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C'est papa qui a pris la purge (?)

Weitere Titel: Der kleine Schlaumeier (D, Ö) - Länge: 90,5m (Archivlänge) - s/w - Interpret: Max Linder {Junger Mann auf Parkbank} - Produktion: Pathé Frères - Katalog-Nr.: ? [Nicht im Pathé-Register enthalten.] - Auff.: März 1908 (Straubing/ Neumayer’s Konzerthalle) — Weitere Auff.: 5.12.08 (Innsbruck/ Physograph-Theater)

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Beschreibung der Filmkopie: Nichts wird Ihnen erspart bleiben: Einstellung (1) Die Erzählung beginnt in der Apotheke, wo der Apotheker einem Knaben in Begleitung seiner Mutter ein Medikament verschreibt, es zubereitet und in eine Phiole giesst. (2) Am Esstisch weigert sich das Kind mürrisch, das seinem Kaffee beigemengte Abführmittel zu schlucken. Während sich der Vater zum Gehen anschickt, nützt es einen Augenblick der Unachtsamkeit, um die Tassen auszutauschen. (Wie so oft, erlaubt es ein Pathé-Hahn im Dekor, den Produzenten zu identifizieren.) (3 Grossaufnahme: Der Knirps trinkt brav und lacht schon in Erwartung der Auswirkungen seines Streichs. (4) Der Vater stürzt seinen Kaffee hinunter und geht fort. Die Mutter lobt ihren Sohn. (5) Vor dem Haus verabschiedet sich der Vater lächelnd. (6) Er überquert einen grossen Platz, wo er auf einen Bekannten trifft, der ihm unbedingt etwas in der Zeitung zeigen will. Aber der Vater wird unvermittelt von einer Kolik erfasst, flüstert dem Störenfried etwas ins Ohr, was dieser erst versteht, als er sich die Nase zuhalten muss. Der Vater packt besagte Zeitung und flitzt davon. (7) Da - ein Lorbeerbusch in einem Topf! Er will sich gerade daran machen, diesen zu benützen, als er die Türe zu einem Schuppen sieht. Er packt die dort abgestellte Giesskanne, füllt sie an einem Wasserhahn und verschwindet im Inneren. Er wird durch einen Mann im Arbeitskittel gestört, verlässt den Schuppen und flieht weiter, nicht ohne die Zeitung des Mannes behändigt zu haben. Kaum ist er weg, verlässt der Mann den Ort fluchtartig und hält sich mit beiden Händen die Nase zu. (8) In einem öffentlichen Park erleichtert sich unser Mann in den Alleebüschen, als ein Pärchen sich auf einer nahen Bank niederlässt. Der Geruch schlägt sie in die Flucht. (9) Ein Kiosk an einem Boulevard. Die Inhaberin verlässt das Häuschen, um mit einer Passantin zu sprechen; er stiehlt sich ins Innere und rafft alle Zeitungen zusammen, derer er habhaft werden kann. Am Kiosk hängen Reklamen für verschiedene Produkte - Singer, Velma, Suchard, Milka - und ein grosses Plakat für "Purgatif de Familles". Er schleudert mehrere Seiten zerknülltes Papier aus dem Häuschen, knöpft sich die Hose zu und schleicht diskret davon, während die Inhaberin zurückkehrt, um sich blickt, um herauszufinden, wer ihr das wohl angetan haben könnte und ein Taschentuch vor die Nase hält. (10) gleiche Cadrage wie 2) Unterdessen macht sich zu Hause, wo der Tisch abgeräumt worden ist, die Mutter Sorgen. Sie berührt den Kopf ihres Kindes, tastet seinen Bauch ab, erkundigt sich nach seinem Befinden, setzt ihm schliesslich ein Béret auf und zieht es nach draussen. (11, gleiche Cadrage wie 1) Sie kommen zur Apotheke, wo der Apotheker das Kind untersucht. Von ihnen unbemerkt, kommt der Vater herein und schlüpft hinter die Ladentheke, wo er sich erleichtert. Ein abscheulicher Geruch erregt die Aufmerksamkeit des Trios, und der Apotheker stellt mit Empörung dessen Herkunft fest. Der Knabe krümmt sich vor Lachen, die Mutter findet es mindestens ebenso lustig, während der Vater demonstrativ mit seinem Geschäft fortfährt. (Roland Cosandey in: KINtop Schriften 1 "Film um 1900", 1993)

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Shotlist: Boy tricks his father into drinking castor oil. The latter is obliged to defecate in a series of unlikely places, to the evident disgust of members of the Parisian public. A mother obtains from the chemist some castor oil for her young son. The latter switches cups at breakfast, so that his father unwittingly drinks the medicine. The father becomes distressed while detained by a friend in the street, then manages to find a lavatory. He next relieves himself in some bushes, to the consternation of a courting couple on a park bench; in a news vendor's stall; and finally in a mortar at the chemist's, where the mother has returned with the son (296ft). (<bfi.org.uk>)

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Un petit garçon est malade. Le médecin lui prescrit une purge. L’enfant, subrepticement, donne son verre à son père. Celui-ci s’en va. En cours de route, il est forcé de faire quelques stations malodorantes. Ainsi, dans un parc, il est obligé de s’enfoncer dans un taillis derrière un banc sur lequel viennent s’asseoir deux amoureux lesquels s’enfuient bien vite indisposés par l’odeur. Au retour, le père force son garnement à ingurgiter sa purge. (Scénario d’après vision) [Henri Bousquet, Catalogue Pathé des années 1896 à 1914, Bures-sur-Yvette, Editions Henri Bousquet, 1994-2004]

 

 

 

Anmerkung: "Der kleine Schlaumeier" ist ein Plagiat des Gaumont-Films mit dem Titel «C'est papa qui prend la purge (/deutscher Titel: Die Kindermedizin)» vom September 1906. Eine Kopie des Pathé-Films, in dem Max Linder in einer Nebenrolle erscheint, befand sich im Nachlass des Schweizer Jesuitenpaters Joseph (Abbé) Joye (1852-1919), der für Filmvorführungen in seiner Gemeinde ab 1902 eine mehr als 1500 Filme umfassende Sammlung aufgebaut hatte. Sie wurde, ohne Titel und Zwischentitel, ab dem Jahre 1942 als "Der kleine Schlaumeier" im Inventurverzeichnis der Sammlung geführt (siehe: Roland Cosandey, "Film um 1910", 1993). Der bisher früheste Nachweis des Titels "Der kleine Schlaumeier" ist eine Programmierung in einem Straubinger Kino im März 1908 (KI,18.3.08). Der französische Film Historiker Henri Bousquet hat als Originaltitel "C'est papa qui a pris la purge" vorgeschlagen. Pathé hat zu der Zeit öfter Filme von Gaumont kopiert, ihnen sonst jedoch stets einen anderen Titel gegeben (eine Ausnahme war "Le pendu" bei dem es sich um eine Adaption eines damals populären Chansons von MacNab handelte). Ohne Kenntnis von weiteren Details der Identifizierung von Bousquet kann eine Verwechslung mit dem Gaumont-Film somit nicht ausgeschlossen werden. Das gleiche gilt auch für das Aufführungsdatum von 28. Aug. 1906 (Teatro Riva Palacio/ Mexico), angegeben von Juan Felipe Leal (Cartelera del cine en Mexico). [Note: A copy of this Pathe film in which Max Linder appears in as an extra was found in the estate of Father (Abbé) Joye (1852-1919) who had assembled a collection of up to 1500 films for projection in his congregation since 1902. It was, without title and intertitles, listed in the collection under the title “Der kleine Schlaumeier” since 1942 (Roland Cosandey, "Film um 1910", 1993). The earliest release of "Der kleine Schlaumeier" is in a Straubing cinema in March 1908. The film is a remake of the Gaumont-film “C’est papa qui prend la purge” (№ 1515/Sep. 1906). Historian Henri Bousquet has suggested the title "C'est papa qui a pris la purge" and the release date Jan. 17th 1907 (Splendid Cinéma/Le Havre) for the Pathé version. At the time Pathé has copied Gaumont-films more than once, but never released them under the same title. Without further information on Bousquet's decision a mix-up with the Gaumont-film can't be ruled out. This is also true to the release date of Aug. 28, 1906 (Teatro Riva Palacio/ Mexico), given by Juan Felipe Leal (Cartelera del cine en Mexico).]

Eine Kopie des Films wird verwahrt in: bfi/National Film and Television Archive (London); Danish Film Institute (Kobenhavn) - Watch "Filmklip"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pathé Register:

 

Der französische Filmhistoriker Henri Bousquet übernahm in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Aufgabe das Gesamtwerk der französischen Filmproduktionsfirma Pathé Frères zu katalogisieren. Basis für seine Arbeit waren zwei alte Registerbände, die laut Bousquet alle Filme enthalten, die von Pathé hergestellt und vertrieben wurden. Der fortlaufend numerierte Bestand, der von Bousquet ab 1993 veröffentlicht wurde (Catalogue Pathé des années 1896 à 1914 [Vol. I-IV] und De Pathé Frères à Pathé Cinéma [Vol. I+II]), weist jedoch Lücken auf. Von insgesamt 6850 Nummern, die in der Zeit von 1905 bis 1917, in der Linder bei Pathé gearbeitet hat,  vergeben wurden, konnten für 510 Nummern keine Titel ermittelt werden. ― [In the 1990s the French film historian Henri Bousquet published his multi-volume “restoration”-work of the whole Pathé output Catalogue Pathé des années 1896 à 1914 [Vol. I-IV] and De Pathé Frères à Pathé cinéma [Vol. I+II]. For his work he relied on two contemporary “Registres Pathé” which he claimed to contain “all the films produced, edited or distributed by Pathé Frères between 1907 and 1926” (Foreword Vol.3). Since Pathé had continuously numbered its output, it was possible to compare it to films included in the register. It showed, that of all numbers issued between 1905 and 1917, the period in which Linder worked for Pathé, only about 92% could be attributed to a title (for 510 numbers there was no title found).]