Max Linder,

der weltberühmte Film-

Schauspieler im "Wintergarten".

 

 

 

    Es wird sehr spaßig sein, wenn man merken wird, daß er wirklich oder, wie der Berliner sagt "richtiggehend", sprechen kann: daß seine Zunge ebenso gut funktioniert wie seine Augen, diese Herolde heiterer Verlegenheiten und lächelnden Entsetzens: daß seine Stimmbänder ausgezeichnet geölt sind und jedem Anspruch der Neuzeit entsprechen: kurz, daß er, der bisher von der Kinobühne herab so beredt zu schweigen wußte, auch beredt zu reden weiß. "Ja, den haben die Mädchen so gerne": und ich bin davon überzeugt, daß jene Kinofanatikerinnen von Berlin WW, die keine Kinopremiere auslassen, zumal wenn mit einer neuen halsbrecherischen, im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten zur Welt gekommenen Aventüre Linders zu rechnen ist, sich schon heute darüber das Köpfchen zerbrechen werden, mit welcher Klangfarbe Maxens Stimme seine Parteigängerinnen gewinnen wird. Ob diese unverhofft am Horizonte der Ueberraschungen aufgehende Stimme ein heller, fanfarengleich schmetternder Tenor sein wird oder ein satter, warmer Bariton (dem Blicke entsprechend, mit dem Max in der Kinokomödie seine Fühler gegen die Herzen seiner Erkorenen auszustrecken pflegt) oder ein schwarzer, sonorer Baß. Ob er laut sprechen wird oder leise: ob der Rhythmus seiner Rede den Wettlauf mit seinen übersprudelnden, hastig aneinander vorüberschnellenden Gesten aufnehmen oder hinter ihrem Tempo zurückbleiben wird: ob seinem Organ ein lauterer Wohlklang eingebettet sein, oder ob er, Gott soll schützen, gar einen Zungenfehler haben wird. Immerhin gebe ich gänzlich provisionslos jenen Herrschaften von der Grammophonbranche, welche an den Wegen der internationalen Kunstsensation auf interessante Stimmen lauern, den dringenden Rat, auch diese Stimme zum Bleiben zu nötigen; als Rückhalt für jene Zeit, in welcher man, um sich mit ihm zu verständigen, wieder auf Maxens Augen und Nasenflügel angewiesen sein wird. Ich glaube nämlich, ohne der Kritik bei ihrer sachlichen Beurteilung vorgreifen zu wollen, man wird diese Stimme auch später zur Ergänzung des Bildes ganz gern hören. Und nach der ersten Bekanntschaft mit Max Linder, nachdem er zum ersten Male den Berlinern gegenüber das Wort ergriffen hat, wird, wie alle Damen, die bisher mit ihm in Berührung gekommen sind, auch Frau Berolina sicher zu ihm sprechen, wie einst Wallenstein zu dem anderen, dem wesentlich robusteren Max (Piccolomini): "Max, bleibe bei mir!"

    Ein junger Mann, artig und scharmant, offensichtlich einer guten Kinderstube entwachsen, von einem glänzenden Schneider und tadellosen Manieren durch das Leben geführt, zu einer heiteren Lebensauffassung gedrängt durch angeborene Gutmütigkeit und das fröhliche Temperament, das ihm, die ganze Welt umarmend, in den schwarzen Augen sitzt, wird von dieser Welt geärgert, indem sie auf Schritt und Tritt seinen Lackschuhen Ecksteine der Verlegenheit in den Weg schiebt. Der junge Mann hat den besten Willen, sich von den Missetaten, die das Dasein an ihm, seinem Prügelknaben begeht, nicht unterkriegen zu lassen. Lächelnd erhebt er sich von dem Schmerzenslager, auf das er soeben von einem seiner zumeist von Dame Galanterie eingefädelten Abenteuer niedergestreckt wurde. Quietschvergnügt, mit dem leichtsinnigen Lachen des unentwegten Optimisten geht er am Morgen zu einem neuen Schwank, nachdem er am Abend vorher für Küsse Püffe, für Liebenswürdigkeiten Brutalitäten, für Komplimente Rippenstöße eingehandelt hat, und an Leib und Kleidern zerschunden, ein burlesker Spott auf sich selbst, eine Grimasse seiner gepflegten, liebenswürdigen Persönlichkeit, von irgendeinem Schutzmann, einem Hausdiener, einem Arbeitsmann oder von sich selbst in einer Gosse aufgelesen wurde. Aber auch noch geohrfeigter als ein Zirkusclown oder ein Varietéexcentric, ein Fußball, toll ausartender Schicksalsfügungen hält Max Linder zu den Wahlsprüchen: "Es lebe das Leben" und "Morgen wieder lustik": und als Pflaster auf die Wunden, die sein Schädel und andere empfindliche Körperteile aus seinen kinematographisch verewigten Waffengängen nach Hause tragen, legt er, wie gesagt, stets sein breites, sorgenloses, knabenhaftes Lächeln und - die Gunst der Frauen. Max (Maximilian), der letzte Ritter! Er hat "der Frauen Gunst erfahren!" mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzem Vermögen verschrieben: und es gibt keine Folter im Inquisitionsbezirk der Kinotragikomödie, der er sich nicht mit Wonne unterzieht, wenn er, hinweg über den Passionsweg der Qualen, dem bestrickenden Lächeln einer schönen Frau zulaufen darf. Entsinnen Sie sich noch, meine verehrten Zeitgenossen und Zeitgenossinnen, wie Max, dem Bräutigam, den ein wonniger Traum fast die rechte Zeit zur Trauungszeremonie verschlafen ließ, im letzten Moment ein heimtückischer Kamin die Lackschuhe versengte? Wie er - denn von weit her winkte das reizende Gesichtchen der Braut, und am Sonntag waren korrekte Bräutigamsstiefel in der Eile nicht mehr aufzutreiben - einem nichtsahnenden Arbeitsmann ein paar Pflastertreter von "die Güte" entriß und so seiner Erkorenen in die Arme schlurfte: natürlich nur, um auch hier vor der abschließenden Liebesapotheose Spott, Hohn und Peinlichkeiten zu ernten? Entsinnen Sie sich, wie "Maxens Hochzeitsreise" - beruhigen Sie sich, meine Damen, Max ist längst wieder ledig - sich weniger eines schönen, als eines "schlagenden" Wetters erfreute, weil der arme, junge Ehemann binnen zehn Kinominuten so oft von dem Schlage dieser oder jener ihm in den Weg tretenden Persönlichkeit getroffen wurde, daß er endlich die Flitterwochen in der nächsten Gliederleimanstalt verleben mußte? Denken Sie auch noch daran, meine schöne Gnädige, wie eine der zahlreichen "Brautchens" aus Maxens vielstelliger Leporelloliste ihr lautes und vernehmliches "Ja" zu seiner Bewerbung davon abhängig machte, daß er mit ihr, der geprüften Muster- und Meisterboxerin zu einem "Boxing-Match" anträte: und wie Ihr Blick mir sagte, daß Sie es dem armen Kerlchen sicher viel leichter und bequemer gemacht hätten? Wer könnte (weiter) jene Szenenreihe vergessen, innerhalb deren komplizierter Architektur Max, hier des süßen Weines übervoll, durch zehn Fenster hochstöckiger Häuser - und nicht durch die niedrigsten - geschleudert wird (gleich einem bulgarischen Schrapnellgeschoß); wer könnte vergessen, wie er auf Straßenpflastern, Müllhaufen usw., vorübergehend Station macht, dann aber immer wieder von zufälligen, gütigen Helfern zusammengelesen wird, um über steile Treppen, lange Korridore, helle Straßen hinweg in irgendeinem Schlafgemach Feminini generis zu landen. Ja, selbst ein Floh - verzeihen Sie das harte Wort und das kühne Bild - ist ihm, Max Linder, nur eine Brücke in das Land der Liebe: und auch in jenem Schwank, in welchem Max, der Ehemann, den vielfüßigen Störer seiner Nachtruhe mit Revolverschüssen verfolgt, bis die Gattin von seiner Seite die Flucht ergreift, wird ihm erst wieder kannibalisch wohl, als Madame sich nach Beendigung des Insektenkampfes an der ihr zukommenden Stelle wieder häuslich eingerichtet hat, und der Floh - floh. So gibt unter dem Einflusse Max Linders, der sich ja seine eigenen Rollen auf den Leib schreibt, der Kinoschwank das getreue Abbild der gesamten französischen Literatur, die ja auch nur eine große Paraphrase um die "verfluchte Liebe" ist. Der Berliner aber singt allen diesen geschmeidigen Boulevardiers, diesen eleganten Mäxen, die lustig und mobil die Kinobühnen betreten, um sie fünfzehn Minuten später als zerwalkte, zerbläute, zerschundene Mäxe wieder zu verlassen, halb bedauernd, aber immer von Neuem belustigt nach: "Im Liebesfalle, da sind sie alle so'n bißchen Tralala, tralala, tralala, tralala, tralala!"

    Max Linder, nach seiner auf der Kinobühne ausgeprägten Eigenart etwa der Fachkollege Richard Alexanders, scheint mir, wenn ich die Reihe unserer Bühnenhumoristen abschreite, in seinen darstellerischen Kennzeichen doch unserem Robert Steidl am nächsten zu stehen. Man begegnet hier wie dort keiner unbegrenzten Wandlungsfähigkeit, wohl aber Lebens-, Umgangs-, Kunstformen von unwiderstehlichem Reiz, von bestrickender Courtoisie, von erobernder Liebenswürdigkeit. Wenn Max Linder in Aengsten und Nöten seine großen, runden Augen (zwischen dem sorgfältig gewellten Gent-Scheitel und dem zarten Schnurrbart auf der Oberlippe) vom zwinkernden Behagen zu ratlosen Entsetzen weitet: wenn seine heftigen flink-anmutigen Bewegungen hinweg über die Kinoszene ihr Handikap unternehmen: wenn ihm die Frauen himmlische Rosen in sein gepiesacktes Leben flechten, dann spinnen sich sympathische Beziehungen an zwischen den Leuten im Parkett und dem arg mißhandelten, immer aber netten und hübschen Jungen da oben, dessen stummen Liebes-"Decamerone" man halb lächelnd, halb bedauernd weiter mit durchblättern hilft....

    Und nun gibt der "Wintergarten", der ja bekanntlich vor siebzehn Jahren zum erstenmal überhaupt in Berlin für den Film warb, auch Max Linder die erwünschte Redefreiheit. Jean Jaurès durfte in Berlin nicht sprechen: Max Linder darf es. - Ich sah als kleiner Junge einmal einen alten Theaterschmarren, dessen Heldin, ein gewisses Röschen, um die Ausdauer ihres Herzensfreundes zu erproben, Stummheit simulierte. Aber der Geliebte blieb ihr treu, auch über das Schelmenspiel hinaus, und begrüßte schließlich die ihm zunächst verheimlichte Sprache der holden Braut mit dem Ausruf: "O mein Röschen, du kannst sprechen? Oh, wie unaussprechlich glücklich macht mich das!" Ich glaube, die jungen Mädchen von Berlin werden mit Bezug auf Max Linder bald der gleichen Meinung sein!.... Leopold Walter. (Der Montag, 2.12.1912)