Das "Geheimnis" Max Linders.

 


 

    Von dem Inhalt der Briefe, die Max Linder und seine junge Frau hinterlassen haben, erfährt man nichts. Alle Blätter widmen der schrecklichen Nachricht Spalten voller Mutmaßungen, ohne wirklich den Grund für den Doppelselbstmord angeben zu können. Die öffentliche Teilnahme, die Paris seinem ausgesprochenen Liebling, entgegenbringt, wird noch durch den Umstand verstärkt, daß alle Welt sozusagen in die romantische Geschichte dieser so kurzen Ehe eingeweiht ist. Als er 1923 das junge achtzehnjährige Mädchen entführte und mit großem Skandal in Nice entdeckt wurde, als er schließlich vier Monate später zur Befriedigung aller Beteiligten und vor allem seines Publikums vor dem Traualtar erschienen war, applaudierte alles begeistert dem Helden zu.

    In Wien war dann dieser merkwürdige Selbstmordversuch mit Veronal passiert. Max Linders Ehe dauerte damals noch keine vier Monate. Dies und die vielen anderen Kapriolen ließen viel Zweifel an der wirklichen Absicht zu, sich den Tod zu geben. Es gab so viele Dementis, so viele sensationelle Aufmachungen und schließlich war auch nach einigen Tagen Max Linder wieder frisch und munter im Vita-Atelier erschienen, so daß man lächelnd über diese offenbar pariserische Affäre hinwegging.

    Ein hiesiges Abendblatt, das vorgibt, gut informiert zu sein, spricht von quälender Eifersucht des Don Juans. Es hätte schon während der Flitterwochen Streitigkeiten gegeben und ein Geheimnis hätte - von kurzen suggerierten friedlichen Pausen abgesehen - den wahren Frieden aus dieser Verbindung verbannt. Max Linder, im 42. Lebensjahre, ist zwanzig Jahre älter als seine Frau. Ein Kind von 18 Monaten, das die Entspannung nicht bringen konnte, ist in der Schweiz aufgehoben. Vor sechs Wochen hatte er an seinem neuen Film "Le Chasseur de chez Maxim'", begonnen. Seine Frau, die sich seit August in der Schweiz aufgehalten, war wieder bei ihm in Paris. Sie führten ein Hotelwanderleben. Seine Villa in Neuilly sollte erst im kommenden Frühjahr fertig werden. Das Ehepaar ging sehr viel aus, man sah es in allen eleganten Pariser Nachtlokalen und keine Fernstehenden konnten auch nur dunkle Gedanken ahnen. Plötzlich - und ohne sichtbaren Grund, wie erklärt wird - verzichtete er auf die Weiterarbeit an diesem Film, brach den Kontrakt, der ihm im Voraus 1 1/2 Millionen Franken gesichert und von dem er schon eine Million für seine 45 tägige Arbeit erhalten hatte. Man war verzweifelt. Linder sandte aber, wie um seinen Entschluß zu unterstreichen - eine Viertel Millionen Franken, die ihm eine italienische Firma ausgezahlt hatte, um sich das Ankaufsrecht für Italien zu sichern, wieder zurück. Man verschwieg in Paris diese Ereignisse, weil man immer noch hoffte, ihn aus seiner neurasthenischen Voreiligkeit zu normalen Entschlüssen zu bekehren. (Film-Kurier, 4.11.1925)