachen unsere Knirpse über ihn.

    Heine, man hat keinen klassisch-witzigeren Kopf neben ihm in der deutschen Literatur entdecken können, - tieferschürfende, verzweifeltere, ganz melancholische Gedichte, überzeugendere wird man auch bei keinem deutschen Dichter entdecken können:

    "Der Tod, das ist die kühle Nacht!" - - -

    Man soll nicht verallgemeinern, - aber der Charly Chaplin baut seinen Humor auf der Kontrastwirkung seiner unendlich melancholischen Augen auf. Sie sind melancholisch!

    Die Tiefenwirkungen dieser Humoristen beruhen auf dem Kontrast: Sie wissen den Kern der Welt, - vielleicht nicht. Aber sie wissen die Schatten- und Lichtseiten absolut, und jonglieren damit. Sie reagieren ihr philosophisches Ahnen in Humor ab.


 

 

 

 

Max Linders Ende -

ein Eifersuchtsdrama?

Eigene Drahtung

 

Genf, 2. November

    Eine Genfer Zeitung veröffentlicht heute früh, wie uns aus Genf gedrahtet wird, sehr sensationell klingende Mitteilungen über den angeblichen Doppelselbstmord des Ehepaares Max Linder in Paris. Die Mitteilungen stützen sich auf Angaben des hiesigen Detektivs Paul Rochat, der von Max Linder mehrfach vertrauliche Aufträge erhalten und für ihn durchgeführt haben soll.

    So sei Rochat erst am 10. September von Linder nach Paris berufen worden, wo er ihm Auftrag gegeben habe, sich nach Glion bei Montreux zu begeben, um dort die junge Frau Linder mit ihrem 18 Monate alten Töchterchen genau zu überwachen. Kaum aus Glion zurückgekehrt, wurde Rochat abermals von Linder nach Paris gerufen, der ihm eine sehr heikle Angelegenheit anvertraute, die den Detektiv diesmal nach Italien führte. Linder schien von dem Ergebnis der Untersuchung des Detektivs sehr erfreut und lud diesen noch am 27. Oktober zu einer Besichtigung seiner in Neuilly neu erbauten Villa ein.

    Der Detektiv erzählt übrigens, daß in der jungen Ehe Max Linders es bereits nach wenigen Monaten Schwierigkeiten gegeben habe, die Max Linder zu dem Ausspruch führten: "Wir müssen uns trennen" und die damals bereits seiner Frau den Gedanken eingegeben hätten, "zusammen zu sterben". Bei dem darauf unternommenen Selbstmordversuch mittels Veronal sei aber nur Max Linder selbst erkrankt. Alle diese mysteriösen Andeutungen faßt der Detektiv dahin zusammen, daß er  e s  a b l e h n t,  an den Gedanken eines "Doppelselbstmordes" zu glauben. [Siehe auch den Artikel 1.Beilage] (B.Z.am Mittag, 2.11.1925)