Max Linder - gefallen.

 


 

    Wir saßen neulich abends in einem jener kleinen Wiener Gasthäuser zusammen, in denen sich bei einem Glase Wein so leicht die Sorgen des Alltags vergessen lassen. Und dann holte ich mir das 8 Uhr-blatt, las darin eine Notiz, daß in der Nähe von Warschau von Revolutionären ein russischer Transportzug in die Luft gesprengt worden sei, wodurch 80 Offiziere und über 1000 Soldaten ums Leben gekommen seien, und ließ zu meinem Nachbar einige Worte fallen. Eine am Nebentische sitzende Dame fing die Worte "1000 Tote" auf und fragte erschreckt: "Von unseren Soldaten?" Als ich dann richtigstellte, daß es Russen waren, meinte sie nur: "Ach so!" und setzte die unterbrochene Konversation fort. Da unterbrach sie aber ein Hauptmann, der gleichfalls in der Nähe saß und das Gespräch mitangehört hatte, und sagte im ernsten Tone: "Es waren aber auch Menschen, gnädige Frau!"

    An diese Episode mußte ich denken, als ich dieser Tage in der Zeitung las, daß Max Linder in den Kämpfen um Lüttich gefallen sei. Er focht in den Reihen unserer Feinde und wir haben es verlernt, die Verluste auf der Seite der Gegner zu bedauern, empfinden Genugtuung, wenn ein feindliches Schiff mit der ganzen Mannschaft untergeht, wo wir doch früher mitgefühlt haben, wenn ein Kranker bettelnd an der Ecke stand.

    Wir haben aber umlernen müssen, wie neulich ein Publizist so treffend sagte, und mußten dann auch die Freude an Max Linders Drolerie aus dem Herzen reissen, weil er ein Franzose ist. Und sollten uns eigentlich freuen, daß er gefallen ist. Ein Feind weniger.

    Aber es tut doch weh. Denn wenn wir auch dem Tode des Soldaten Linder gleichmütig gegenüberstehen, so schmerzt doch der Gedanke, daß der Künstler Linder nimmer für die Leinwand spielen wird. Wir haben ihn ja für die Dauer des Krieges aus dem deutschen Kino verbannt, waren aber überzeugt, daß, wenn einmal wieder ruhigere Zeiten eingekehrt sein werden, seine lustige Kunst langsam aber sicher doch wieder bei uns Fuß fassen würde. Denn was das deutsche Kunstleben von diesem Boykott französischer Kunstprodukte erwartet, ist die Reinigung von abgeschmacktem, schlechtem Zeug, das zu lange bei uns dominiert hat. Der Ehebruchs- und Zotenhumor der Schaubühne, die übertriebene Zappel- und Grimassenkomik der französischen Films werden wohl auch nach dem Kriege schwerlich wieder offene Türen finden. Auf Prince wollen wir gerne verzichten. Max Linders Namen aber buchen wir auf der Verlustliste der Künstler, die international ist und für deren Helden die Totenfeier erst noch dem großen Ringen stattfinden wird. (Die Filmwoche, 27.9.1914)