Max Linder, der Zweite!

(Ein Brief an den kinematographischen Doppel-

gänger.)

 

 

    Nein, mein Herr, Sie sind viel zu bescheiden. Das ist mir umsomehr aufgefallen, als Sie ja dem Schauspielerberufe angehören. Unter diesen Leuten wird gewöhnlich ein Rollenwechsel mit der nötigen Reklame hinausposaunt, damit alle Welt weiß, daß der Heldentenor Y. den Lohengrin in der nächsten Saison singen wird, daß die Tochter vom Direktor des Stadttheaters in R. die Rolle des Freischütz-Aennchens übernimmt, oder daß an der Stelle des verstorbenen Bühnenkünstlers C. eine jüngere Kraft engagiert wurde, die zwar die Lücke nicht ganz auszufüllen imstande ist, deren bisherige Leistungen aber zu den schönsten Hoffnungen berechtigen. Sie haben es fertig gebracht, mit dem größten Stillschweigen die Rolle zu übernehmen, die Ihnen durch den Tod Ihres Vorgängers zugekommen ist; und Sie haben es verstanden, diese Rolle bis heute zu spielen, ohne daß das Publikum von dem Wechsel etwas merkte, oder daß es Ihre werte Persönlichkeit der Unechtheit verdächtigte. Dieser Umstand, das Publikum so täuschen zu können, ist eine lobende Anerkennung für Ihr Talent und Ihre Anpassungsfähigkeit, und es kann sein, daß es für Ihren Direktor vorteilhaft ist, Ihre Person in namenloses Dunkel zu hüllen. Mögen aber diese Gründe, die Sie zum Stillschweigen veranlaßten, berechtigt oder unberechtigt sein, so gefällt mir doch etwas an diesem Verfahren nicht. Ich kann nicht zugeben, daß man dem Toten, der doch als braver Soldat auf dem Schlachtfeld gefallen ist, keine Ruhe gönnt, daß man ihn, Ihren Vorgänger, den rechtmäßigen Inhaber des Namens, den zu tragen Ihnen beliebt, ruhig weiter leben läßt. Darum werden Sie es als begreiflich finden, wenn ich nun an Sie gelange mit dem Ersuchen, Ihren Namen bekannt zu geben.

    Wie, Sie heißen Max Linder? Sie wollen nichts wissen von einem Vorgänger, noch von einem solchen, der auf dem Schlachtfeld gefallen sein soll? Sie wollen den Unwissenden spielen? Alle Achtung vor Ihrer Verschwiegenheit, aber man kann doch auch gelegentlich etwas übertreiben. Sie wollen also nicht wissen, wen ich meine? Gut! Ich werde Ihnen mit Tatsachen aufwarten, wenn Sie mich einen Augenblick anhören wollen.

    Als vor etwa 8 Jahren die Kinematographen in der Schweiz ihren Einzug hielten, hatte sich bald ein junger, schlanker Mann, der in humoristischen Films die Rolle eines Liebhabers und Bonvivant spielte, die Sympathie des Publikums erobert. Ja, mit der Zeit wurde er unter dem Publikum (und nicht zuletzt unter den Kindern) so beliebt, daß man ihn bisweilen geradezu vermißte, wenn er in einem Programm nicht auftrat. Bei seinen ersten Versuchen im Schlittschuhlaufen, sowie auch später, als er den Rollschuhsport erlernen wollte, brachte er unsere Lachmuskeln durch seine graziöse Ungeschicklichkeit in erschütternde Bewegung. Ferner wird man sich lebhaft noch daran erinnern, wie er aus Liebe zum Räuberhauptmann, zum Coiffeur, zum Bergsteiger oder zum Bärenjäger wurde u. in alle möglichen und unmöglichen Berufsarten hineingeriet. In allen jenen Rollen, die ein Liebhaber sich ausdenken kann, um sich seiner Angebeteten zu nähern oder sie durch eine heroische Tat zu erobern, hat er uns durch seinen Humor köstlich unterhalten. So wurden die Lustspiele, die er mimt und häufig von ihm verfaßt waren, beliebte Repertoirestücke, weil sie wegen der individuellen Note, die er ihnen zu geben wußte, über den Durchschnitt herausragten.

    Aber im August des vorigen Jahres eröffnete das Theater des Weltkrieges seine Bühne. Und auf dieser großen Bühne war es Max Linder vergönnt, zwar keine humoristische, aber seine schönste Leistung zu vollbringen, nämlich für sein Vaterland zu sterben. Denn bald kam aus Paris die Nachricht, daß er auf dem westlichen Kriegsschauplatz gefallen sei. Obwohl einige Blätter Kenntnis davon gaben, mag dem Publikum diese Nachricht infolge der allgemeinen Aufregung bei Kriegsanfang entgangen sein. Nichtsdestoweniger bleibt der Tod Max Linders Tatsache, was ich mir vorsichtshalber von einer in Paris lebenden Persönlichkeit bestätigen ließ. Die Nachricht war sogar bis nach Berlin gedrungen, denn eine große Zeitung von dort brachte die Mitteilung und schmückte sie mit dem Bilde des Kinoschauspielers.

    So war nun der irdischen und der militärischen Gerechtigkeit Genüge geschehen, aber - nicht der kinematographischen. Die Firma Pathé frères in Paris konnte seinen Tod nicht verwinden. Sie wollte Max Linder nicht untergehen, sie mußte ihn leben lassen. Eine so gute Rolle mußte unter allen Umständen weiter gespielt werden. Vielleicht kam ihr die Aufregung in den ersten Kriegsmonaten zu Hilfe, so daß die Täuschung, wenigstens für die uneingeweihten Kreise und besonders für das Ausland, vortrefflich gelang. Und - die Max Linder-Films erschienen weiter; durch einen anderen, einen Strohmann interpretiert. Und dieser Strohmann sind Sie, mein Herr, wenn mir dieser Ausdruck gestattet ist. Allerdings, wie ich schon am Anfang erwähnte, ein sehr geschickter Strohmann. Neben Ihrer Geschicklichkeit und Ihrem Talent stehen Ihnen auch die natürliche Technik (wenn man bedenkt, daß Ihre Stimme nicht geprüft werden kann) und die Hilfsmittel der Kinematographie zur Seite.

    Seit dem Tode Ihres Vorgängers bis jetzt habe ich gut ein Dutzend Max Linder-Films gesehen. Nun wäre es für mich, der ich in der Schweiz wohne, sehr schwierig, aus schnell vorbeiziehenden Bildern in einem Kino zu gelangen, da ich ja schließlich von Ihnen, der Sie in Paris leben nichts anderes weiß, als daß Sie nicht der sind, für den Sie sich ausgeben. Mag auch sein, daß unter dem Dutzend hie und da ein echter Max Linder-Film verwendet wurde, was ja die Schwierigkeit noch erhöhte. Ja, manchmal, wenn ich so ein Leinwandbühnentheater verließ, konnte ich mit Gretchen sagen: "Viel gäb' ich drum, wenn ich nur wüßt', wer heut' der Herr gewesen ist." Aber dem einzelnen Individuum halten doch immer Eigenschaften, Bewegungen einzelner Muskelgruppen an, die von einem andern Individuum selbst mit Hilfe der Kinematographentechnik nicht übernommen werden können. Und daheim in meiner Stube, bei einer Schweizer Havanna, Marke Ormond oder Rio Grande, kamen mir allerlei Gedanken, etwa wie diese: Warum ist Max Linder plötzlich ein tüchtiger Sportsmann geworden? Wenn er es schon war, warum kommt dies in letzter Zeit so prägnant zum Ausdruck? Schien mir seine Gestalt nicht manchmal ein wenig robuster als sonst? Kam es mir nicht öfters vor, als ob seine Bewegungen in einzelnen Films nicht mehr so graziös ungeschickt, sondern eher akrobatisch ungeschickt seien? Und warum kam ihn letzthin die Lust an, den Daumen so nach hinten zu biegen, wie ich es vorher nie gesehen habe?

    Das sind Gedanken, mein Herr, Gedanken, die sich aber zu Tatsachen verdichten, wenn man die anderen Umstände in Betracht zieht. Noch einen Trumpf habe ich aber in den Händen. Es wurde Ende Mai dieses Jahres ein Film gegeben, betitelt: "Max Linders Doppelgänger", in dem 2 Max Linder auftreten, ein echt und ein unecht sein sollender, die aber beide nicht von einander zu unterscheiden waren. Merken Sie wohl, "Max Linders Doppelgänger"! Sie haben also bereits einen fähigen Kollegen gefunden, falls Sie gelegentlich sterben sollten. Angenommen aber, einer der beiden wäre der urechte Max Linder gewesen, wer war denn der andere Max Linder? Etwa nicht Sie? Wenn es aber möglich ist, daß zwei Max Linder, die einander aufs Haar ähnlich sind, auf dem gleichen Bilde erscheinen können, so ist es auch möglich, daß der Doppelgänger auch allein den Max Linder spielen kann, wenn auch der rechte nicht mehr da ist.

    Mein Herr! Ich hoffe, Sie werden nun selbst überzeugt sein, daß Sie nicht Max Linder sind. Das einzige, wodurch Sie sich einigermaßen rechtfertigen könnten, wäre, wenn Sie erklärten, ein Bruder Max Linders zu sein, dann würden Sie eben doch Linder heißen, was im Ausland durchaus glaubhaft erscheinen würde. Der Tod Max Linders steht aber fest, sonst würde die Firma Pathé frères energisch gegen die Verbreitung der Todesnachricht protestiert haben. Und so verlange ich nochmals, Ihren Namen zu wissen.

    Doch nein, wenn ich es recht überlege, oder wenn mich wie Kleists Dorfrichter Adam "die Jurisprudenz verließe und ich Philosophie zu Hilfe nähm'", so kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, was ich mit Ihrem Namen anfangen sollte. Denn was bedeuten diese, wenn sie von Originalbezeichungen in den Hintergrund gedrängt werden. Sie haben die Rolle Max Linders übernommen, mögen Sie nun auch seinen Namen behalten. Denn wer das Amt hat, dem gehört auch der Titel. Sie haben bewiesen, daß Sie diesem Titel alle Ehre machen. Es wäre nicht gut, wenn diese Spezies der Max Linder-Films aussterben würde wie eine seltene Tierart. Nein, an Ihrem Namen liegt mir schon gar nichts mehr. "Tut nicht ein braver Mann genug, die Kunst, die man ihm übertrug, gewissenhaft und pünktlich auszuüben?" Spielen Sie also den Max Linder weiter, und unterhalten Sie das Publikum fernerhin mit Ihrem köstlichen Humor, denn dieser ist nötig in solch ernster Zeit! K.R. (Neue Züricher Zeitung, 6.7.1915)